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Unruhen

Verhaftungswelle in Tibet - heile Welt in Olympia

24. März 2008 Mit einem massiven Militäraufgebot und einer Verhaftungswelle hat China die Unruhen der Tibeter weitgehend niedergeschlagen. Nur vereinzelt flammten am Wochenende noch Proteste gegen die chinesische Fremdherrschaft auf. Staatliche chinesische Zeitungen verbreiteten einen Aufruf, die „Verschwörung und Sabotage“ durch tibetische Unabhängigkeitskräfte zu „zerschmettern“. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama, rückten sie sogar in die Nähe des Terrorismus. Doch meldeten sich in China auch kritische Intellektuelle, die der Regierung „einseitige Propaganda“ vorwarfen und zum Dialog mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter aufriefen.

Trotz des Truppenaufmarsches kam es nach exiltibetischen Angaben am Wochenende in den Provinzen Gansu und Qinghai zu neuen Protesten und Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Seit Tagen haben die Truppen große Klöster in der Nähe von Lhasa und in anderen Orten abgeriegelt. Die Lebensmittel- und Wasserversorgung sei teils abgeschnitten worden. Tibetische Aktionsgruppen warnten vor einer „humanitären Katastrophe“.

Deutsche Sportler dürfen nach Peking fahren

Nach einer neuen Bilanz der tibetischen Regierung sind bei den gewalttätigen Unruhen in Lhasa 19 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 600 verletzt worden. Exiltibeter gehen von insgesamt 135 Toten in Tibet aus. Mehr als 1300 Tibeter seien bei der laufenden „Säuberungskampagne“ festgenommen worden.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat sein Nein zu einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking trotz der Vorkommnisse bekräftigt. In dem entsprechenden Beschluss des DOSB-Präsidiums wurde am Montag in Frankfurt auf Stellungnahmen der Bundesregierung, von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sowie auch des Dalai Lamas verwiesen. Allerdings äußerte sich der DOSB zugleich besorgt über die Entwicklung in Tibet. Der DOSB kritisierte zudem die Lage der Menschenrechte in China als „nicht zufriedenstellend“ und verurteilte „jede Form von Gewalt als den Prinzipien des Sports widersprechend“ (siehe dazu auch: IOC sieht „keinen glaubwürdigen Impuls“ für Olympiaboykott).

Eklat überschattet Entzündung des olympischen Feuers

Begleitet von anti-chinesischen Protesten wurde in Griechenland das Olympische Feuer für die Spiele in Peking entfacht. Pro-Tibet-Aktivisten gelang es, die Zeremonie in der antiken Stätte von Olympia zeitweilig zu stören. Als der Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2008 in Peking (Bocog), Liu Qi, bei der Hälfte seiner Rede anlangte, war es mit dem zuvor vom Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, eindringlich beschworenen olympischen Frieden vorbei: Drei Männer, später als Mitglieder der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ identifiziert, sprangen von ihren Sitzen und versuchten, in Richtung des chinesischen Sportpolitikers vorzudringen. Einem gelang dieses Vorhaben auch, zwei wurden gleich von den griechischen Sicherheitskräften in den „Schwitzkasten“ genommen und abgeführt (Siehe auch: Video: Die Tibet-Krise erstickt das Olympische Feuer).

Der Dritte jedoch konnte sich hinter Qi plazieren, griff ihm ins Mikrofon und entrollte eine schwarze Flagge, auf der die fünf olympischen Ringe als Handschellen dargestellt waren. Rund eine Minute dauerte diese fast bizarre Szene unter der Sonne von Olympia, bis auch dieser Aktivist von der griechischen Polizei abgeführt wurde. Qi setzte unbeirrt, aber unüberhörbar lauter seine Rede fort. Zum Schluss schrie er fast und applaudierte sich selbst. Die chinesische Delegation erhob sich demonstrativ von ihren Sitzen und applaudierte ebenfalls. Die anderen Gäste, inklusive des IOC-Präsidenten, schauten eher betreten drein.

