Von Petra Kolonko, Changping
14. Januar 2008 Und nun verbeugen wir uns alle im korrekten Winkel von 45 Grad.“ Vierzig junge Frauen verneigen sich lächelnd vor der Lehrerin. Jetzt nehmen wir die Zeitung vom Boden auf.“ Lächelnd gehen vierzig junge Frauen perfekt synchronisiert in die Knie, das linke Bein vorn, den Oberkörper gerade und greifen nach einer Zeitung. Und nun schreiten wir zur Siegerehrung.“ Lächelnd drehen sich die jungen Damen um neunzig Grad nach links und schreiten zum Podest.
Noch ist das Siegerpodest nur ein Übungsgestell, aber die jungen Frauen hier üben für den Ernstfall. Im Trainingszentrum der Fachschule von Changping, 30 Kilometer vor Peking, werden sie ausgebildet. Ihr Gesicht und ihre Erscheinung sollen bei den Olympischen Spielen von Peking die Siegerehrungen anmutig machen und die Bilder, die um die Welt gehen, verschönern. Zeremonien-Fräuleins“ hat sie der Volksmund getauft. Seit Monaten trainieren hier ausgewählte Freiwillige für den großen Einsatz als Hostessen während der Pekinger Spiele. Einige durften schon bei den Probewettbewerben Viel Glück, Peking“ antreten. Die besten von ihnen werden bei den olympischen Siegerehrungen die Kissen mit den Medaillen balancieren und den Sportlern und Funktionären mit eleganten Handbewegungen (Ausstrecken bis 90 Grad) den Weg zeigen – und lächeln.
Alles muss im Gleichklang ablaufen
Ye Lulu ist eine von den Kandidatinnen. Die 16 Jahre alte Schülerin kommt aus der Provinz Anhui. Im Internet hat sie gelesen, dass die Schule in Changping auch Hostessen für die Olympischen Spiele ausbildet, da hat sie sich gleich beworben. Nach einer Prüfung und einem Probelauf wurde sie in die Klasse Luftfahrt-Service“, aus der die meisten Hostessen rekrutiert werden, aufgenommen. Und nun übt sie täglich für Olympia.
Der Stundenplan ist hart. Eine Stunde lang müssen die jungen Frauen mit einem Buch auf dem Kopf und einem Stück Papier zwischen den Knieen ruhig stehen. Es gibt Unterricht in Gymnastik, Ballett und Höflichkeitsfloskeln, und immer wieder wird Laufen, Schreiten, Umdrehen geübt. Das brauchen wir für die Zeremonien, da muss alles im Gleichklang ablaufen“, erklärt eine Lehrerin. Es sei vor allem wichtig, dass jede Hostess das Tempo ihrer Bewegungen und den Abstand zu den anderen genau unter Kontrolle hat.
Das Lächeln ist nicht wie das Alltagslächeln
Ich war nicht gewohnt, so lange in hochhackigen Schuhen zu stehen und zu laufen.“ Das Schwerste jedoch, sagt die 17 Jahre alte Han Yue aus der nordchinesischen Provinz Heilongjiang, sei das Lächeln. Die olympischen Hostessen müssen lernen, ständig zu lächeln, keine Sekunde darf der freundliche Ausdruck aus ihrem Gesicht weichen. Das Lächeln ist nicht wie das Alltagslächeln“, sagt Han Yue, es darf nicht zu breit sein und nicht zu klein, sechs bis acht Zähne sollten zu sehen sein.“
Am Anfang des Kurses, so berichten die Schülerinnen, mussten sie für die Dauer einer Unterrichtsstunde ein Essstäbchen im Mund halten, damit die Muskeln im Gesicht trainiert werden und der Mund sich an das dauernde Lächeln gewöhnt. Das sei in der ersten Zeit sehr schwierig gewesen, sagt Han Yue. Aber mittlerweile kann sie es auch ohne Stäbchen. Aber sie gibt zu, es sei nicht einfach zu lächeln, wenn man sich nicht wohl fühle.
