Unternehmensanleihen

Lear-Anlegern bleibt nur noch die Hoffnung

Von Martin Hock

Zahlungsunfähig

Zahlungsunfähig

02. Juli 2009 Der Automobilbranche geht es nicht, insbesondere der amerikanischen. Das trifft besonders die Autozulieferer. Nachdem die Lear Corporation am Mittwoch eine Übereinkunft mit ihren Gläubigern erzielt hat, sucht das weltweit zu den größten Herstellern von Autositzen zählende Unternehmen nun sein Heil durch eine Sanierung auf dem Weg über das Insolvenzverfahren.

Für die Sanierung hat ein Syndikat unter Führung von JP Morgan und der Citigroup eine neue Finanzierung von 500 Millionen Dollar zugesagt. Das Direktorium habe den Gläubigerschutz nach Chapter 11 als den schnellsten und effektivsten Weg zur Reduzierung der erdrückenden Schuldenlast akzeptiert, teilte Lear mit. Lear-Betriebe außerhalb der Vereinigten Staaten und Kanadas sind von der Insolvenz nicht betroffen.

Insolvenz mit Ansage

Der Insolvenzantrag kommt nicht überraschend. Lears finanzielle Schwierigkeiten sind nicht erst in der Finanzkrise entstanden. 2005 musste das Unternehmen hohe Sonderbelastungen zwecks Restrukturierung hinnehmen. Schon 2006 enttäuschte Lear nicht nur die Erwartungen, sondern hatte auch im Jahresverlauf die Prognose für das Kerngeschäft gesenkt. 2007 und 2008 fielen die Umsätze um 10 bzw. 15 Prozent auf zuletzt 13,57 Milliarden Dollar.

Einen Reingewinn erzielte das Unternehmen in den vergangenen vier Jahren lediglich 2007 und auch dieser nahm sich mit 241,5 Millionen Dollar eher bescheiden aus, betrugen doch die kumulierten Verluste der anderen drei Geschäftsjahre 2,8 Milliarden.

Blickt man auf die Bilanzkennziffern, so scheint es vor allem die Schwere der aktuellen Krise zu sein, die den Konzern in die Zahlungsunfähigkeit manövriert hat. Im ersten Quartal des laufenden Jahres fiel der Umsatz gegenüber dem Vorjahresmonat um 44 Prozent.

Offenbar zuletzt kein Kredit mehr

Krisen gab es auch schon früher. 1993 betrug die Eigenkapitalquote zum Jahresende gerade einmal 5 Prozent. Danach gelang es Lear, die Eigenkapitalbasis bis 1997 wieder auf 27 Prozent zu erhöhen, bevor sie wieder unter Druck geriet. Schon zum Jahresende 2006 war sie unter 8 Prozent gefallen, 2008 unter 3 Prozent und zum 30. April lag sie erstmals im negativen Bereich, nicht zuletzt weil der Bilanzverlust immer stärker gestiegen war.

Die Finanzierungsschwierigkeiten, die das Unternehmen zuletzt hatte, zeigen sich aber nirgends deutlicher als anhand der Tatsache, dass sich die Fremdfinanzierungsstruktur in den beiden vergangenen Quartalen. Das Verhältnis von kurzfristigen zu langfristigen Finanzschulden, das jahrelang unter5 Prozent gelegen hatte, schlug von 1,7 Prozent am 30. September 2008 auf 170 Prozent zum 31. Dezember um. Daraus lässt sich schlicht der Schluss ziehen: Lear hat keine Kredite mehr bekommen, zumindest nicht längerfristig.

Geschichte eines Rating-Absturzes

Die Verschlechterung von Lears Finanzen spiegelt sich auch in der Entwicklung der Anleihen-Ratings wider. Zehn Jahre lang schwankten die Bonitätsnoten zwischen dem niedrigen Investment-Grade und dem oberen spekulativen Bereich. 2006 fiel das Rating erstmals auf B2/B- in den mittleren spekulativen Bereich. 2007 vergaben Standard & Poor's schon nur noch die Note „CCC+“. Nach einer leichten Erholung im Vorjahr wurden Lear-Anleihen zu Jahresbeginn nur noch mit „CCC/Caa2“ bewertet.

Im März griff die Regierung der Zulieferer-Branche mit insgesamt 5 Milliarden Dollar unter die Arme. Im Mai nahm Lear Umschuldungsbemühungen auf. Anfang Juni wurde dann die Bonitätsnote auf „C“ herabgestuft, nachdem Lear bekannt gab, die 30-Tage-Frist wahrzunehmen, in der die zum 1. Juni fälligen Zinszahlungen auf die im Dezember 2013 bzw. 2016 fälligen Renten hätten noch schadlos nachgezahlt werden können.Mit der Ankündigung vom Mittwochabend hat S&P die Anleihen nun auf „D“ abgestuft.

Hoffen auf Finanzierungslust

Noch ist nicht klar, wie hoch die voraussichtlichen Verluste der Anleihengläubiger sein werden. Lear hat bislang nur klar gestellt, dass man den Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und Kunden nachkommen will. Man erwarte, sich nunmehr im Zahlungsverzug zu befinden, war bisher die einzige Aussage.

Die Tatsache, dass Lear immerhin eine Finanzierung zur Restrukturierung gefunden hat, ist für einige Beobachter ein Anzeichen, dass sich angesichts der Regierungsunterstützung für die Insolvenzverfahren von General Motors und Chrysler, die Kreditgeber wieder aus der Deckung wagten. Und Lear hat die Unterstützung großer Gläubiger. Dies ist zumindest eine Hoffnung, an die sich Anleihenbesitzer klammern können.

Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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