Olympia in Peking

Das Schweigen der Strippenzieher

Von Jörg Hahn

China-Freund Samaranch

China-Freund Samaranch

18. März 2008 Nach dem Sieg gab sich die Delegation Pekings fröhlich und forsch. In der internationalen Pressekonferenz nach der Vergabe der Olympischen Spiele 2008 an Chinas Hauptstadt wurde ein amerikanischer Journalist lächelnd abgebügelt, als er nach der Menschrechtssituation fragte: „Gute Frage. Wir hatten diese Frage gestern schon. Nächste Frage.“

So selbstbewusst äußerte sich Wang Wei, der Generalsekretär des Bewerbungskomitees. Die 112. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte sich am 13. Juli 2001 – es war ein Freitag – über alle Bedenken hinweggesetzt und Peking den Zuschlag gegeben. Um 18.15 Uhr Ortszeit unterzeichnete die Stadt den Vertrag mit dem IOC. Proteste gegen die Bewerbung Pekings auf den Straßen vor dem Kongresszentrum hatten russische Sicherheitskräfte mit harter Hand unterbunden. Aktivisten wurden festgenommen und fortgeschafft.

IOC-Mitglieder ohne Courage

In Moskau fiel damals die Entscheidung schon im zweiten Wahlgang zugunsten der Chinesen (56 Stimmen), die sich gegen Toronto (22), Paris (18) und Istanbul (9) durchsetzten. Osaka war in der ersten Runde mit sechs Stimmen ausgeschieden. Der Erfolg Pekings deutete sich am Ende der einstündigen Präsentation an – als die IOC-Mitglieder Fragen stellen durften, aber nicht einer im Tagungszentrum in Moskau die Courage hatte, das Reizthema der vorangegangenen Tage und Wochen zur Sprache zu bringen: Die chinesische Delegation brauchte die Frage der Menschenrechtssituation in ihrem Land nicht zu umschiffen, denn sie wurde gar nicht mehr gestellt.

War es Desinteresse oder Ignoranz, oder wussten die IOC-Mitglieder ohnehin schon ausreichend darüber Bescheid? Die kritischste Anmerkung unter insgesamt nur acht meist banalen Wortmeldungen machte der Deutsche Roland Baar. Der frühere Spitzenruderer, 2001 Mitglied der IOC-Athletenkommission, wollte wissen, ob der Platz des Himmlischen Friedens, Schauplatz des Massakers von 1989, wie ursprünglich geplant für das Turnier im Beach-Volleyball genutzt werden solle. Die Chinesen ließen sich nicht einmal in diesem Punkt festlegen und kündigten lediglich an, gemeinsam mit dem IOC und dem Fachverband nach einem angemesseneren Spielort zu suchen.

„Himmel, da ist wirklich ein Problem“

Freiwillig gingen in Moskau die Vertreter Pekings auf die politische Situation in der Heimat auch nicht ein. Sie kamen mit Floskeln und Versprechungen („soziale Fortschritte“) durch, sie strapazierten den Begriff „neues Peking“ und gelobten, die kommenden sieben Jahre gut zu nutzen. „Ich werde richtig Englisch lernen“, sagte Bürgermeister Liu Qi und rief damit Gelächter im Saal hervor. He Zhenliang, das chinesische IOC-Mitglied, rief seinen Kollegen im olympischen Zirkel zu: „Sie können China voranbringen. In sieben Jahren werden Sie stolz sein auf Ihre Entscheidung von heute.“

Die Gegner der Bewerbung Pekings, Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, Exil-Tibeter, EU-Parlamentarier und andere politische Gruppen, hatten die Kontroverse frühzeitig angeheizt, indem sie die IOC-Mitglieder vor der Moskauer Versammlung – vor allem mit elektronischer Post – bestürmten. Thomas Bach, der deutsche IOC-Vizepräsident, sprach von etwa zwanzigtausend E-Mails, die ihn erreicht hätten. Für seinen Kollegen Jean-Claude Killy, den früheren französischen Skistar und Förderer der Pariser Kandidatur, war dies mehr als belästigender Aktionismus: „Wir haben so viel Material der Peking-Opposition bekommen, Tag für Tag. Man musste irgendwann an den Punkt kommen, zu sagen: Himmel, da ist wirklich ein Problem, das ich sehr genau betrachten sollte.“

Zuspruch aus Amerika

In den Tagen vor der Entscheidung hatte es jedoch auch gewichtige Stimmen gegeben, die sich mehr oder weniger vorbehaltlos für Peking einsetzten. Nicht zuletzt aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Mitt Romney, damals der Präsident des Organisationskomitees der Winterspiele 2002, rief die IOC-Mitglieder auf, die historische Chance zu nutzen in einer Zeit, in der die Supermächte im Frieden miteinander lebten und China helfen würden, sich der Welt zu öffnen.

Peking warb schon 2001 damit, den Fackellauf durch Tibet und auf den Mount Everest zu führen, niemanden im IOC schien das zu irritieren. Das IOC widerstand der Versuchung nicht, Weltpolitik zu machen. Thomas Bach war derjenige, der an dieser Stelle den Begriff „Denkschulen“ einführte. Es habe zwei Richtungen im IOC gegeben, in die sich der Diskurs entwickelt habe: „Die eine besagte, man solle eine Stadt nicht wählen, bevor sie nicht einen gewissen Standard bei Menschenrechten erreicht hat. Die andere glaubte, zur Verbesserung der politischen Situation und der Menschenrechte erst beitragen zu können, indem man hingeht. Eine weitere Isolierung hielt sie nicht für hilfreich.“

Letzter Kniefall vor Samaranch

Erst zum zweiten Mal war in Moskau die Olympiawahl eine öffentliche Angelegenheit. Zuvor fand die Abstimmung des IOC hinter fest verschlossenen Türen statt. Doch nach dem Korruptionsskandal um die Winterspiele 2002 in Salt Lake City – als IOC-Mitglieder ihre Stimmen verkauften – mussten die Olympier ihre Praxis der Abschottung und Mauschelei, offiziell zumindest, aufgeben.

Drei Tage nach dem Votum für Peking wählte das IOC in Moskau einen neuen Präsidenten: den belgischen Arzt Jacques Rogge, der sich gegen vier Konkurrenten durchsetzte. Juan Antonio Samaranch schied auf den Tag genau nach 21 Jahren aus dem Amt aus – am selben Ort, an dem er einst das Amt übernommen hatte: im Moskauer Unionshaus. Unmittelbar vor den Boykottspielen von 1980 hatte die aus heutiger Sicht skandalumwitterte Ära Samaranch begonnen. Viele Beobachter hielten die Wahl Pekings für einen letzten Kniefall der Olympier vor dem Spanier Samaranch, der sich zu seinem Abschied die Vergabe der Spiele an China gewünscht hatte. Noch einmal setzte der Strippenzieher seinen Willen durch. Die Konsequenzen muss das IOC unter Rogge heute tragen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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