Stimmt das?

China kennt nur einen Star: Das Kollektiv

Von Frank Hollmann

19. Juli 2008 Es ist fast wie beim Märchen vom Hasen und vom Igel. Egal wo man hinkommt in Peking, Liu Xiang ist schon da. Überlebensgroß hängt er an Plakatwänden und an Bushaltestellen. Seitenweise füllt er Zeitungen und Magazine. Kein Werbeblock im staatlichen Fernsehen kommt ohne den Hürdenläufer aus. Liu Xiang sprintet und springt für Nike und Visa, Cola und Milch, chinesische Laptops und koreanische Autos. Mehrere Millionen Dollar lassen es sich die Konzerne jährlich kosten, damit Chinas größter Star ihre Produkte anpreist.

Viel Geld für einen Hürdenläufer, der binnen knapp 13 Sekunden vom unbekannten Schlaks aus Schanghai zur Ikone eines ganzen Landes wurde. Am Abend des 27. August 2004 stürmte Liu Xiang zu Chinas erstem olympischen Leichtathletikgold. Seitdem ist der Protagonist einer Randsportart eine öffentliche Person. Liebesbriefe junger Frauen füllen Waschkörbe, Eltern geben ihren Säuglingen seinen Namen. Und wenn er, wie zuletzt Ende Mai im Pekinger Olympiastadion, läuft, kommen Zehntausende, nur um ihn zu sehen.

Bitte Hervorstechen

Es herrscht Liu-Mania in einem Land, das vielen Menschen im Westen als Ausbund des Konformismus schien. Die alten Fernsehbilder von Menschen in den immer gleichen Mao-Kitteln wurden als Ausdruck einer Kultur und einer Politik interpretiert, die das Hervorstechen nicht honoriert. Doch das war gestern.

Heute entdeckt selbst die Politik die Vorzüge einer Starfigur. Er hat, das macht ihn so wertvoll, den Mythos zerbrochen, nur Sportler aus dem Westen könnten in der Leichtathletik siegen. In ihrer Begeisterung für Superstars unterscheiden sich die Chinesen kaum noch von Amerikanern, Briten oder Deutschen, nur die Darsteller sind andere: Yao Ming statt Michael Ballack, Rain statt Robbie Williams, Hongkong statt Hollywood.

Die wahren Superstars der Teens und Twens kommen aus den Anrainerstaaten, Südkoreas Popidol Rain oder Jay Chou aus Taiwan füllen in Peking und Schanghai Stadien, Hongkong-Schauspieler wie Andy Lau oder Jackie Chan die Kinosäle und alle zusammen die Yellow Press.

Sehnsucht nach eigenen Helden wächst

Weltstars aus dem Westen dagegen finden bislang nur selten den Weg nach China. Doch wenn sie kommen, empfängt sie eine hysterische Fangemeinde, egal ob Kylie Minogue zur Eröffnung des ersten Chinastores von Hennes und Mauritz singt oder Tom Cruise in Shanghai Mission Impossible dreht. In Internetforen informierte sich die Cruise-Fans über mögliche Drehorte. Die Polizei musste großräumig absperren. Gegen die Begeisterung über Michael Schumacher aber waren sie machtlos. Rund um den Ferrari-Store an Schanghais Vergnügungsviertel Xintiandi bogen sich die Bäume, so viele Chinesen wollten von dort einen Blick auf den Formel-1-Rekordweltmeister erhaschen. Stars ziehen magnetisch an, ohne sie erlischt das Interesse. Im Jahr nach Schumachers Rücktritt brach der Ticketverkauf für das Formel-1-Rennen in Schanghai ein.

Doch umso mehr Fortschritte Chinas Wirtschaft macht, umso selbstbewusster die Chinesen werden, umso größer wird die Sehnsucht nach eigenen Stars und Helden. Gestillt wird sie auch von Menschen wie dem Taikonauten Yang Liwei, Chinas erstem Mann im Weltall, der Schönheitskönigin Zhang Zilin, die 2007 als erste Chinesin zur Miss World gekürt wurde, oder dem Internet-Unternehmer Ma Yun (Jack Ma), dem Gründer der Handelsplattform Alibaba.com.

