Von Til Huber, Bad Vilbel
24. Juli 2008 Manchmal steht er doch im Mittelpunkt. Auch wenn dann keine Fernsehkameras und Mikrofone auf ihn gerichtet sind. In Seoul 1988 zum Beispiel, als die Fahrräder der deutschen Bahnradfahrer nach der Ankunft in der Olympia-Stadt verschollen waren. Ihre Spur hatte sich nach dem Transport aus der Heimat irgendwo auf dem Flughafen verloren, die Athleten konnten seit Tagen nicht trainieren.
Anfragen beantworteten die Flughafenmitarbeiter nur mit Schulterzucken. Irgendwann habe ich die Freundlichkeit dann mal sein lassen“, sagt Achim Bueble. Wie sich das angehört hat, möchte er lieber nicht erzählen; jedenfalls zog er los, durchsuchte mit einem Sicherheitsmann in einem Militärjeep jeden Winkel – und fand schließlich die beiden Container mit den Fahrrädern. Bueble sagt, als er damit ins Olympische Dorf gekommen sei, habe es tosenden Applaus“ gegeben.
Das Gehirn hinter der Reise nach Peking
Das sind die kleinen Bühnen des Helfers im Hintergrund. Eines Mannes, der Sätze sagt wie: Die Athleten sollen optimale Bedingungen vorfinden“ oder: Die Sportler sollen sich voll und ganz auf ihre Leistung konzentrieren könne.“ Achim Bueble ist der Cheflogistiker des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB); seit 25 Jahren kümmert er sich darum, dass Ausrüstung, Medikamente und sonstiges Gepäck der Olympiamannschaften beisammen sind und wohlbehalten an die jeweiligen Wettkampfstätten gelangen. Man könnte auch sagen: Er ist das Gehirn hinter der Reise nach Peking.
Bueble sitzt auf dem Sofa in seinem Haus in Bad Vilbel, sortiert Frachtlisten, die vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegen. Letzte Vorbereitungen. Große Teile des Gepäcks sind schon in der Olympiastadt; am Abend wird der Funktionär und Familienvater ins Flugzeug Richtung Peking steigen.
Für ein bestimmtes Harz gewähren die Chinesen kein Einfuhrzertifikat
Jede Tasche, jede Tube Sportsalbe muss das Team auf Frachtlisten dokumentieren. Alles musste erst auf Englisch notiert werden; das vom DOSB beauftragte Speditionsunternehmen übersetzt die Listen dann auf Chinesisch – so wollen es die Behörden der Volksrepublik. Die Einfuhrbestimmungen seien wesentlich strenger als sonst, sagt der 57 Jahre alte Logistikchef.
Noch ungelöst ist ein Problem der deutschen Rudermannschaft: Für ein bestimmtes Harz zur Reparatur von Booten gewähren die Chinesen kein Einfuhrzertifikat. Bueble forscht noch, ob das Mittel auch in Peking erhältlich ist. Ein ähnliches Problem, dass die Tischtennis-Spieler mit einem Kleber hatten, hat Bueble inzwischen gelöst. So wie vieles in den vergangenen vier Monaten.
800 Kilogramm Medikamente - natürlich legal
Tiefe Furchen unter seinen Augen und eine verschnupfte Nase zeugen von wochenlanger harter Arbeit. Jeder Sportverband erstellte seine eigene Packliste und lieferte sie bei Bueble ab. Allein die Mannschaften des Deutschen Handball-Bundes etwa haben zwei Tonnen Gepäck.
Hinzu kommen Dinge, die der DOSB braucht, um in Peking zum Beispiel ein Büro mit zehn Arbeitsräumen zu betreiben – Computer, Drucker, Büromaterial. Für das gesamte Team nimmt der Verband zum Beispiel sechs Tonnen an Mannschaftsbroschüren und rund 800 Kilogramm Medikamente - natürlich legal - mit.
Teuerste Olympiareise aller Zeiten
Große Sportgeräte wie Segelboote werden mit Schiffen nach Übersee transportiert, die kleineren befördern Flugzeuge zu den chinesischen Wettkampfstätten. Kanus und Ruderboote müssen mit Nose-door-loader“-Maschinen transportiert werden, deren Spitze man als Ladetür nach oben klappt. Jeder Athlet kann über das Speditionsunternehmen des Verbandes auch eine Tasche mit Sportbekleidung nach Peking schicken.
Bei der jeweiligen Packliste berät der Funktionär die Verbände, sieht sich selbst als Bindeglied zwischen Einzelorganisationen und Spedition. Ich muss herausfinden, was Sinn macht und was nicht“, sagt Bueble. Diesmal musste er zum Beispiel einem Verband ausreden, kistenweise Malzbier mitzunehmen. Ein Anruf in China genügte, um herauszufinden, dass es das Getränk auch dort in gut sortierten Kaufhäusern gibt. Auch große Fernseher kauft oder leiht man am besten vor Ort – die Transportkosten sind viel zu teuer. Alles in allem ist das Projekt Peking“ laut DOSB mit Kosten von fünf Millionen Euro ohnehin die teuerste deutsche Olympia-Reise aller Zeiten.
Auch in Peking der Organisator
Neun Reisen hat Achim Bueble schon mitgemacht. 1983 machte der damalige Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees Walther Tröger den gelernten Gymnasiallehrer zu seinem persönlichen Referenten. Neben der olympischen Erziehung kümmerte sich der praktisch veranlagte Pädagoge von Anfang an auch um die Organisation der Olympiamannschaften. Heute ist er nicht nur Cheflogistiker, sondern auch Geschäftsführer der Deutschen Olympischen Akademie. Bueble sagt: Ich bin eine Mischung aus Logistiker, Event-Manager und Pädagoge.“
Und so vielfältig seine Funktionen beim DOSB sind, so umfangreich werden auch seine Aufgaben in Peking sein. Denn mit Transport und Verwaltung der Ausrüstung ist es nicht getan. In China muss er mit einigen Mitarbeitern den Fuhrpark des deutschen Teams mit 33 Autos und einem Motorrad verwalten, soll den 26 chinesischen Fahrern, die kaum ein Wort Englisch verstehen, Anweisungen geben.
Mann für alle Fälle
Außerdem steht er bereit, wenn Athleten Tickets für Sportveranstaltungen brauchen oder nach ihrem Wettkampf Ausflüge machen wollen. Ständig kommen neue Bitten, Wünsche, Ideen. Er wolle nicht gerade sagen, es gehe zu wie im Irrenhaus“, sagt Bueble, aber man merkt ihm an, dass er das wahrscheinlich manchmal denkt.
Schon zwei Stunden nach seiner Ankunft im Olympischen Dorf ist die erste Lieferung mit Büromaterial geplant. Alles folgt einem dicht gestaffelten Lieferplan. An seinem letzten Morgen in Bad Vilbel sei er in seinen Garten gegangen und habe noch einmal richtig durchgeatmet, sagt Bueble – bevor der Smog der chinesischen Metropole sich auf seine Lunge legt.
Koffer packen und noch ein paar Erledigungen, dann steht auch seine private Logistik. Das Mammutprojekt kann dann seinem Höhepunkt entgegengehen. Und es ist ziemlich sicher, dass in der Fremde auch dieses Mal der eine oder andere größere Auftritt auf ihn zukommt – natürlich im Hintergrund.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel