19. März 2008 Der Bremer Senator für Inneres und Sport Willi Lemke ist vom Werder-Manager und Landespolitiker in ein internationales Amt aufgestiegen - und hat gleich einen Klotz am Bein. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der neue UN-Sonderberater für Sport über einen möglichen Olympia-Boykott, die Macht der Worte und sein Sieg über Pelé.
Sie bekommen Ihre Aufgabe zu einer Zeit aufgetragen, da die Weltpolitik und damit auch die internationale Sportpolitik ein großes Problem hat: Chinas Aggression in Tibet und ein möglicher Olympiaboykott von Peking 2008.
Das konnte ich vor einem halben Jahr ja noch nicht wissen, als die Sache anlief.
Aber nun haben Sie das Problem am Bein.
Ja, doch ich bin einer, der hingeht, wo's weh tut, und kein Kneifer oder Weichei.
Und wo wird's Willi Lemke weh tun?
Ich werde mich darüber sehr eng mit dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon abstimmen, ob dort ein Rat oder auch eine Tat vom Sonderbeauftragten für Sport erwartet wird. Ich habe den persönlichen Auftrag von ihm, vorzubereiten, dass die Spiele in Peking entsprechende Beachtung finden.
Die finden sie ja jetzt schon, leider nicht im erwünschten Sinne.
Ban Ki-Moon erwartet sicher, dass ich nach China gehe.
Wann?
Nicht gleich.
Aber die Zeit drängt, es brennt dem Weltsport auf den Nägeln.
Ich muss ja erst mein Amt übernehmen, wahrscheinlich im April. Dann werde ich das alles mit den Verantwortlichen vor Ort bereden. Dazu gehört auch ohne Wenn und Aber die Tibet-Frage, und da werde ich schon Order kriegen vom Generalsekretariat, was ich mir da angucken darf, ohne weitere politische Schwierigkeiten zu schaffen. Ich will ja Konflikte lösen.
Haben Sie auch eigene Vorstellungen?
Erst mal die, dass ich den Generalsekretär frage, was er von mir erwartet. Das ist doch klar, jetzt im Anfang, wo ich der Neue dort bin. Sicher möchte ich nach Tibet fahren, mit den Leuten sprechen, gegebenenfalls auch mit der Exilregierung Kontakt aufnehmen in Indien, damit ich mir ein Urteil über die Lage erlauben kann.
Die Kernfrage, die auf eine Antwort dringt, ist aber nun: Boykott oder nicht?
Da ist weder ein klarer Boykott-Beschluss von mir zu erwarten noch eine Aussage, dass auf keinen Fall boykottiert werden sollte. Ich denke, dass es klüger ist, wenn wir erst mal alles ganz gründlich sondieren und genau gucken: Was passiert da gerade? Ein Boykott würde Tausende Sportler ins Herz treffen. Das muss man alles sehr differenziert aufarbeiten, um eine Schlussfolgerung für den Sport zu ziehen.
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, stellt sich auf dringliche Anfragen noch stumm. Können Sie, gewissermaßen oberster Sportpolitiker auf politischem Feld, den obersten Sportpolitiker auf sportlichem Feld zum Sprechen bringen?
Ich werde selbstverständlich den Kontakt zu ihm suchen, sobald ich im Amt bin. Ich muss ja zum Antrittsbesuch gehen, und Sie können sicher sein, dass ich diese Frage, sofern Ban Ki-moon das wünscht, auch mit Herrn Rogge bespreche.
Die UN sind in Ernstfällen ja nicht viel mehr als ein Goodwill-Unternehmen. Wie wollen Sie Ihren Vorstellungen vom Weltsport Gewicht geben?
Wir haben glücklicherweise ja nicht die Macht der Waffen, sondern die Macht der Worte. Darauf setze ich.
Wie breit ist denn die Brust eines Bremer Werderaners, wenn er Pelé besiegt hat - wenn auch nur auf sportpolitischem Feld?
Das ist völlig gleichgültig, dazu verweigere ich jede Antwort. Das ist überhaupt kein Problem für mich.
Klar ist das kein Problem, wenn man Pelé überspielt. Mit welchen Qualitäten haben Sie den brasilianischen Fußball-Allstar, der sich auch für das Amt des UN-Sonderberater interessiert hat, denn ausgestochen? Als früherer Werder-Manager, als Bremer Senator für Inneres und Sport - oder einfach nur, weil Angela Merkel Sie vorgeschlagen und durchgesetzt hat?
Dazu muss ich sagen, dass ich dankbar bin für die Professionalität von Steinmeiers Durchsetzungskraft in dieser Frage. Denn es war nicht selbstverständlich, dass es bei der Berufung nach dem Wunsch unseres Auswärtigen Amtes geht. Obwohl einiges für uns sprach, sowohl was den Kandidaten angeht als auch die Finanzierung.
Also hat sich Deutschland dieses Amt einiges kosten lassen?
Sie wissen, wie schlecht es den UN finanziell geht. Und wenn man zwei Büros zu unterhalten hat, eines in Genf und eines in New York, dazu sechs Mitarbeiter, dann muss ja jemand die Gehälter bezahlen von den Jungs und Mädels.
Wie viel?
Insgesamt 450.000 Euro im Jahr.
Und das hätte Pelé nicht mitgebracht?
Er war von der brasilianischen Regierung ja gar nicht unterstützt worden. Und er hätte sicher eher gefragt, was er denn dafür bekommt. Vielleicht ist das ein bisschen fies, wenn ich das so sage, aber ich kenne die Profifußballer ja ein bisschen.
Geld ist aber hoffentlich nicht die einzige deutsche Qualität, die sich durchgesetzt hat. Was sprach sonst für Sie?
Ich glaube, die 25-jährige Praxis in Politik und Sport. Außerdem habe ich akzeptiert, dass es ein Ein-Dollar-Job ist, weil die Ehre für mich ja zehnmal wichtiger ist als 100.000 oder 200.000 Dollar.
Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.
Text: F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 36
Bildmaterial: dpa
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