Kommentar

Highway zum Olymp

Von Bernd Steinle

Die olympische Bewegung ist ein reicher Quell erbaulichen Gedankenguts - Friede, Freude, Fairness, Völkerverständigung. Besonders gerne beschworen wird in diesem Zusammenhang das olympische Credo, wonach die Teilnahme an den Spielen wichtiger sei als der Sieg, das Streben nach Erfolg erfüllender als die Goldmedaille.

Man mag darüber streiten, wie viele der Athleten das genauso sehen, für die Ausrichterstädte und ihre Vordenker jedenfalls ist das „Dabei sein ist alles“ längst zum naiven Gutmenschen-Geplapper geworden - zumal, wenn sie eine so ehrgeizige Nation repräsentieren wie China. Dabei sein ist da noch gar nichts, und deshalb haben sie für die Spiele 2008 in Peking zum einen den längsten Fackellauf der Geschichte organisiert, knapp 137.000 Kilometer in 130 Tagen; und zum anderen, weil ein einziger Superlativ ja doch etwas dünn ist, angekündigt, das olympische Feuer auf den höchsten Punkt der Erde tragen zu wollen - auf den Gipfel des Mount Everest, 8850 Meter über dem Meer.

Ruhmsucht und Größenwahn statt Friede und Fairness

Natürlich hat das olympische Feuer schon immer allerlei Kaspereien mitmachen müssen. Vor den Spielen in Montreal wurde es per Satellit von Athen nach Ottawa übertragen, vor Sydney transportierte es ein Taucher unter Wasser, in Barcelona entzündete ein Bogenschütze die Schale im Stadion mit einem brennenden Pfeil. Die Chinesen aber treiben dieses Spiel auf die Spitze - buchstäblich.

Für umgerechnet 15 Millionen Euro bauen sie den 108 Kilometer langen Schotterweg ins 5200 Meter hohe Everest-Basislager auf tibetischer Seite in einen asphaltierten, leitplankenbewehrten Highway um. Gut vier Dutzend Bergsteiger bereiten vor Ort seit Monaten den Gipfelgang mit einer Spezialfackel am Rucksack vor, die selbst schlimmsten Wetterunbilden trotzen soll.

Die Todeszone eignet sich nicht für Kraftprotzerei

Fragt sich: Was hat das alles mit Olympia zu tun? Ursprünglich sollte der Fackellauf symbolisch, als weltumspannender Appell, die Menschen dazu aufrufen, die Waffen ruhen zu lassen und sich ganz den Spielen zu widmen. Es hätte viele Regionen gegeben, die sich da zur Zeit als Ziel für eine solche Geste empfohlen hätten. Der Gipfel des Mount Everest gehört bestimmt nicht dazu. Nicht nur, weil die tapferen Fackelträger dort herzlich wenig Adressaten für ihre frohe Botschaft finden werden. Sondern auch, weil ihr Unternehmen eher Ruhmsucht, Größenwahn, Machtpolitik und Machbarkeitsfantasien entspringt als Friede, Freude, Fairness und Völkerverständigung. Die Todeszone, in der unter Schnee und Eis die Leichname erfrorener Bergsteiger begraben sind, eignet sich denkbar schlecht als Showprogramm und Spielplatz für olympische Kraftprotzerei.

Das Grab von Pierre de Coubertin übrigens, dem Begründer der modernen Olympischen Spiele, liegt nicht an der chinesischen Rekord-Route. Aber man muss ja schließlich Prioritäten setzen.



Text: F.A.Z., 21.06.2007, Nr. 141 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa

 
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