Kein Kommentar von IOC-Offiziellen zum Vorfall

Es war das erste Mal in der Geschichte der Entzündung des olympischen Feuers, dass diese Zeremonie auf solche spektakuläre Art und Weise als Bühne für politische Demonstration genutzt wurde. Jeden Versuch, mit dem verhafteten Trio in Kontakt zu treten, verhinderte die griechische Polizei rigoros. Die IOC-Offiziellen enthielten sich jeden Kommentars zu den Vorfällen (Siehe auch: Olympia-Kommentar: Rogges hohle Phrasen). Einzig die griechische Außenministerin und vormalige Bürgermeisterin der Olympiastadt Athen, Dora Bakoiannis, sagte gegenüber dieser Zeitung: „Die Chinesen haben es sicher bedeutend schwerer als wir vor vier Jahren.“

„Jede Zeremonie ist anders“, hatte Artemis Ignatiou, der verantwortliche Choreograph für die Entzündung des olympischen Feuers in dem Heiligen Hain in Olympia, schon vor gut einem Monat angekündigt. Da dachte er sicher noch mehr an die Live-Musik und die männlichen Tänzer, die er in seine innovative Regie einbaute, und weniger oder gar nicht an die politische Dimension, die die Fackelentzündung am Ostermontag durch die chinesische Politik gegenüber der Autonomen Provinz Tibet plötzlich erfuhr.

Nur ausgewählte Gäste erleben die Zeremonie mit

Am Anfang noch schien die Entzündung des Feuers friedlich über die antike Bühne zu gehen. Sogar die Sonne schien. Die Zeremonie war wegen einer aufziehenden Regenfront extra um eine Stunde vorgezogen worden. Drinnen im olympischen Hain saßen der Bocog-Präsident und der IOC-Präsident sowie viele Ehrengäste in gespannter Erwartung. Nach der Störung wurde die Zeremonie fast trotzig weitergeführt - allerdings von den in der Regie vorgesehenen mehr als 1000 Polizisten beschützt, von so vielen Sicherheitskräften wie noch nie bei einer Fackelentzündung. Als um 12.15 Ortszeit die in eine Toga gewandete griechische Hohepriesterin Maria Nafpliotou mit Hilfe eines Parabolspiegels das Feuer entzündete, war diese Zeremonie formal abgeschlossen.

Dies alles bekamen nur ausgewählte Gäste mit. Es geschah gleichsam unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil das Feuer in der alten Stadionanlage neben dem Heiligen Hain entzündet wurde. Draußen protestierten derweil tibetische Aktivisten gegen den Militäreinsatz der chinesischen Streitkräfte in der Autonomen Provinz Tibet und wetterten auch dagegen, dass das olympische Feuer durch Tibet getragen wird. Schon am Morgen hatten sich rund zwanzig tibetische Demonstranten vor dem Ortseingang von Olympia versammelt. Sie wurden aber durch einen massiven Polizeieinsatz am Betreten des Dorfes gehindert. „Boykottiert das Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt“ war auf einem Transparent in englischer Sprache zu lesen.

Auch Deutsche tragen die Fackel auf den ersten Metern

In der mit Spannung erwarteten Rede im Heiligen Hain auf der griechischen Halbinsel Peleponnes erinnerte IOC-Präsident Jacques Rogge an die antike „Ekecheiria“, die Zeit also, die als olympischer Waffenfrieden bezeichnet wird. Während der antiken Spiele war es allen teilnehmenden Nationen verboten, Kriege zu führen. Rogge sagte in seiner Rede: „Die Fackel soll in den kommenden Wochen überall und von jedem als Symbol des Friedens angesehen werden.“ Und er forderte weiter: „Der Fackellauf und die Spiele müssen unter einem friedfertigen Geist stehen.“ Rogge mahnte, die Spiele seien nicht nur eine Sportveranstaltung, sondern auch eine Chance für die Menschen in China und der Welt, einander zu begegnen, sich kennenzulernen und zu respektieren.

