23. April 2008 Der 23. April 1980 ist Guido Kratschmer aufs sonnige Gemüt geschlagen. Der damals wohl beste Zehnkämpfer der Welt wurde als Favorit auf die Goldmedaille in Moskau hoch gehandelt, als der Boykottbeschluss im Bundestag fiel. Zwar hat der 1953 in Großheubach am Main geborene Bauernsohn kurz darauf mit 8649 Punkten einen Weltrekord aufgestellt, aber seine besten Jahre als Athlet hatte der Olympiazweite von 1976 nach dieser Bestleistung hinter sich. Der nie in den Schuldienst eingetretene Diplomsportlehrer lebt heute in Rheinhessen - als Privatier mit dem Hobby Sport.
Wann war Ihnen klar, dass Olympia 1980 ohne deutsche Athleten stattfinden würde: beim Boykottbeschluss des Bundestages am 23. April, bei der Entscheidung des NOK-Präsidiums am 9. Mai oder erst beim Votum der NOK-Mitgliederversammlung am 15. Mai?
Mitte Mai, kurz vor dem damals noch legendären Zehnkampf-Meeting in Götzis. Beim Bundestagsbeschluss habe ich noch gedacht: Darüber setzen sich unsere Sportfunktionäre doch weg. Aber als dann das Nationale Olympische Komitee auch für den Boykott stimmte . . .
Wissen Sie noch, wo und wie Sie die deprimierende Nachricht erwischt hat?
Zu Hause, ich habe es im Radio gehört.
Was war Ihr erster Gedanke, Ihr spontanes Gefühl: Wut, Ohnmacht - oder politische Einsicht?
Ohnmacht, die wütend macht, würde ich sagen. Die Überzeugung, dass ein sportlicher Boykott politisch sinnvoll wäre, habe ich nie gehabt.
Was hielten Sie in diesem Moment von den herrschenden deutschen Politikern und von den gehorchenden Funktionären?
Ich war riesig enttäuscht. Nicht von Willi Daume, dem NOK-Präsidenten, denn der war ja für eine Teilnahme. Die Sportpolitiker sind umgekippt, ich nehme an wegen Bundeskanzler Schmidt, der muss ganz schön Druck gemacht haben. Er hat den dritten Weltkrieg an die Wand gemalt, wie ich das in Erinnerung habe.
Hat sich an Ihrer Auffassung im Laufe der Jahre irgendetwas geändert? Sind Sie vielleicht altersmilder geworden?
Verständnis für einen Boykott habe ich nie gehabt. Das war doch Unsinn und konnte nichts bringen. Die Russen sind in Afghanistan einmarschiert, und von denen geht ja keiner wieder raus, nur weil die Sportler nicht nach Moskau fahren. Aber sie haben wenigstens daraus gelernt und jetzt rechtzeitig gesagt: Wir boykottieren nicht. Das finde ich gut.
Ist es für eine solche definitive Zusage nicht zu früh gewesen? Wer weiß, was sich in China noch entwickelt.
Vielleicht ein bisschen früh, ja, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Lage dort so dramatisch entwickelt, dass man nicht nach Peking fahren könnte. Die Sportler müssen für Ihre Vorbereitung ja eine möglichst frühe Entscheidung haben. Das kann man doch nicht bis, sagen wir, zwei Wochen vorher offenhalten.
Wie haben Sie nach der damaligen Entscheidung überhaupt noch Sport getrieben - einfach weitergemacht, als wenn nichts wäre?
Ich hatte so gut trainiert und war so sicher, dass ich die Goldmedaille gewinne, da bin ich natürlich erst mal in ein Tief gerutscht. Aber nach drei oder vier Tagen ging's allmählich wieder. Da stand Bernhausen an, wo die offizielle Olympiaausscheidung gewesen wäre, und dort wollte ich den Weltrekord machen. Das war meine Trotzreaktion, die mich unheimlich motiviert hat.
Sie haben wenigstens dieses Ziel erreicht.
Ja. Aber wenn das auch noch danebengegangen wäre, o je, o je. Das war der schlimmste Zehnkampf meines Lebens. Zu wissen, du musst in dieser Disziplin das und das schaffen, das war schrecklich. Zweimal stand es auf der Kippe, beim Diskuswerfen und beim Stabhochsprung, ach, wenn ich daran noch denke! Aber nach dem Weltrekord war die Luft raus, da war überhaupt nichts mehr da.