Nationalismus ersetzt Maoismus

Im Olympiajahr aber verblasst ihr Ruhm hinter dem der Athleten, wie den NBA-Basketballern Yao Ming und Yi Jianlian, den Tischtennisweltmeistern Wang Liqin und Ma Lin, Schwimmer Wu Peng oder den Volleyballerinnen, die in Athen sensationell Olympiasieger wurden. Denn anders als die Popstars aus Taiwan, Korea oder Singapur transportieren die Athleten auch das wachsende Nationalbewusstsein der Volksrepublik, und das spiegelt sich auch in der Werbung wieder, sagt Hans-Joachim Fuchs, Marketingexperte von Chinabrand in München: „Beim Chinesen spielt immer das Kollektiv mit, das Patriotische.“

Der Nationalismus hat längst den Maoismus ersetzt. Der Gründer der Volksrepublik dient heute als Ikone der staatlichen Einheit. Dafür wird sein Leichnam jedes Jahr neu einbalsamiert und sein verblasstes Porträt über dem Eingang zur verbotenen Stadt mitunter gegen ein farbenfrisches ausgetauscht. Den Personenkult, den Mao zu Lebzeiten pflegte, haben seine Nachfolger einschlafen lassen, dem Großen Vorsitzenden folgte die kollektive Führung.

Kontrollierter Starkult

Falsch ist der Eindruck, der Starkult sei der politischen Führung längst entglitten. Wasserspringer Tian Liang flog aus dem Nationalkader, weil er nach seinem Olympiasieg von Athen mehr Zeit in Werbestudios als im Trainingslager verbrachte. Die Reue kam zu spät, Olympia in Peking wird Tian nur am Fernseher verfolgen.

Ähnliches drohte auch Chinas bekanntester weiblichen Sportlerin. Guo Jingjing fiel zuletzt nicht nur durch perfekte Salti und Schrauben vom Drei-Meter-Brett auf, sondern auch durch divenhaftige Arroganz bei internationalen Pressekonferenzen. Nach zwei Olympiasiegen in Athen, vier Weltmeistertiteln in Folge, hochdotierten Werbeverträgen und der aufsehenerregenden Affäre mit dem Sohn eines Hongkonger Tycoons verlor die „Königin des Wasserspringens“ zunehmend Bodenhaftung. Die Schelte der staatlich kontrollierten Medien folgte prompt. Sie repräsentiere schließlich ihre Mannschaft und die ganze Nation, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua im Februar. Deshalb müsse sie Respekt zeigen, egal wie groß ihre Popularität sei. Der Warnschuss saß. Seitdem lächelt Guo Jingjing brav in die Kameras.

Ausnahmezustand wegen Basketball-Hochzeit

Andere Sportstars brauchten keine Ermahnung, um zu erkennen, was Partei und Öffentlichkeit von ihnen erwarten. Basketballer Yao Ming verpasste 2007 sogar den Trainingsauftakt bei seinem Arbeitgeber in Houston, um die Eröffnungsfeier der Special Olympics, dem Olympia der geistig Behinderten, zu schmücken. Die Eröffnungsformel sprach schließlich Partei- und Staatschef Hu Jintao. Andere Topathleten wie Fechtweltmeisterin Tan Xue oder die Olympiasieger Yang Wenjun (Kanu) und Wang Yifu (Schießen) folgen pflichtbewusst, wenn die KP sie als Delegierte nominiert. Trainer Sun Haiping betont immer wieder, wie stolz sein berühmter Schützling Liu Xiang auf seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei ist.

Der Ruhm hat seinen Preis. Seit seinem Olympiasieg kann Liu Xiang nicht mehr unerkannt auf die Straße, erst recht nicht in seiner Heimatstadt Schanghai. Freunde trifft er nur noch in den eigenen vier Wänden. Deshalb musste er auch letzten September einen Wunsch des Fernsehens ablehnen. Das wollte drehen, wie Liu Xiang anlässlich des Leichtathletik Grand Prix in Schanghai seinen Kontrahenten die trendigsten Bars seiner glitzernden Heimatstadt zeigt. Doch Liu musste passen. Seit seinem Olympiasieg war er in Schanghai nicht mehr ausgegangen.

Yao Ming geht es nicht besser. Als der 2,26 Meter große Hüne letzten Sommer seine Freundin, die frühere Basketballnationalspielerin Ye Li, in Schanghai heiratete, herrschte Ausnahmezustand. 70 Familienmitglieder und Freunde hatte Yao in ein Fünf-Sterne-Hotel eingeladen. Die Zahl der engagierten Bodyguards war größer.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, Basil Pao, picture-alliance/ dpa

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