Von Mark Siemons, Peking
23. März 2008 Morgen Mittag, am Ostermontag, wird es im heiligen Hain von Olympia zu einer eigenartigen Szene kommen. Ein paar Schauspieler in irgendwie antik wirkenden weißen Gewändern werden sich dort versammeln, und eine Frau namens Maria Naftpliotou, die man aber dort allseits Hohepriesterin“ nennt, wird vor dem Tempel der Hera den Gott Apollo preisen. Anschließend wird sie mit Hilfe eines Parabolspiegels das Sonnenlicht so bündeln, dass es sich entzündet. Die Flamme wird sie dann zu einem Taekwondo-Kämpfer namens Alexandro Nikolaidis tragen, der mit der Fackel davonlaufen wird.
Es hätte nicht des diesjährigen Austragungsorts der Olympischen Spiele und der Unruhen in Tibet bedurft, um einen verquasten Mythen- und Sakrokitsch wie diesen, mit dem der olympische Fackellauf beginnt, befremdlich zu finden. Es ist kein Geheimnis, dass die Olympischen Spiele der Antike keine solche Fackellauf-Zeremonie kannten und auch Coubertins neuzeitliche Spiele zunächst ohne sie auskamen. Erst das nationalsozialistische Deutschland und der Sportfunktionär Carl Diem führten sie 1936 ein. Diem hatte sich durch einen Fackellauf von Eroten auf einem Relief im römischen Palazzo Colonna inspirieren lassen; ihm ging es vor allem um die Heiligkeit“ der Flamme, die nach 3075 Kilometern und diversen Weihestunden“ inklusive Fahnenhissen und Glockenläuten zum Berliner Altar“ gelangen sollte.
Eine erweiterte symbolische Fassung der olympischen Idee
Die Zweckbestimmung des Fackellaufs, wie sie das Internationale Olympische Komitee (IOC) heute gibt, fällt nüchterner aus: Er sei ein mächtiges Symbol, das Menschen aus der ganzen Welt dazu inspiriert, ihre Zwistigkeiten zu überwinden und sich in gegenseitigem Verständnis näher zu kommen“. Insofern ist der Fackellauf eine erweiterte symbolische Fassung der olympischen Idee selbst: Er verbindet den Ort der Spiele mit Olympia und der ganzen Welt, gewissermaßen eine Kinoversion der ölzweiggekrönten Läufer, die vor den Spielen der Antike den Ländern den olympischen Frieden ausriefen.
Doch ebenso wie die Spiele selbst sind auch die Heiligkeit“ und der Friede“ ihrer Flamme nicht gegen die Untiefen der politischen Interessen gefeit. Dieses Jahr wird die Strecke mit 137.000 Kilometern so lang und ambitioniert sein wie niemals zuvor. Nachdem die Fackel zunächst eine Woche durch Griechenland bis nach Athen getragen wurde, erlebt sie am 31. März in einer Pekinger Zeremonie noch mal einen zweiten Start.
19.400 chinesische Läufer wurden ausgewählt
Sie geht dann durch Europa, Amerika, den Vorderen Orient und Asien, um schließlich ihren langen Zug durch die chinesischen Provinzen anzutreten. Nicht weniger als 19.400 chinesische Läufer wurden ausgewählt, die mit ihrem Leben unter Beweis gestellt haben mussten, dass sie patriotisch“ sind, zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft“ beitragen und in ihrem Beruf herausragen.
Das Nationale Olympische Komitee macht keinen Hehl daraus, dass es für den Lauf auf chinesischem Boden noch eine eigene Agenda hat, die durch die Leitworte Patriotismus, Reform, Innovation und das neue Image des chinesischen Volkes“ bestimmt ist. Das Staatsfernsehen wird an jeder Station eine fünfzehn Minuten lange Zusammenfassung dieser Reise der Harmonie“ im In- und Ausland ausstrahlen. Entzünde die Leidenschaft, teile den Traum“ lautet das offizielle Motto.
Taiwan hat sich verweigert
Was weltweit immer mehr Anstoß erregt, ist indessen nicht dieses innenpolitische Programm, sondern der beanspruchte Umfang der chinesischen Nation, der durch die olympische Symbolik unterstrichen werden soll. Taiwan hatte sich deswegen verweigert, weil ihm ein Platz zwischen den Provinzen der Volksrepublik zugewiesen worden war. Dass auch Tibet zwischen Sichuan und Qinghai eine Station des Laufs ist, ist erst einmal nicht verwunderlich, da es dem Status quo seiner völkerrechtlichen Anerkennung entspricht; doch unter der Prämisse des vorpolitischen Konzepts Olympias, das in erster Linie Völker und nicht Staaten miteinander verbindet, bedeutet seine Einbeziehung eine auch außerstaatliche symbolische Anerkennung seiner chinesischen Zugehörigkeit. Angesichts der tibetischen Unruhen wurden die Forderungen daher jetzt lauter, die Region ganz aus dem Programm herauszunehmen, aber weder China noch das IOC sehen einen Anlass dazu.
Am meisten erzürnt tibetische Aktivisten aber, dass ein völlig aus der Reihe fallendes Prestigeunternehmen der chinesischen Regierung ausgerechnet von Tibet aus stattfinden wird: Der Fackellauf soll über den Mount Everest, den höchsten Gipfel der Erde, führen. Damit erreicht die längst verquer gewordene olympische Fackelsymbolik einen im wahrsten Sinne des Wortes neuen Höhepunkt. Heilige Flamme, einige Menschheit, Tibet und China sollen hier in eins gehen: Das ist die Unterstreichung eines unverhüllt universellen Anspruchs. Kein Wunder, dass die Verfechter der Unabhängigkeit Tibets gerade für diese Station erheblichen Widerstand und symbolische Gegenmaßnahmen angekündigt haben. Eher erstaunt es, dass das Internationale Olympische Komitee diesem aberwitzigen Plan überhaupt jemals zugestimmt hatte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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