Der griechische Taekwondo-Sportler Alexandros Nikolaidis, Gewinner der olympischen Silbermedaille 2004 in Athen, und die chinesische Schwimm-Olympiasiegerin von Athen, Luo Xuejuan, waren die ersten Läufer, die die Fackel auf ihren Weg brachten. Auch drei Deutsche gehörten, vom Fackellauf-Sponsor Volkswagen aufgeboten, zu den Fackelträgern: Hockey-Olympiasiegerin Nadine Ernsting-Krienke, der Wolfsburger Fußball-Trainer Felix Magath und der frühere Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck.

Griechisches Fernsehen zeigt nur wenige Bilder

So wie die ersten Läufer werden nun wohl alle noch folgenden auf ihrem Weg von einem starken Aufgebot an Sicherheitskräften geschützt. „Wir rechnen mit Störungen“, hatte das Mitglied des griechischen Nationalen Olympischen Komitees und IOC-Vizepräsident Lambis Nikolaou schon am Vorabend der Fackelentzündung zugegeben. Eine zutreffende Vermutung: Schon auf den ersten Kilometern warf sich ein Mann vor die Füße eines Fackelläufers. Zuvor hatte er sich mit roter Farbe übergossen. Weitere Menschen skandierten „Schande für China“.

Die griechische Regierung kritisierte die Proteste: „Wir verurteilen aufs schärfste jeden Versuch, die Zeremonie, die Entfachung des olympischen Feuers und den anschließenden Fackellauf zu stören.“ Das griechische Fernsehen zeigte nur wenige Bilder von den Aktionen.

Chinesen wollen unbeirrt an der Route festhalten

Von Olympia geht nun die Reise zunächst einmal sieben Tage lang durch Griechenland. Am 30. März wird die Fackel schließlich und feierlich im Athener „Panathinaikos-Stadion“, dort also, wo die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit im Jahre 1896 ihre Premiere feierten, den chinesischen Olympiaorganisatoren übergeben. Nach einem nur eintägigen Stopp in Peking wird dann die Fackel einen Weg über vier Kontinente zurück nach Asien zurücklegen, wo sie schließlich am 8. August das Feuer im Olympiastadion entzünden soll. „Die Fackel soll für das neue Image des chinesischen Volkes werben, also für Reform und Innovation“, sagte der Bocog-Präsident Liu Qi.

Die Chinesen werden auch nach den jüngsten Entwicklungen in Tibet unbeirrt an der geplanten Route festhalten. Tibet wurde bei den Planungen des Fackellaufs sogar eine ganz besondere Rolle zugewiesen. Nach der Teilung der Fackel bei ihrer Ankunft am 4. Mai auf der südchinesischen Insel Hainan wird eine Zwillingsflamme in ein Basislager am Fuße des höchsten Berges der Welt, des Mount Everest, getragen. Bei gutem Wetter soll die Fackel dann auf den Gipfel gebracht werden. Von Ostermontag an und noch bis zum 10. Mai hat die chinesische Regierung ein Aufstiegsverbot sowohl von tibetischer als auch von der Seite Nepals durchgesetzt.

Weitere Proteste werden nicht nur in Tibet erwartet

Auch, um Proteste am heiligen Berg der Tibeter zu verhindern, so wird vermutet. Anschließend soll die Fackel noch bis zum 20. Juni in Lhasa, der Hauptstadt der Provinz Tibet, bleiben, ehe sie dann dort mit der anderen Fackel wiedervereinigt wird und ihre Reise Richtung Peking antritt. Unter anderem führt ihr Weg dann durch mindestens zehn chinesische Ortschaften, in die wegen angeblicher Sicherheitsbedenken derzeit keine ausländischen Journalisten reisen dürfen.

In aller Welt rechnen die Organisatoren mit weiteren Protesten, nicht nur in Tibet. Demonstrationen und Störungen des Fackellaufs sind bereits für die Vereinigten Staaten (San Francisco), England (London), Frankreich (Paris) und auch in der kommenden Woche für Athen angekündigt.




Text: F.A.Z./FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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