Olympisches Feuer in London

Protest mit dem Feuerlöscher

Von Johannes Leithäuser, London

Polizisten greifen durch - Demonstrantin am Boden

Polizisten greifen durch - Demonstrantin am Boden

06. April 2008 Den sportlichsten Eindruck auf dem Weg des olympischen Feuers quer durch London machten die städtischen Polizeiradfahrer. Sie sicherten die Strecke, radelten vorweg, hielten immer wieder am Bordstein, sich umblickend wie Hütehunde. Die Fackelträger selber, ob Schulkinder oder Fernseh-Gesichter wie der Nachrichtenmoderator Sir Trevor McDonald und einstige britische Olympioniken wie der Ruderer Steve Redgrave, waren den Blicken der Passanten entzogen. Ein doppelter, später ein dreifacher Kordon von Sicherheitskräften umringte die Fackel auf ihrer 45 Kilometer langen Strecke vom Wembley-Stadion im Nordwesten bis zum „Millenium-Dome“ im Osten, jener Arena auf einer Themse-Halbinsel, die zur Jahrtausendwende errichtet worden war.

Die Londoner Stadtverwaltung und die britische Regierung hatten sich einen Aufmunterungseffekt versprochen von dem Fackellauf durch die Stadt, die 2012 selber Gastgeber der Olympischen Sommerspiele sein will. Seit dem Moment im Juli 2005, in dem die Londoner Bewerbung über die Konkurrenz von Istanbul, New York, vor allem aber über Paris triumphierte, ist die Begeisterung darüber, das größte sportliche Spektakel der Welt ausrichten zu können, stetig und merklich abgeklungen.

Patriotische Gefühle

Ohnehin war für den englischen Sportsgeist der Wettkampf um den Austragungsort womöglich spannender als die Aussicht auf sportliche Wettbewerbe in vielen, nicht sämtlich populären Disziplinen. Der Sieg in der olympischen Bewerbung bestätigte die Londoner in ihrem Selbstwertgefühl, in der Hauptstadt der Welt zuhause zu sein - das weckt stärkere patriotische Gefühle als die Medaillengewinne britischer Athleten, bei denen stets die Frage eine Rolle spielt, ob es sich womöglich um Schotten, Waliser oder Iren handelt.

Die Vorfreude sinkt überdies umgekehrt proportional zu den steigenden Kosten - die Schätzungen haben inzwischen die Marke von 10 Milliarden Euro weit überschritten - und zu den negativen Assoziationen, die sich durch die jüngsten politischen Ereignisse in China und Tibet mit den Spielen verbinden. Der Londoner Missmut ist frei von jeder selbstbewussten Anmutung, als künftiger Gastgeber andere Spiele zeigen zu wollen als jene, die jetzt der chinesischen Führung als Mittel zum internationalen Reputationsgewinn dienen sollen. Vielmehr finden die Briten momentan die Spiele selber nicht mehr schön, nachdem sie so in Gefahr geraten sind, politisch instrumentalisiert zu werden.

Um die Mittagszeit erschien das olympische Feuer am Sonntag kurz in der Downing Street; und Premierminister Brown trat vor die Türe der Hausnummer 10, um den Fackelträgern die Hand zu schütteln. Kommentare gab er lieber keine ab; das überließ er seiner Olympiaministerin, die sich den ganzen Tag auf allen Radiofrequenzen und in allen Fernsehprogrammen um ein deutliches Einerseits (die olympischen Ideale betreffend) und Andererseits (die chinesische Menschenrechtslage) bemühte.

Die britische Regierung hat in der aktuellen Debatte um den olympischen Boykott einen harten Stand schon deswegen, weil sie deutlicher als die politische Führung in anderen westlichen Ländern die Pekinger Spiele in Schutz nehmen und die Teilnahme daran verteidigen muss - schließlich werden Premierminister Brown und der Londoner Bürgermeister Ende August bei der Abschlussfeier im Stadion von Peking erscheinen müssen, um als nächste Ausrichter der Spiele die olympische Fahne in Empfang zu nehmen. Aber die britischen Politiker wehren sich auch deswegen gegen die Boykottrufe aus ihrer Bevölkerung, weil sie dahinter die Botschaft spüren, dass das heimische Publikum generell die Lust an der olympischen Sache verloren hat.

Planung stimmte nicht mehr mit dem Ablauf überein

Auf dem Weg durch London klatschten allerdings viele Schaulustige auch Beifall, als die Fackel vorbeikam, und es wären noch mehr freundliche Neugierige an die in sämtlichen Zeitungen abgedruckte Strecke gekommen, wenn nicht den ganzen Vormittag lang anhaltender Schneefall den Zug des olympischen Feuers gekühlt hätte. Auf manchen Abschnitten stimmte die Planung am Sonntagmorgen aber auch nicht mehr mit dem Ablauf überein.

Die Chinesische Botschafterin am Hof von St. James, Fu Ying, hätte die Fackel eigentlich am British Museum vorbeitragen sollen, worauf sich die Mehrheit der tibetischen Menschenrechtsdemonstranten jenen Streckenabschnitt für ihre Protestaktionen aussuchten. So suchte sich Frau Fu kurzerhand eine andere Stelle und trabte mit dem Feuer in der Hand ein paar hundert Meter durch Chinatown, jenen inzwischen arg touristisch abgenutzten Teil Sohos nördlich des Picadilly Circus, in dem sich rote Lampions über die Straßen spannen, die fast vollständig von chinesischen Restaurants gesäumt sind.

Eine „lädierte“ Moderatorin

Die eilige Umbesetzung im Fackelläufer-Plan konnten die Protestierer durchaus als Punkt für sich verbuchen. Ein paar andere Einfälle sahen weniger friedlich aus, etwa der Versuch, die Fackel mit dem Strahl eines Pulverfeuerlöschers zu ersticken, oder die Attacke auf die Kinderfernseh-Moderatorin Konnie Huq, die hinterher sagte, sie sei „nur ein bisschen lädiert“ worden bei dem Versuch, ihr den Fackelstab zu entreißen.

Der größte Erfolg der Demonstranten, die tibetische Fahnen und Losungen im Londoner Frühlingsschnee hochhielten, bestand in der Wirkung, die sie auf die Präsentation der Fackel hatten: Die chinesischen „Flammen-Wächter“, die die britischen Staffelläufer mit dem Feuer auf der gesamten Strecke umringten, muteten trotz ihrer blauen Overalls nicht wie eine sportliche Ehrengarde an. Sie sahen aus wie Bodyguards, und sie benahmen sich auch so. Als während des Zwischenstopps in der Downing Street einer der blauen Overalls den Fernsehkameras im Weg stand und der Ober-Overall in der Leibwächtertruppe das bemerkte, schubste er seinen Kollegen ohne Warnung kurzerhand grob zur Seite. Der taumelte aus dem Weg, verstellte nicht länger den Blick auf das Feuer, war aber doch zum Teil des Bildes geworden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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