Daria Bijak

Turnen über Vorbehalte hinweg

Von Christiane Moravetz

20. Juli 2008 Manchmal spielen ihr die Gedanken einen Streich, und dann kommen die Worte in der Sprache, die ihr momentan am nächsten ist: in Englisch. „Zurzeit in Amerika“ fühlt sich Daria Bijak zu Hause, seit gut zwei Jahren lebt und studiert sie in Utah und turnt für die Salt Lake City University.

In vier Wochen wird sie aber in Peking für Deutschland an den Start gehen, „das wollte ich schon immer“. Sie hat die Hälfte des Studiums - Film Productions, „produzieren, schauspielern, einfach alles“ - hinter sich, der Weg danach, in zwei Jahren, ist offen. Im Moment gilt ihre Konzentration nur einem Ziel. „Denn Olympia ist der Höhepunkt. Und es wird mein letzter Wettkampf auf internationaler Ebene sein.“

„Ich hatte meine Zweifel am Anfang“

Für die vom Deutschen Turner-Bund (DTB) angesetzte Olympiaqualifikation kam sie im Mai zurück nach Deutschland. Der Start war eher enttäuschend, nach zwei Geräten musste sie wegen einer Knieverletzung aufgeben. Anfang Juni, bei den deutschen Meisterschaften, brachte sich die 22 Jahre alte Turnerin endgültig ins Gespräch, als sie Vierte im Mehrkampf wurde.

„Ich hatte meine Zweifel am Anfang“, sagt sie, „aber ich wusste, ich will das und gebe alles dafür.“ Daria Bijak sei, sagt Bundestrainerin Ulla Koch, besonders fleißig. Sie belohnte diesen Fleiß, die Zuverlässigkeit im Mehrkampf mit dem Vorschlag an den Deutschen Olympischen Sportbund, Daria Bijak für Peking zu nominieren - und löste erhebliche Aufregung aus.

Die Nominierung brachte schwäbische Gemüter in heftige Wallung

Daria Bijak war in den vergangenen zwei Jahren nicht im deutschen Anti-Doping-System erfasst - eine wichtige Voraussetzung für die Olympia-Teilnahme fehlte. Auch im amerikanischen Hochschulsport wird getestet - „wir haben einmal im Jahr eine Kontrolle“, sagt Daria Bijak, „aber ich bin nicht ausgelost worden“. Außerdem genügen diese Kontrollen nicht deutschen Standards. Mittlerweile hat sie hierzulande Tests absolviert und bestanden, und seit Dienstag ist sie offiziell Mitglied der deutschen Olympiamannschaft.

Sehr zum Ärger einiger Turnfreunde im deutschen Süden; die Nominierung Daria Bijaks brachte schwäbische Gemüter in heftige Wallung. Der Rückkehrerin lasten sie an, dass Kim Bui (Tübingen) für Peking nur als Ersatz vorgesehen ist. „Dabei war sie gar nicht die Alternative“, sagt Ulla Koch; tatsächlich sei diese Entscheidung zwischen Kim Bui und Joeline Möbius gefallen.

„Es hat sehr weh getan“

Doch plötzlich ergoss sich im Internet-Gästebuch des Turn-Teams Deutschland, auf der offiziellen Seite des DTB, ein Schwall von Beschimpfungen über Turnerin, Verband und Trainerin, bis hin zu Doping-Unterstellungen. Offizielle des Schwäbischen Turner-Bundes erwogen sogar rechtliche Schritte und mussten schließlich einsehen, wie weit sie über das Ziel hinausschossen. „Ich hätte gar nicht ins Internet schauen sollen“, sagt Daria Bijak, „es hat sehr weh getan.“

So hatte sie auch ein mulmiges Gefühl vor dem ersten Zusammentreffen mit ihrer Riege. „Die Turnerinnen kennen sich ja alle gut, die Mannschaft war ja schon in dieser Besetzung bei der WM.“ Doch schon in der ersten Team-Besprechung wurde allen klar, „dass es nicht Darias Schuld ist, dass sie jetzt turnt“ - wie Ulla Koch sagt. Mittlerweile scheinen die Vorbehalte der Normalität gewichen. Denn Daria Bijak sei ein Sonnenschein, sagt Ulla Koch, sei spontan und witzig und auch menschlich ein Gewinn für das Team.

„Ich möchte nicht bereuen müssen, dass ich es gemacht habe“

Jedes Wochenende bestreitet Daria Bijak in Amerika einen Hochschul-Wettkampf und hat in erster Linie gelernt, mit der Nervosität umzugehen. „Dadurch bin ich nicht nur mental, sondern auch körperlich belastbarer.“ Weit über den Sport und das Studium hinaus hat schon jetzt die Zeit in den Vereinigten Staaten Daria Bijak, die in Ratibor in Polen geboren wurde, geprägt.

„Es war die beste Entscheidung“, sagt sie, „man lernt so viel Neues kennen und ist nicht so festgefahren.“ Mit dieser Offenheit wird sie auch nach Peking reisen. Sie möchte „einen Super-Wettkampf turnen“ und Spaß daran haben. „Ich möchte nicht bereuen müssen, dass ich es gemacht habe“, sagt sie - und ihre Gedanken sind wieder schneller: „Ich bereue es sowieso nicht.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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