Anleihemarkt

Gestiegene Risiko-Aversion hinterlässt Spuren bei den Renditen

22. November 2007 Geht es nach den Prognosen den Internationalen Währungsfonds dann wächst die Weltwirtschaft in diesem Jahr mit einer Rate von mehr als fünf Prozent. Und bei gleichzeitig praktisch weltweit anziehenden Inflationsraten und einem Ölpreis von fast 100 Dollar je Barrel würde man als Beobachter an den Rentenmärkten eigentlich steigende Renditen erwarten.

Doch schon seit Wochen machen die Renditen genau das Gegenteil: sie fallen. So sank die Rendite der amerikanischen Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit am Mittwoch zeitweise auf unter vier Prozent und damit den tiefsten Stand seit 2005. Am Handelsende betrug die Rendite dann 4,007 Prozent. Mitte Juni warfen diese Papiere noch eine Rendite von 5,21 Prozent ab.

Etwas abgeschwächt, aber von der Tendenz her ähnlich präsentiert sich die Entwicklung in Europa. Hier ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen von einem Zwischenhoch im Juli bei 4,66 Prozent bis auf zuletzt 4,02 Prozent gesunken. Auch im sehr langfristigen Bereich ist Bewegung in das Geschehen kommen. Die Rendite der dreißigjährigen amerikanischen Staatsanleihen liegt nur noch bei 4,459 Prozent und ist damit nicht mehr allzu weit entfernt vom 2003 markierten Rekordtief von 4,14 Prozent.

Rezessionsängste haben merklich zugenommen

Erklären lassen sich die fallenden Renditen mit der Stimmungslage der Marktteilnehmer. Diese ist geprägt von Angst sowie nachlassender Risikobereitschaft. Bei einem solchen Stimmungsbild suchen die Anleger für gewöhnlich Zuflucht in dem als vermeintlich sicher geltenden Hafen der Staatsanleihen. Was die Investoren um- and antreibt, sind die Sorgen um die Kreditkrise und die damit verbundenen Befürchtungen um das künftige Wirtschaftswachstum. Noch sind die meisten Volkswirte zwar zuversichtlich, dass die Weltwirtschaft auch im kommenden Jahr mit einer ansehnlichen Rate wachsen wird. Aber die Risiken haben zuletzt deutlich zugenommen und vor allem mit Blick auf Amerika melden sich immer mehr Experten zu Wort, die auch eine Rezession nicht mehr ausschließen wollen.

Angesichts dieser Wachstumsbedenken treten die Inflationssorgen an den Rentenmärkten aktuell etwas in den Hintergrund. Man beschwichtigt sich dabei auch selbst mit dem Hinweis, dass sich speziell in Amerika die Kernrate der Inflation noch in engen Grenzen bewege. Und wenn sich die Konjunktur wirklich merklich eintrüben sollte, dann dürfte sich das Inflationsgespenst ohnehin schnell wieder verflüchtigen, so die allgemeine Lesart.

Wie sehr sich der Wind gedreht hat, zeigt sich auch daran, dass selbst in Europa inzwischen vereinzelt die Möglichkeit einer Zinssenkung nicht mehr kategorisch ausgeschlossen wird. Zur Erinnerung: Bis vor kurzem waren die Auguren praktisch einheitlich fest von einer baldigen Zinserhöhung ausgegangen. Und was die amerikanische Notenbank angeht, werden am Geldmarkt mittlerweile sogar Zinssenkungen von derzeit 4,50 Prozent bis auf 3,50 Prozent bis Ende 2008 für möglich gehalten.

Weitere Tendenz hängt an der Kreditkrise

Aber trotz des gewandelten Stimmungsbildes stellt sich die Frage, wie viel Luft die Anleiherenditen jetzt noch nach unten haben. Bei den zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen ist bis zum Rekordtief von 3,09 Prozent zwar noch Platz, aber ob gerade amerikanische Staatsanleihen angesichts der volkswirtschaftlichen Probleme des Landes so ein sicherer Zufluchtsort sind, darf zumindest angezweifelt werden.

Aber solange die Unsicherheit so groß bleibt wie aktuell, dürften die Kurse der Staatsanleihen gut unterstützt bleiben. Das gilt insbesondere dann, wenn die Notenbanken tatsächlich die Zinsschleusen weiter öffnen sollten. Eine Trendumkehr nach oben ist bei den Anleiherenditen allerdings dann zu erwarten, wenn wie erhofft im ersten Quartal 2008 die negativen Auswirkungen der Kreditkrise nachlassen sollten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: Bloomberg, dpa, FAZ.NET

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