Tatsächlich weicht während des einstündigen Unterrichtes, den Journalisten in Changping beobachten durften, das Lächeln nicht von den einheitlich dezent geschminkten Gesichtern der jungen Frauen, und es sieht noch nicht einmal gequält aus. Im roten Kostüm und schwarzen Schuhen, die langen Haare alle einheitlich mit einer Samtschleife am Hinterkopf zusammengebunden, geben die jungen Frauen ein Bild gedrillter Grazie ab.
Auswahlkriterien: schön und schlank
Wir nehmen Mädchen, die zwischen 1,68 und 1,75 Meter groß sind, gut aussehen, eine gute Figur haben und sich bewegen können“, sagt Schulleiter Liu. Ein smarter junger Mann mit modischer Brille, der zur Feier des Tages das Parteiabzeichen der Kommunistischen Partei am Revers trägt, ergänzt: Sie sollen auch eine angenehme Erscheinung haben und ein bisschen Englisch können.“ Was darüber hinaus die Auswahlkriterien der Pekinger Olympiaplaner sind, weiß er nicht.
Die Auswahlkriterien schön und schlank“ haben schon Kritik aus dem Ausland hervorgerufen. Dies sei diskriminierend“, schrieb die Organisation Human Rights in China“. In China, wo die politische Korrektheit und das Empfinden für Benachteiligung noch unterentwickelt ist, stieß dies auf Unverständnis. Attraktive junge Frauen, meist in hochgeschlitzten Kleidern, sind in China eigentlich die übliche Beigabe zu Zeremonien. Sie gehören zu Fernsehshows und Sportwettbewerben und anderen offiziellen Anlässen, nur wenige nehmen Anstoß daran.
Auch in China gibt es Kritik an den Auswahlkriterien. Es wäre doch besser, Hostessen auszusuchen, die sich in ihrem Beruf oder durch soziales Engagement hervorgetan haben, anstatt nur hübsche Gesichter zu suchen, sagt Li Ning, eine Benimm-Lehrerin aus Peking. Die Hostessen sollten eher Botschafterinnen der chinesischen Kultur sein. Auch das ständige Lächeln findet sie nicht gut. Ein Lächeln solle etwas ausdrücken. Wenn es ständig auf dem Gesicht stehe, sei es falsch.
Zeremonien-Fräuleins stehen im Rampenlicht
Im November kam eine Delegation des chinesischen olympischen Vorbereitungskomitees in die Schule nach Changping und inspizierte die Kandidatinnen. Neun, so sagt Schulleiter Li Wenjun, seien schon für die Mitwirkung bei den Siegerehrungen ausgewählt worden. Die Erwählten wüssten aber noch nichts von ihrem Glück. Es sei besser für die Klasse, wenn das noch nicht bekannt sei, sagt der Schulleiter. Doch auch die jungen Frauen, die es nicht bis vor das Siegerpodest schaffen, werden wahrscheinlich bei den Spielen eingesetzt. Sie werden im Vogelnest“, wie das Olympiastadion heißt, andere Dienste verrichten. Die Schule hat schon einen Vertrag abgeschlossen. Vierzehnhundert Mädchen werden als Hostessen, Verkäuferinnen und Platzanweiserinnen eingesetzt.
Insgesamt werden für die Pekinger Spiele Zehntausende Freiwillige ausgebildet, die den Gästen in Peking helfen und die Organisatoren bei der Arbeit unterstützen werden. Viele sind für fremdsprachige Besucher im Einsatz oder dienen als Führer an vielen Stellen der Hauptstadt. Doch niemand wird so im Rampenlicht stehen wie die Zeremonien-Fräuleins“. Für die wird es von Februar an dann unter der Aufsicht des Olympischen Vorbereitungskomitees noch mehr Training geben. Was da dann noch geübt wird, bleibt einstweilen geheim.
Die Olympischen Spiele sind ein wichtiges Ereignis für unser Land. Wenn ich daran teilnehmen darf, ist das eine große Ehre. Und ich werde alles daransetzen, um meinen Land Ehre zu machen“, sagt Han Yue – und lächelt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS