
Hannes (26) und Jan Peter (27) Peckolt jagen seit 13 Jahren gemeinsam übers Wasser. Im August schnuppern die beiden Brüder in einer der schnellsten Bootsklassen zum ersten Mal olympische Seeluft. Mit dem Wechsel in die 49er-Klasse haben sie vor acht Jahren von Olympia zu träumen begonnen. Für Athen reichte es noch nicht, dafür glückte im Januar 2008 die Qualifikation für die Sommerspiele in China.
Seitdem sind die Peckolts von Kopf bis Fuß auf Qingdao eingestellt. Qingdao? Die Acht-Millionen-Metropole am Gelben Meer ist Schauplatz der olympischen Segelwettbewerbe. Für heftige Winde ist das Revier nicht gerade bekannt, umso stärker wird es auf brüderlichen Zusammenhalt und die richtige Taktik ankommen. Vor rund zwei Jahren haben die beiden Segler beschlossen, ihr Studium ruhen zu lassen. Das Ziel: Volle Konzentration auf ihr „Projekt”, wie sie sagen. Im FAZ.NET-Interview sprechen die Peckolts über brüderliche Harmonie, kontrolliertes Abspecken, Taifune und das gesteigerte Medieninteresse vor Olympia.
Zwei Brüder auf einem Boot. Ist das nicht eine besondere Konstellation?
Jan Peter: Das kann man leicht denken. Aber gerade in der 49er-Klasse gibt es das ziemlich häufig. Zuletzt waren immer wieder drei oder vier Brüderteams unter den Top Ten. Das liegt aber auch an der Segelklasse; es ist besonders wichtig, dass man gut eingespielt ist. Vergleichen wir es mit einem Rennwagen: Der eine ist für das Lenkrad, der andere für das Gaspedal verantwortlich. Da man oft schnelle Entscheidungen treffen muss, ist es gut, wenn man sich reibungslos austauscht.
Hannes: Es ist sicherlich kein Nachteil, dass wir Brüder sind. Wir sind einfach mehr aneinander gewöhnt, das macht vieles einfacher. Aber es ist die Frage, wie groß der Vorteil ist. In Ergebnissen kann man das nicht ausdrücken.
Das klingt nach Harmonie. Unter Brüdern gibt es doch auch mal Zoff.
Hannes: Auseinandersetzungen gibt es immer. Das muss aber nicht gleich in Zoff enden. Im Training gibt es schon mal Diskussionen, wenn es um eine Umstellung von Manövern oder Abläufen geht. Da sind wir auch mal unterschiedlicher Meinung. Beim Wettkampf ist das aber ausgeschlossen.
Und wer gibt den Ton an? Der Steuermann?
Jan Peter: Das kann man so nicht sagen. Die schnellen Entscheidungen muss ich als Steuermann treffen, weil ich das Ruder in der Hand habe. Ansonsten schauen wir uns aber lieber mit vier Augen den Wind an und entscheiden gemeinsam die Taktik.
Hannes: Jeder hat seine Aufgabenbereiche. Gerade bei unserer Klasse fällt auch mir als Vorschoter eine wichtige Rolle zu. Auch ich entscheide, welches Manöver gefahren wird.
Den Kurs bestimmt also auch mal der kleine Bruder.
Hannes (18 Monate jünger als sein Bruder, Anm. d. Red.): Ja, wir können uns aufeinander verlassen. Früher gab es ein Alter, da musste man als kleiner Bruder mehr einstecken und hat in den Auseinandersetzungen den Kürzeren gezogen. Aber inzwischen sind wir recht friedlich geworden. (lacht)
Träumen Sie manchmal von einer Aufmerksamkeit, wie sie die Klitschko- oder die Schumacher-Brüder genießen?
Hannes: Ich bin mit unserer Situation ganz zufrieden. Es hat sicher Vorteile, wenn man so prominent ist. Beim Segeln geht es uns aber nicht darum bekannt zu werden. Es geht vielmehr darum, die sportlichen Ziele zu erreichen. Die Schumachers beneide ich nicht um ihre Medienaufmerksamkeit, sondern um ihre sportlichen Erfolge.
Das Medieninteresse hat seit der Qualifikation aber zugenommen.
Jan Peter: Die Anzahl an Anfragen ist deutlich gestiegen. Bei den letzten Weltmeisterschaften, die wirklich spannend waren oder bei denen es für uns sogar um Medaillen ging, gab es keine große Berichterstattung, zumindest nicht bundesweit. In den letzten Monaten jedoch waren etliche Fernsehteams beim Training und haben über unsere Vorbereitung berichtet.
Hannes: Wir hatten auch vorher schon einen Namen, doch seit der Qualifikation haben unsere Pressemitteilungen größere Bedeutung.
Im März haben Sie sich dafür Verstärkung ins Boot geholt.
Jan Peter: Wir haben unser Team um einen Medienfachmann erweitert, den wir schon länger kennen und der sich in der Regattaszene bestens auskennt. Das war ein ganz hilfreicher Schritt, allein um die ganzen Termine zu koordinieren. Letztlich profitieren davon beide Seiten: die Medienvertreter werden mit allen Informationen versorgt und wir können uns noch stärker auf den Sport konzentrieren.
Und davor haben Sie die Medienarbeit selber geregelt?
Jan Peter: Ja, da hielt sich der Aufwand aber auch in Grenzen. Wir haben an die regionalen Zeitungen immer unsere eigenen Berichte verschickt.
Hannes: Jetzt wird viel intensiver berichtet. Früher haben wir meist am Ende der großen Wettfahrtsserien einen Bericht geschrieben, inzwischen kann man auf
Wie sind Sie eigentlich zum Segeln gekommen?
Hannes: Im Urlaub haben wir mal eine Jolle gemietet und unser Vater hat uns ein wenig schnuppern lassen. So haben wir den Sport kennen gelernt. Daraus ist dann eine Begeisterung entstanden. Unsere Eltern haben uns nicht wie typische Segeleltern vom Land aus mit dem Fernrohr beobachtet und gepusht. Sie haben unseren Sport akzeptiert und unterstützt, uns aber nichts aufgebrummt. Der Rest ist auf unserem Mist gewachsen.
Und seit wann segeln Sie zusammen?
Jan Peter: 1995 haben wir das erste Mal gemeinsam einen Wettkampf bestritten. Professionell betreiben wir das Ganze seit knapp zwei Jahren. Zuvor haben wir in Regelzeit studiert und waren rund 150 Tage auf dem Wasser. Das hat recht viel Energie gekostet und war ein ziemlicher Spagat. Wir haben es in dieser Zeit aber geschafft, an die Weltspitze heranzukommen. Für Olympia haben wir dann die volle Kampagne gefahren und uns 100 Prozent auf das Projekt vorbereitet.
Professionelles Segeln ist nicht billig. Wie regeln Sie das Finanzielle?
Hannes: Segelsport ist in der Tat wahnsinnig teuer, die Ausgaben sind immens. Wir haben ständig mehrere Boote im Einsatz, hinzu kommen viele Masten und verschiedene Segel. Und das Ganze muss von A nach B transportiert werden. Und das ist nur der materielle und logistische Aufwand.
Jan Peter: Durch unsere Sponsoren, aber auch durch Stiftungen, Vereine und Verbände haben wir ein ordentliches Budget zur Verfügung, das wir sehr zielgerichtet einsetzen. Unsere Philosophie ist klar: Wir wollen nicht davon leben oder etwas zur Seite legen, sondern setzen das Geld zu 100 Prozent für das Projekt ein. Langfristig wollen wir beide in den Beruf gehen und dort unseren Lebensunterhalt verdienen. Im Moment bekommen wir von unseren Eltern unsere Studentenbude bezahlt.
Was ist für Sie das Faszinierende an Ihrer Sportart?
Jan Peter: Vor allem, dass Segeln ein so komplexer Sport ist. Der Erfolg wird durch so viele Faktoren bestimmt: die körperliche Fitness, die mentale Stärke, die Taktik oder die Materialauswahl. Wenn man über die Wellen springt und auch mal vom Boot abgeworfen wird, kommt noch der Adrenalinfaktor hinzu.
Hannes: Wir packen nicht einfach die Badehose ein oder fahren mit Fußballschuhen zum Turnier. Der Segelsport besteht aus zahlreichen Komponenten. Und es kommt oft anders, als man erwartet.
Was macht speziell die 49er-Klasse aus?
Hannes: Unter den Segeljollen ist die 49er-Klasse eine der spektakulärsten und schnellsten. Wir erreichen immerhin bis zu 25 Knoten (das entspricht rund 46 km/h, Anm. d. Red.). Bei uns gibt es zudem viel Action: schnelle Manöver, viele Kenterungen.
Sie sind zu Trainingszwecken bereits auf olympischem Wasser gesegelt. Welche Bedingungen haben sie in Qingdao vorgefunden? Man erwartet sehr leichte Winde bei starker Strömung
Hannes: Genau diese Erfahrungen haben wir gemacht. Leichte Winde, wirklich am unteren Limit. Zudem ein unregelmäßiges Wellenbild mit einer starken Strömung, die uns Seglern zu schaffen macht.
Haben Sie Angst vor totaler Flaute?
Hannes: In der Olympiageschichte sind immer wieder einige Tage wegen schwacher Winde ausgefallen. Aber die letzten Sommerspiele haben gezeigt, dass es auch anders kommen kann. Wenn über Japan ein Taifun fegt, kommt sicher auch bei uns was an.
Jan Peter: Es sind schon sehr spezielle Bedingungen. Einerseits Windstille, dann aber auch Tage mit richtig viel Wind und hohen Wellen. Da geht es dann darum, ohne Kentern ins Ziel zu kommen. Wir stellen uns eher auf leichten Wind ein und werden als Leichtgewichte an den Start gehen. Darauf setzt die gesamte Weltelite.
Und deshalb haben Sie abgespeckt.
Jan Peter: Gerade bei einem schnellen Boot wie dem 49er macht das Gewicht einen großen Unterschied. Bei wenig Wind ist es wichtig, möglichst wenig Ballast an Bord zu haben. Das Abnehmen war keine Hauruckaktion. Wir haben von Januar an für das Projekt unser Gewicht reduziert. Wir sind absolut bei Kräften und den Anforderungen gewachsen.
Sie sprechen immer wieder von einem „Projekt”. Ist das Segel- oder Peckolt-Sprache?
(Beide lachen.) Hannes: Da sprechen Sie etwas an Unsere Olympiakampagne ist unser Projekt. Das haben wir seit langem ins Auge gefasst. Es ist eine große Herausforderung, dieses Projekt 2008. Dieser Ausdruck wird doch öfter verwendet, oder?
Welche Chancen errechnen Sie sich auf dem Gelben Meer?
Jan Peter: Das Feld ist sehr dicht beieinander. Aber es wäre vermessen, Medaillenansprüche zu stellen. Wir zählen uns nicht zu den Favoriten, schließlich haben wir noch nicht einmal eine WM-Medaille geholt. Aber wir haben konstante Leistungen gezeigt und uns in der Weltrangliste behauptet. Wir fahren gut vorbereitet nach Qingdao und wollen sehen, dass wir unser Potential von Rennen zu Rennen abrufen.
Hannes: Es hängt sicher von der Tagesform ab. Wir werden alles geben und am Ende sehen, wo wir stehen.
Das Gespräch führte Bernhard Böth.
FAZ.NET