Der Weltrekord ist als "reine Verzweiflungstat" angesehen worden. Stimmt das?
Ja, was willst du denn sonst machen? Hast so gut trainiert, hast alles getan, das will doch irgendwo hin. Das war schon eine große Genugtuung für mich, dass die ganze Plackerei nicht umsonst gewesen war - aber natürlich nie und nimmer ein Ersatz für die Goldmedaille. Normal wäre der Weltrekord vor Olympia nie mein Ziel gewesen.
Hat Ihre Favoritenrolle für Moskau den Verzicht schwerer gemacht als für einen Athleten, der ohnehin nur einfach dabei sein wollte oder konnte?
Ich denke schon, für mich ganz bestimmt. Nach dem Weltrekord habe ich zwar weitertrainiert, aber so richtig motivieren und quälen konnte ich mich zwei Jahre lang nicht. Das Ziel war weg. Vor den Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki habe ich mich dann gefangen und konnte wieder gut trainieren. Aber ich bin dann, angeschlagen, nur Neunter geworden. 1984 in Los Angeles habe ich zwar den vierten Platz gemacht - aber ich muss ehrlich sagen: auch weil der Osten jetzt boykottiert hatte. Da wären bestimmt noch ein, zwei Russen vor mir gewesen.
Bahnte sich da schon ein stumpfes Ende Ihrer Laufbahn an?
Ja, ich habe danach immer einen würdigen Abschluss gesucht, aber ich habe keinen mehr gefunden. 1986 in Stuttgart bei den Europameisterschaften wollte ich noch mal einen guten Zehnkampf machen und mich verabschieden, da habe ich mich dann verletzt. Bei der WM 1987 in Rom war ich auch verletzt. Gut, habe ich gedacht, dann mach' ich noch mal 1988 Seoul, aber das war nur noch so eine Rausschieberei. Es war vorbei.
Sie galten als einer der letzten Amateure, weil Sie mit Ihren Erfolgen nicht das große Geld machen konnten. Hätte ein Olympiasieg in Moskau das ganz anders aussehen lassen?
Der Amateurparagraph war 1981 liberalisiert worden, und da kamen der Jürgen Hingsen und der Sigi Wentz. Die waren ein bisschen besser und konnten sich auch besser darstellen als ich. Mir hat das nie so gelegen. Ob es mit einer Goldmedaille anders gelaufen wäre, darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich hatte damals nur den Hintergedanken: Wenn du Olympiasieger wirst, dann hörst du auf. Aber mein Leben ist dann ja ganz anders gelaufen.
Es heißt, Sie hätten nach Ihrem Karriereende einige attraktive Stellenangebote ausgeschlagen.
Och, so attraktiv waren die auch wieder nicht. Irgendwas mit dem Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz und in Hannover.
Ihren Beruf als Lehrer haben Sie, trotz der Abschlüsse in Sport und Biologie, nie ausgeübt. Sie wollten möglichst wenig arbeiten, munkelte man. Das klang ziemlich nach Faulheit und passt so gar nicht zu einem Zehnkämpfer, der ja einen unglaublichen Willen braucht, um durchzuhalten.
In meinem Sport war ich ja auch ehrgeizig, das war mein Leben. Nach meinem Examen 1988 wollte ich erst mal ein Jahr lang gar nichts machen. Das habe ich dann auch getan. Und dann ist es halt mehr als ein Jahr geworden.
Wovon haben Sie eigentlich all die Jahre gelebt?
Ich brauche nicht viel, ich komme aus einfachen Verhältnissen und bin bescheiden. Ich habe damals viel in Aktien investiert und große Gewinne gemacht, eine Immobilie gekauft. Ich bin ein berechnender Spieler, könnte man sagen. Und Spekulationsgewinne durfte man ja im ersten halben Jahr ohne Versteuerung anlegen. Dann gab's hier mal und da mal eine Einladung. Ich habe im Tennisverein und in der Schule ein bisschen gearbeitet, als Konditionstrainer. So 2000 Mark im Monat hatte ich immer, war ein freier Mann, wunderbar. Das reichte, und deshalb habe ich gesagt: Was sollste arbeiten gehen? So lebe ich heute noch, und ganz gut.
Die Fragen stellte Hans-Joachim Waldbröl.
Text: F.A.Z.
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