Chinesisches Hockey

Morin Dawa gegen den Rest der Welt

Von Frank Hollmann, Morin Dawa

17. Juli 2008 Nichts erinnert in Morin Dawa an das China der Reiseprospekte. Keine Tempel, keine Mauer, keine glitzernden Hochhausfassaden, keine leuchtende Neonreklame. Peking ist weit in Morin Dawa, mehr als 1200 Kilometer entfernt, weiter als die Grenzen zu Sibirien und der Mongolei. Morin Dawa, das sind staubige Höfe und flache Ziegelbauten, die sich in der fast baumlosen Steppe gegen den Wind ducken. 260.000 Einwohner, eine Kleinstadt für chinesische Verhältnisse, ohne Flughafen oder Gleisanschluss, aber mit einem hochmodernen Kunstrasenplatz. Morin Dawa ist die Wiege des chinesischen Hockeysports.

Wenn E'Jingchun die hölzerne Kugel mit seinem mannshohen Knüppel über den Platz drischt, wenn er, gehüllt in einen wadenlangen gelben Mantel, mit farblich passender Mütze und groben Lederstiefeln den nächsten Angriff einleitet, leuchtet jugendliches Feuer in den Augen des über 80-Jährigen. Regelmäßig treffen sich die Alten in Morin Dawa zum Hockeyspiel, so wie schon Generationen vor ihnen.

Hockey ist in Morin Dawa Tradition

E'Jingchun und seine Mitspieler gehören zum Volk der Daur, einer der kleinsten der 56 anerkannten nationalen Minderheiten in China. Die Daur sind Nachfahren der Khitan, eines Nomadenvolkes, das der Überlieferung nach schon vor tausend Jahren Hockey spielte - oder zumindest etwas Ähnliches wie Hockey. Ganz genau weiß das keiner. Die ursprüngliche Kultur der Daur kennt keine Schrift, nur die mündliche Überlieferung.

Auch E'Jingchun hat das Spiel von seinem Vater und seinem Großvater gelernt. Wie sie schnitzte er sich seinen Schläger, seinen Berko, aus der gekrümmten Wurzel einer Eiche. Der Ball ist die glattpolierte Wurzelknolle eines Aprikosenbaums. In manchen Nächten wird sie zum Feuerball. Die Spieler tränken die hölzerne Kugel in Öl und zünden sie an. Daur brauchen kein Flutlicht. Nur ihre farbenprächtigen Gewänder sind heute aus Stoff und nicht mehr wie einst aus Rehleder. Die Partei hat die Jagd verboten.

Größter Traum: In der Hockey-Nationalmannschaft spielen

Als Chinas Staatsführung in den siebziger Jahren entschied, nach jahrzehntelanger selbstgewählter Abstinenz auf die internationale Sportbühne zurückzukehren, begann das Sportministerium zu forschen. Das abtrünnige Taiwan hatte schon eine recht erfolgreiche Hockey-Nationalmannschaft. Da musste das Mutterland gegenhalten. Irgendein Bürokrat entdeckte die Tradition der Daur. 1974 wurden die ersten Trainer zur Ausbildung in die Hockey-Großmacht Pakistan geschickt. Seitdem stellen die Daur das gesamte Provinzteam der Inneren Mongolei und den Kern der Herren-Nationalmannschaft.

Auch Guo Dongdong will einmal das Trikot mit der roten Fahne und den sechs Sternen tragen. Dafür steht der Zwölfjährige jeden Morgen um sechs Uhr auf. Eineinhalb Stunden trainiert er, dann geht es zur Schule. „Bei uns in Morin Dawa spielt jeder Hockey. Wenn nicht, wirst du hier schief angeguckt“, sagt der Teenager. In seinem Zimmer hängen Poster der NBA-Stars Kobe Bryant und Yao Ming. Guos persönliches Vorbild aber heißt Meng Jun, Sturmführer des Nationalteams, einer von fünf Daur im Olympiateam.

Gute Spieler kommen raus aus der Steppe

Chinas Hockeydamen schrammten in Athen nur knapp an einer Medaille vorbei, nachdem sie im Halbfinale gegen den späteren Olympiasieger Deutschland verloren hatten. Die Herren dagegen erleben als Gastgeber in Peking ihre Olympiapremiere. In der Vorrunde trifft der Siebzehnte der Weltrangliste auch auf das topgesetzte deutsche Team. Das sollte den Gegner nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zuletzt gelangen China Achtungserfolge gegen Südkorea und Indien. Bei den letzten Asienspielen 2006 in Doha errang das Team des südkoreanischen Trainers Kim Sang-ryul Silber, auch dank der Spielkunst der Daur.

„Spieler aus unserer Stadt sind heute in ganz China aktiv. Bei einem Wechsel in eine andere Provinz ist eine Ablöse fällig, bei guten Spielern sind das bis zu 30 000 Yuan“ (umgerechnet rund 3000 Euro), sagt Ao Junxiang voller Stolz. In den achtziger Jahren spielte er selbst für das Nationalteam. Jetzt leitet er das örtliche Hockeyzentrum. Ao ist ein wenig müde. Am Abend zuvor war in Morin Dawa ein erfolgreicher Transfer gefeiert worden, mit einem Bankett mit Hammelfleisch und viel Maotai, einem Reisschnaps.

Nun wollen sie Sportgeschichte schreiben

Ao Junxiang muss oft feiern, erzählt er: „Seit der letzten Meisterschaft haben wir schon ein Dutzend Spieler vermittelt. Die Stadt Wuhai wollte sogar ein ganzes Team ausleihen, zwanzig Spieler. Unsere Jugendlichen wollen das. So kommen sie raus aus der Steppe in die große Stadt.“

Jahrhundertelang waren die Daur von ihren mächtigen Nachbarn gehetzt und verfolgt worden, von Russen, Mongolen und Mandschuren. Mehrfach drohte ihnen die Ausrottung. Erst im 18. Jahrhundert wurden sie in Morin Dawa sesshaft. Nun wollen sie Sportgeschichte schreiben, mit Männern wie Nationalspieler Gu Liang: „Wir sind so ein kleines Volk, und jetzt können wir an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das ist so ungewöhnlich. Durch Hockey wird die Welt erfahren, dass es einen Ort namens Morin Dawa gibt und das Volk der Daur.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Frank Hollmann

 
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