Rudern

Untergang erster Klasse auf dem Rotsee

Von Evi Simeoni, Luzern

Nur noch im Hauptfeld: Deutschland regiert schon lange nicht mehr das Weltrudern

Nur noch im Hauptfeld: Deutschland regiert schon lange nicht mehr das Weltrudern

01. Juni 2008 Achter untergegangen, Einer ausgefallen, kein einziger Sieg, insgesamt nur zwei Podiumsplätze und in sechs von vierzehn olympischen Klassen keine Finalteilnehmer – die deutschen Ruderer ringen um Fassung. An ein solch niederschmetterndes Ergebnis für die einstige Erfolgsnation kann sich rund um den Luzerner Göttersee niemand erinnern. Gut zwei Monate vor den Olympischen Spielen herrscht Alarmstimmung im Verband. Lediglich der Frauen-Doppelzweier auf Rang zwei und der Männer-Doppelvierer auf Rang drei erinnern schwach an alte Glanzzeiten.

„Das ist absolut zu wenig“, sagt Siegfried Kaidel, der neue Vorsitzende des Deutschen Ruderverbandes (DRV). Nun gilt es, den Schaden zu begrenzen. Vor allem die beiden Prestige-Boote, der Deutschland-Achter und der Einer mit Marcel Hacker (Frankfurt), werden in dieser Woche Thema von Krisensitzungen sein: Der Verband will die Notbremse ziehen. Angesichts der internationalen Klasseleistungen bei der Luzerner Weltcup-Regatta scheinen die Chancen auf eine Wende bis zu den Spielen in Peking allerdings gering.

Bundestrainer Grahn: „So haben wir bei Olympia keine Chance“

Mit fliegenden Händen suchten die Anhänger des Deutschland-Achters am Sonntag ihre Leute auf der Ergebnisliste: Erst auf Seite zwei tauchten sie auf, auf dem fünften und vorletzten Platz, weit abgeschlagen hinter den Großen der Welt, demütigende 10,30 Sekunden hinter dem Sieger Kanada, weit weg von den zweitplazierten Chinesen und den drittplazierten Briten und immer noch fast fünf Sekunden hinter dem Vierten, dem Achter aus Australien. Ein Untergang erster Klasse.

„So haben wir bei Olympia keine Chance“, sagte Bundestrainer Dieter Grahn, „das kann man nicht beschönigen.“ Immer noch bleibt eine olympische Medaille das Ziel. Der Weg dahin ist allerdings unklar. Luzern sollte eine Bewährungsprobe für die Achter-Stammformation und damit für Grahns langfristiges Konzept sein. Gemeinsam mit einem unabhängigen Analyseteam, das der Verband in Luzern eingesetzt hat, will Sportdirektor Michael Müller nun zusammen mit dem Vizepräsident für Leistungssport, Stefan Grünewald-Fischer und den Trainern die Mannschaft hinterfragen. „Es wird über niemand der Stab gebrochen“, sagt Müller. Allerdings hat auch niemand mehr seinen Platz sicher.

Hacker muss dem Verband sein Debakel erklären

Notgedrungen stimmt Grahn nach dem Rotsee-Desaster seinen Kritikern zu: „Ob das die richtige Mannschaft ist, müssen wir uns reiflich überlegen.“ Auch das unrühmliche Aus des Einer-Fahrers Marcel Hacker schon im Hoffnungslauf am Freitag könnte Folgen haben. Der 31 Jahre alte Skuller und sein Trainer Andreas Maul, eine eingeschworene Trainings-Kleingemeinschaft, haben noch ein paar Tage Zeit, um vier Fragen zur Strategie zu beantworten, die Müller ihnen mit auf den Heimweg gegeben hat. Hacker hatte sein Rennen nach 300 Metern entkräftet aufgegeben, konnte seine Schwäche hinterher aber selbst nicht erklären. Er will sich nun erst einmal ärztlich untersuchen lassen.

Achter-Trainer Grahn, ein alt gedienter Hochleistungsexperte aus Dresden, setzte bisher auf seine bewährten Kräfte, mit denen er schon jahrelang Erfolg hat: Die Formation mit Bernd Heidicker auf der Schlagposition und so profilierten Leuten wie Sebastian Schulte, Philipp Stüer oder Thorsten Engelmann. Mit ihnen gewann Grahn im Jahr 2000 die U 23-Weltmeisterschaft. Mit ihnen wurde der Deutschland-Achter 2006 in Eton Weltmeister und 2007 in München trotz vieler Unkenrufe WM-Zweiter. Schon seit Wochen gibt es aber viele Kritiker in der Szene, im Verband, unter den Sportlern und am Dortmunder Stützpunkt, die frühere Verdienste bei der Mannschaftsbildung nicht für ausschlaggebend halten.

Zweifel am Achter gibt es schon seit geraumer Zeit

„Niemand fährt nach Peking, der nur von den Erfolgen der Vergangenheit lebt“, betonte Michael Müller bereits Mitte der vergangenen Woche. Erste massive Zweifel an Grahns Crew hatte es bereits im April in Brandenburg gegeben, beim Frühjahrstest der Riemen-Zweier, die wiederum als Bausteine des Achters zu sehen sind. In der Mannschaft vom Sonntag spiegelte sich dieses Ergebnis nämlich kaum wider. Die drei Paare aus dem letztjährigen Silber-Achter belegten in Brandenburg nur die Plätze sieben, zwölf und dreizehn. Lediglich die beiden Newcomer Urban/Schmidt können sich auf den Frühjahrstest berufen – sie waren die Schnellsten.

„Man hat uns gesagt, der Zweier-Test ist ein Baustein, mehr nicht“, erklärte der Wiesbadener Achter-Ruderer Sebastian Schulte. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler sieht das Achter-Konzept „projektorientiert“. Erst in Peking müsse die Bestform erreicht werden. Darum komme auch dem Rotsee-Ergebnis nicht die Bedeutung zu, die man ihm von Seiten des Verbandes gegeben habe. Doch schon seit der Weltcup-Regatta an Pfingsten in München hatten die Kritiker vollends Oberwasser: Da wurde der Deutschland-Achter nur Vierter – allerdings nicht in Grahns Wunschformation und von widrigen Umständen wie einem Autounfall auf der Anfahrt und ungerechten Windverhältnissen beeinträchtigt.

Hinterher hieß es in Richtung der jungen, nicht berücksichtigten Achter-Anwärter: „Alle haben noch Chancen.“ Die „Benachteiligten“ von Brandenburg waren im übrigen auch auf dem Rotsee am Start: Im schwächeren der beiden deutschen Vierer ohne Steuermann, der knapp den Endlauf verpasste. Dazu Philipp Naruhn und Florian Eichner, die im Zweier-ohne im B-Finale landeten und Zehnte wurden. Diese beiden waren beim Brandenburger Test die Zweitschnellsten gewesen. „Wir haben gar nicht so riesige Alternativen“, sagt Dieter Grahn deswegen. Die Welt hat die deutschen Ruderer überholt. Sie regieren das Wasser schon lange nicht mehr.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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