Chinas Volleyballfrauen

Schmetterbälle gegen die Schicksalsschläge

Von Frank Hollmann, Peking

13. Juli 2008 Sie will. Unbedingt. Jede Faser ihres 1,96 Meter langen Körpers signalisiert Entschlossenheit, wenn sich Zhao Ruirui in die Höhe schraubt und zum Schmetterball ansetzt. Peking sollen ihre Spiele werden, der Lohn für eine lange Leidenszeit.

Als Chinas Volleyball-Frauen 2004 im Finale von Athen siegten, schaute Zhao nur zu. Kurz vor den Spielen hatten Ärzte einen Ermüdungsbruch im Bein festgestellt, Knieverletzungen folgten. Drei Jahre kämpfte Zhao um ihre Rückkehr. Jetzt, mit 26, ist sie wieder da, ganz so, als ob sie nie auf dem Operationstisch gelegen wäre. Bei den Spielen der Weltserie Ende Juni setzte sie sich gegen die Weltklasseblocks der Brasilianerinnen, Kubanerinnen und Italienerinnen gleich serienweise durch. Eindrucksvoller hätte sich Zhao Ruirui nicht zurückmelden können.

Selbst gegen Deutschland und Holland setzte es Niederlagen

Ihre Willensstärke ist kennzeichnend für ein Team, das mehr durchlitten hat als jedes andere. Neben Zhao Ruirui musste auch Spielmacherin Feng Kun ein Jahr lang verletzt pausieren. 2006 gingen fünf von acht Spielen gegen die Volleyballgroßmächte Russland, Brasilien und Italien verloren, selbst gegen Deutschland und Holland setzte es Niederlagen. Sogar Trainer Chen Zhonghe, der Vater des Olympiasiegs von Athen, geriet in die Kritik. Er habe zu hart trainieren lassen, spekulierten Chinas Sportgazetten, habe Stammspielerinnen zu wenig Regeneration gegönnt.

Doch es kam noch schlimmer, viel schlimmer. Am 15. Juni 2007 verunglückte Tang Miao, sprunggewaltiger Angreifer der chinesischen Männer und Ehemann von Zhou Suhong, damals Mannschaftskapitän des Frauen-Nationalteams. Beim Training vor einem Freundschaftsspiel in Sankt Petersburg krachte Tang beim Versuch, einen schwierigen Ball zu erreichen, gegen die Wand der Sporthalle und blieb regungslos liegen: Querschnittslähmung vom Hals abwärts. Der über zwei Meter große Hüne, der sein Team aus Schanghai zu vier Landesmeisterschaften nacheinander geschmettert hatte, liegt nun regungslos in einer Spezialklinik und wird künstlich beatmet.

Angesichts der Katastrophen schien Gold in unerreichbarer Ferne

Seit dem Unfall fliegt Zhou Suhong, sooft es geht, vom Training ans Krankenbett, manchmal sitzt sie jeden zweiten Tag im Flugzeug von Peking nach Schanghai. Zeitweise war sie selbst kurz vor dem Zusammenbruch, bat ihren Trainer, sie aus dem Spiel zu nehmen. Ein halbes Jahr zuvor hatte Zhou noch trotz eines Bänderrisses im Knie weitergespielt.

Angesichts dieser Katastrophen schien die Goldmedaille in unerreichbare Ferne gerückt. Noch Ende letzten Jahres sagte der Direktor des nationalen Volleyballzentrums, Xu Li, dass er schon mit einem fünften Platz in Peking zufrieden sei. Frühzeitig wollte Xu die chinesischen Sportfans darauf vorbereiten, dass es vielleicht nichts wird mit dem erhofften Olympiasieg in einer Mannschaftsdisziplin. Denn außer den Volleyballerinnen haben bestenfalls noch die Basketballerinnen und Hockeyspielerinnen halbwegs realistische Chancen auf Gold.

Die Willenskraft begeistert die heimischen Sportfans

Doch seit Beginn des Olympiajahres ist die Zuversicht zurückgekehrt. Seitdem Zhao Ruirui und Feng Kun ihre Verletzungen auskuriert haben, zeigen Chinas Frauen wieder all ihre Tugenden: perfekte Ballannahme, variables Spiel, gewaltige Schmetterschläge und unbändiger Siegeswille. In Athen hatten die Chinesinnen Kuba im Halbfinale und Russland im Endspiel in Fünf-Satz-Krimis niedergekämpft. Die gleiche Energieleistung gelang ihnen auch bei den letzten Spielen der Weltserie in Ningbo und Hongkong gegen die versammelte Weltspitze.

Diese Willenskraft begeistert die heimischen Sportfans. Feng Kun, Zhang Na, Yang Hao oder Zhou Suhong sind seit dem Olympiasieg Idole und fast so populär wie Hürdensprinter Liu Xiang, NBA-Basketballer Yao Ming, Tischtennis-Weltmeister Wang Liqin oder Wassersprung-Diva Guo Jingjing. Die Volleyballerinnen schmettern auf riesigen Plakaten in Chinas Innenstädten, im Fernsehen wirbt Adidas mit den Olympiaheldinnen, erst am Boden, dann wild entschlossen zum Sieg - „Impossible is nothing“, alles ist möglich.

Nationaltrainer Chen Zhonghe weiß, was Schicksalsschläge sind

„Der Olympiasieg hat das Leben meiner Spielerinnen verändert. Sie verdienen mehr, auch durch Werbung“, sagt Cheftrainer Chen Zhonghe, während er am Rande der Weltserie das Aufwärmen im nationalen Trainingszentrum in Ningbo, südlich von Schanghai, beobachtet. Gelassen sitzt er auf der Bank, unscheinbar, aber nicht unnahbar.

Gleich werden seine Spielerinnen gegen Brasilien antreten, ein Duell auf Weltniveau. Chen nimmt sich trotzdem Zeit für ein unangemeldetes Interview mit deutschen Journalisten. Das Gehabe, die Geheimnis- und Wichtigtuerei, hinter denen sich viele chinesische Trainer und Funktionäre verstecken, ist Chen Zhonghe fremd. Vielleicht auch, weil er in seinen 51 Lebensjahren zu viel durchmachen musste.

Nach Olympia und 18 Jahren als Assistenz- und Cheftrainer des Nationalteams will er nun zurücktreten. Seine Zukunft soll der Familie gehören. Chens älterer Bruder, ebenfalls Trainer, starb bei einem Autounfall. 1992 verlor er seine Frau, seine Mutter ist seit einem Arbeitsunfall gelähmt. Schon lange vor dem Drama in der Familie von Zhou Suhong wusste der Mann, was Schicksalsschläge sind.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, imago sportfotodienst, REUTERS

 

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