Von Evi Simeoni
22. Juli 2008 Es geht lustig zu im Nebenraum der Krone in Achkarren. Ständig peilen großgewachsene Athleten mit ihren Tellern das Büfett an und kommen mit imponierenden Ladungen an Roastbeef mit Soße, Nudeln und grünen Bohnen zurück. Das gibt Kraft. Seit fast drei Wochen ist der Deutschland-Achter nun schon im Trainingslager, zusammen mit der ganzen Abteilung Riemenrudern, aber von Lagerkoller spürt keiner etwas. Wir ziehen alle an einem Strang, betonen sie immer wieder.
Der Trainer bestätigt es. Vom Heck zum Bug rudern im Deutschland-Achter: Schlagmann Andreas Penkner, Kristof Wilke, Jochen Urban, Florian Mennigen, Philipp Naruhn, Matthias Flach, Sebastian Schmidt und Florian Eichner. Lauter unverbrauchte Gesichter. Dass sie hier sind, dass sie sich Ende des Monats in dieser Formation auf den Weg zu den Spielen in Peking machen werden, ist ein Sieg der Gerechtigkeit und des Leistungsgedankens, finden sie. Darum herrscht blendende Stimmung.
Die Notbremse war der letzte Schritt
Irgendwo da draußen, außerhalb des gemütlichen Gastraumes, gibt es acht Ruderer und einen Trainer, die das anders sehen. Sie finden, dass die jungen Männer in Achkarren von ihren Tellern essen, in ihren Betten schlafen und sich Tag für Tag in ihrem Achter breitmachen. Das sind die älteren Herren, wie sie aus der Ferne süffisant genannt werden, die Weltmeister von 2006 und WM-Zweiten von 2007 um Schlagmann Bernd Heidicker, die dachten, niemand könne sie aus dem Olympia-Boot vertreiben. Schon gar nicht die Herausforderer der nachwachsenden Generation.
Sie dachten es trotz ihres erschreckend schwachen Abschneidens beim Frühjahrstest, wo normalerweise die Plätze in den Booten ausgefahren werden sollten, und trotz enttäuschender Saisonleistungen, weil sie glaubten, die Leistung käme schon, wenn es ernst wird. Sie dachten es bis zum 4. Juni, dem Tag, an dem die Verantwortlichen des Deutschen Ruderverbandes eingriffen und die ehemaligen Weltmeister komplett in den Ruhestand versetzten. Mitsamt Dieter Grahn, dem Cheftrainer. Für sie alle liegt die Ruderwelt nun in Scherben. Ein schwarzer Tag für eine profilierte Mannschaft, für einen renommierten Coach und für den Verband.
Es war der gängigste Ausweg, sagt Christian Viedt trocken. Der Lüneburger ist kurzfristig von Grahns Assistent zum Achtertrainer aufgestiegen. Die Notbremse war der letzte Schritt, sagt der Mainzer Sebastian Schmidt. Wir alle sind überzeugt davon, dass diese Mannschaft besser ist. Die Medaillenchance ist sicherlich da, erklärt Viedt.
Da fühlt man sich ein bisschen verscheißert
Schmidt und sein Zweier-Partner Jochen Urban sind die Einzigen aus der jungen Generation, die schon beim Weltcup in Luzern am 1. Juni im Deutschland-Achter saßen. Man konnte es ihnen kaum verwehren: Sie waren die beiden Schnellsten beim Zweier-Test im Frühjahr in Brandenburg gewesen. Als der Achter allerdings im Finale zehn Sekunden hinter dem Sieger Kanada ins Ziel kam, machten die Wortführer ausgerechnet diese beiden für den Untergang verantwortlich. Wir wussten nicht, ob wir drin bleiben, sagt Schmidt.
Sie fürchteten, dass der Eton-Achter sich auf ihre Kosten komplettieren wollte. Nur noch ein Paar fehlte zur Originalbesetzung: der Zweier Siemes/Tebrügge, Siebzehnte des Frühjahrstests. Und der Gedanke war nicht absurd: Die Zweiten des Frühjahrs, Eichner/Naruhn, hatten an Pfingsten nach dem enttäuschenden vierten Platz beim Weltcup in München den Elften, Dießner/Koltzk, weichen müssen. Man hat also den zweitschnellsten Zweier herausgenommen und den Achter mit dem Elften verstärkt, spottet Naruhn. Da fühlt man sich ein bisschen verscheißert.
Der Trainer hat mir null Beachtung geschenkt
Längst hatte sich Verbitterung breitgemacht unter den Nachwuchsleuten. Sie waren davon überzeugt, dass sie niemals eine Chance bekommen würden, trainierten verzweifelt weiter und beobachteten verwundert, wie hartnäckig Grahn an seiner einstigen Erfolgsmannschaft festhielt. Er wurde von seinen Athleten an der Nase herumgeführt, sagt Kristof Wilke. Die Anwesenden sind sich einig, dass die Lagerbildung unter den Riemenruderern schon länger als ein Jahr dauert. Sie habe sich nur sukzessive verschlimmert. So wie die Leistungsschwäche der Stamm-Ruderer, die sich auch im Training Boot gegen Boot offenbarte. Im Herbst haben wir uns einen Spaß daraus gemacht, die an die Wand zu klatschen, sagt Wilke. Aber der Trainer hat mir null Beachtung geschenkt.
Andreas Penkner, der neue Schlagmann aus Radolfzell, der sich schon seit Jahren gegen das System Grahn aufgelehnt hat, schaut sich lächelnd um. Die Zeit hier im Trainingslager ist klasse. Wir werden vielleicht nie wieder so viel Spaß haben im Leben. Er ist 25 Jahre alt und will sich vor dem Protektionismus seiner Vorgänger hüten. Wichtig ist, dass man Leute integriert. Das muss sukzessive passieren.
Also besser nicht auf einen Schlag wie diesmal, denn jetzt wird die Zeit knapp. Lediglich beim Weltcup Ende Juni in Posen hat der neue Achter sich im Wettkampf erproben können und wurde in einem Rennen mit drei Booten knapp hinter Großbritannien Zweiter. Doch selbst Orientierungsprobleme können die Aufsteiger des Sommers nicht schrecken. Wir sind der unberechenbare Angstgegner, sagt Penkner. Bei uns weiß keiner, woran er ist. Wir auch nicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Deutschland-Achter
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