Von Ralf Weitbrecht, Oropoko
21. März 2008 Schotter, Steine, Sträucher - so weit das Auge reicht. Hier draußen, irgendwo in der Mitte von Nirgendwo, rund 200 Kilometer von der namibischen Hauptstadt Windhoek, ist genau der richtige Flecken Erde, um abgeschnitten von der Zivilisation auf Wurfscheiben zu schießen. Die 18 Kilometer lange Lehmpiste, die kurz hinter Okahandja zur Oropoko Lodge führt, ist für neun Athleten des Deutschen Schützenbundes der tägliche Weg zur Arbeit.
An Warzenschweinen, Oryx-Antilopen und Kudus vorbei geht es täglich zweimal mit geländegängigen Fahrzeugen zur einzigen Wurfscheibenschießanlage Namibias. Auch die hat der Deutsche Kurt Steinhausen, der Hausherr der Oropoko Lodge, aus dem Nichts herausgestampft. Steinhausen, der bei Heimat-Aufenthalten auf einem Schloss im Rheingau residiert, ist der Mann, ohne den im namibischen Schießsport nichts läuft. Er gibt das Geld, er ist zudem ein gefragter Ratgeber für die Politiker an der Spitze des Staates. Und er hat die entscheidenden Brücken zwischen Namibia und dem Deutschen Schützenbund gebaut. Als Mitglied des Förderkreises Wurfscheibe zögerte er keine Sekunde, den Fünfjahresplan umzusetzen, der den deutschen Wurfscheibenschützen im europäischen Winter sommerliche Trainingsbedingungen jenseits des Äquators garantiert.
Techniktrainingslager wäre besser
Klimatrainingslager nennt sich das, was Bundestrainer Wilhelm Metelmann seinen Schützen eine Woche lang in der unendlichen Weite Namibias anbieten kann. Techniktrainingslager wäre besser, sagt der 59 Jahre alte Mecklenburger, der von seinen Athleten Willi gerufen wird. Für die Flexibilität unserer Schützen sind die Bedingungen hier einfach optimal. Wir können Fußstellungen korrigieren, das Einsetzen der Flinte üben und völlig ohne Druck schießen.
Vor allem das ist es, was die Deutschen 10.000 Kilometer fern der Heimat bewegt. Stabilität, sagt Metelmann, bekommt man nur über bestimmte Umfänge. Dabei hält er nichts von den endlos anmutenden Serien, die die Konkurrenz aus Russland, Italien oder den Vereinigten Staaten durchzieht. Bis zu 35.000 fliegende Ziele werden jährlich anvisiert; die Deutschen kommen auf 15.000 Schuss.
Metelmann setzt auf das Prinzip Leistung
Die Tage in Oropoko sind für die Spezialisten von Trap, Doppeltrap und Skeet wie ein Segen. Das tägliche Gewitter kommt mit stetig wiederkehrender Präzision am Abend und in der Nacht, und die Sonne hält Metelmanns Truppe in der Abgeschiedenheit bei Laune. So genießt Axel Wegner die Trainingseinheiten ganz besonders. Zu Hause, in Leipzig, kommt der Angestellte der Verkehrsbetriebe nur am Wochenende dazu, in der anspruchsvollen Teildisziplin Skeet von links und von rechts heranfliegende Ziele zu treffen.
Wegner, 44 Jahre alt, ist wie die anderen Mitglieder des Topteams Amateur. Profi war er zu DDR-Zeiten - mit Erfolg: Schon 1988 wurde er in Seoul Olympiasieger. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, Wegner ist noch immer dabei. Schon im Vorjahr hat ihn Metelmann für die fünfte Olympiateilnahme in Peking gesetzt. Die nationalen Konkurrenten wie Tino Wenzel, der den Quotenplatz für den Schützenbund geschossen hatte, sowie Thorsten Hapke und Ralf Buchheim müssen sich erst noch qualifizieren.
Einer nur wird es schaffen. Metelmann setzt auf das Prinzip Leistung und hat auch nichts dagegen, dass der mit seinem Vater Michael - 1972 in München Bronzemedaillengewinner im Skeet - nachgereiste Sportsoldat Buchheim alleine Scheibe um Scheibe ins Visier nimmt. Bis April, bis zum vorolympischen Wettkampf in Peking, wird die Mannschaft stehen.
Ältester Teilnehmer in der Olympiageschichte?
Bei den Frauen muss sich Christine Brinker keine Sorgen machen. Sie ist Weltmeisterin - und nur durch Zufall zum Wurfscheibenschießen gekommen. Ihr Lebensgefährte Wenzel hatte sie aus dem Fußballtor heraus auf den Schießstand gelockt, und tatsächlich hat sich die heute 26 Jahre alte Zeitsoldatin der Sportfördergruppe schnell in der Weltspitze etabliert. Talent mag eine Rolle gespielt haben.
Mit Sicherheit aber auch ihre grundsätzliche Einstellung. Für das Leben, sagt sie, muss man einen Plan haben. Christine Brinker, gelernte Arzthelferin, hat ihn. Parallel zum Schießsport und den Routinebesuchen bei der Truppe absolviert sie eine Zusatzausbildung als Heilpraktikerin. Wenn das fertig ist, mache ich noch traditionelle chinesische Medizin. Und mal eben zwischendurch wird sie vielleicht Olympiasiegerin.
Karsten Bindrich als Medaillenanwärter
Für Gastgeber Kurt Steinhausen wäre schon die Teilnahme das Größte. 75 Jahre ist er alt und hat noch vier Chancen, um bei Weltcups die erforderlichen 114 von 125 möglichen Scheiben zu treffen, die für eine Olympiateilnahme erforderlich sind. Nah dran ist er: An guten Tagen kommt er auf 112 Treffer. Sollte er es schaffen, wäre er in Peking 76 und der älteste Teilnehmer in der Olympiageschichte. Der Mann, der das 11.000 Hektar große Oropoko-Areal samt Tierbestand sein Eigen nennt, würde für Namibia mit einer WildCard des Verbandes starten. Das kann er, weil er vom langjährigen Staatspräsidenten Sam Nujoma in Anerkennung seiner Verdienste um das Land am Südwestzipfel Afrikas zum Ehrenbürger ernannt wurde.
Passend zum Premierenbesuch der von ihm geförderten deutschen Athleten hat Steinhausen die wenigen namibischen Wurfscheibenschützen zu einem inoffiziellen Länderkampf auf die Lodge gebeten. Doch die Deutschen sind ihren Kollegen in allen Teildisziplinen überlegen. So setzt sich Karsten Bindrich im Trap durch. Dass der 34 Jahre alte Hauptfeldwebel ein Medaillenanwärter für Peking ist, hält Axel Krämer, der Junioren-Bundestrainer, für möglich. Bindrich wurde schließlich 2003 Weltmeister. Den entscheidenden Feinschliff dafür holte er sich fernab der Zivilisation in der Idylle von Oropoko.
Text: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite 30
Bildmaterial: F.A.Z. - Ralf Weitbrecht
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