Von Evi Simeoni
03. Januar 2008 Das Schildkrötenblut, das 1993 der dreiste chinesische Lauftrainer Ma Junren ins Spiel brachte, um die fulminanten Leistungssteigerungen seiner Trainingsgruppe zu erklären, hat hartnäckige Flecken hinterlassen. China und Doping? Noch heute geistern bei diesem Thema die roboterhaften Weltrekordläuferinnen von damals durchs Bild, gefolgt von einer langen Reihe deformierter Schwimmerinnen, Gewichtheberinnen und anderer gespenstischer Produkte der Sportdiktatur.
Da hilft es den Imagepflegern in China und den Spitzensportgremien heute wenig, dass prominente Sportler wie die Marathonläuferin Sun Yingjie und die Triathletin Wang Hongni aufgeflogen oder Doping-Nester in der Provinz ausgehoben worden sind. Der Ruf ist ruiniert.
11,4 Millionen Portionen Steroide
Er wird trotz aller Bemühungen sogar noch schlechter, etwa durch die umfangreiche chinesische Angebotspalette im Internet: Dort gibt es alles made in China, von Anabolika über Epo bis zum Wachstumshormon. Erst im September erlitten die chinesischen Bemühungen, als Land der Geläuterten dazustehen, einen überaus schmerzhaften Schlag. Hintergrund ist die Operation Raw Deal, die von der amerikanischen Drogenbehörde ausging und an der Untersuchungsbehörden in neun Ländern plus Interpol beteiligt waren.
Dabei wurden 11,4 Millionen Portionen Steroide beschlagnahmt, 124 Personen verhaftet und 56 Labors in den Vereinigten Staaten geschlossen, die importiertes Rohmaterial in Steroide weiterverarbeitet hatten. Ursprung der Chemikalien: China. 37 chinesische Fabriken, hieß es, hätten 99 Prozent des Rohmaterials für den illegalen Produktions- und Handelsring geliefert.
Der Schock war groß, nicht nur bei den Olympia-Ausrichtern, sondern auch bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Deren Generaldirektor David Howman erklärte dazu: Die chinesischen Behörden haben uns informiert, dass sie jeden Schritt unternehmen werden, um die Fabriken zu schließen. Howman erachtete es allerdings für nötig, zu ergänzen: Und wir glauben ihnen.
Schwierig, wenn die Chinesen gute Leistungen bringen
Wer noch außer Howman? Das Misstrauen ist groß, das Projekt Peking in ernsthafter Gefahr. Die Doping-Katastrophe ist längst da, das Jahr 2008 aber könnte zum Wendepunkt in der öffentlichen Sportwahrnehmung werden. Schmutzige Spiele: Die gab es bereits 2000 in Sydney, als etwa der Blutverdicker Epo überhaupt noch nicht nachgewiesen werden konnte und das Designersteroid THG Karriere machte.
2004 in Athen verdarben zwei griechische Sprinter und zwei ungarische Urinmanipulateure das Gesamtbild. 2008 aber könnten die Spiele sein, in denen sich der generelle Doping-Verdacht in den Köpfen der Konsumenten durchsetzt. Es wird schwierig werden, wenn die Chinesen gute Leistungen bringen, sagt etwa der Schwede Staffan Sahlstrom, langjähriger Direktor von IDTM, eines Unternehmens, das schon 1993 angefangen hat, im Auftrag von internationalen Sportverbänden in China Trainingstests durchzuführen. Das könnte traurig für die Chinesen und den Sport werden. Die Welt könnte sagen: Sie sind so gut, sie müssen betrogen haben. Dagegen steht das chinesische Ziel, im Medaillenspiegel die Spitze zu erobern. Ein unlösbarer Konflikt.
Versteckte Spitzenathleten?
Dazu kommt, dass die Öffentlichkeit einem Land, das Menschenrechte missachtet und Andersdenkende verfolgt, ohne weiteres zutraut, dass es bereitwillig für Medaillen die Gesundheit seiner Landeskinder ruiniert. Was die Doping-Praxis angeht, kommen hartnäckige Vorurteile dazu. Eines der zentralen Verdachtsmomente: Das riesige Land mit dem großen Bevölkerungsreservoir könnte irgendwo versteckt Spitzenathleten trainieren lassen und sie erst im letzten Moment für die Spiele anmelden. Man wird fragen: Woher kommen sie?, sagt Sahlstrom.
Patrick Schamasch, der medizinische Direktor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), klingt genervt, wenn er mit diesem Thema konfrontiert wird. Ich gebe nichts auf Tratsch. Man müsse vorsichtig sein mit Verdächtigungen. Dasselbe könnte mit jedem anderen Land auch passieren, sagt er. Auf kurzfristige Änderungen auf der Meldeliste werde das IOC mit gezielten Kontrollen reagieren.
In Osteuropa oder Kuba noch schwieriger
Ein weiterer Dauerverdacht: Doping-Kontrolleure könnten in China nur unter Schwierigkeiten Trainingskontrollen vornehmen. Die Visumpflicht habe eine Vorwarnfunktion, das Reisen sei erschwert. IDTM allerdings, das Unternehmen, das zum Beispiel für die Wada und die Weltverbände der Leichtathleten, Schwimmer, Tennisspieler und Gewichtheber Trainingskontrollen bei den Topathleten durchführt, hat schon vor vierzehn Jahren ein Büro in Peking eingerichtet, das für China und ganz Asien zuständig ist. Fünfzehn Leute arbeiten dort.
1200 bis 1500 Trainingstests werden zum Beispiel jährlich für die Wada ausgeführt, 400 in China selbst. Wir haben keine Probleme, in China tätig zu sein, sagt Sahlstrom. Die Topathleten seien sowieso an zehn oder fünfzehn Orten konzentriert. Es gibt Länder, in denen die Arbeit viel schwieriger ist, zum Beispiel in Osteuropa oder Kuba. Schwierigkeiten gebe es an Militärstützpunkten, die man nicht so einfach betreten könne, aber das sei in allen Ländern gleich.
Im Jahr 2006 9428 Doping-Tests
Bei der Welt-Anti-Doping-Konferenz im November 2007 in Madrid machte China Punkte. Der am 1. Januar ausgeschiedene Wada-Präsident Richard Pound, ein für seine Direktheit bekannter Kanadier, bescheinigte den Chinesen große Fortschritte im Anti-Doping-Kampf. Ich bin unglaublich beeindruckt, sagte Pound. Quantität und Qualität des Testprogramms wurden erheblich verbessert. Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, die sagen können, sie tun mehr gegen Doping.
Duan Shijie, der stellvertretende Direktor der chinesischen Sportbehörde, berichtete in Madrid von der Gründung einer unabhängigen Nationalen Anti-Doping-Agentur mit sechzig Angestellten (siehe auch: Chinesischer Kampf gegen Doping: Urteilt nach unseren Testergebnissen). Er erklärte, eine Anti-Doping-Gruppe, an der elf Ministerien beteiligt seien, sei unter Führung des Sportministers Liu Peng gegründet worden. China habe im Jahr 2006 9428 Doping-Tests vorgenommen. In diesem Jahr werde man auf 10.000 kommen. Eliteathleten aus den Hochrisikosportarten sind unsere hauptsächlichen Ziele. Das Analyselabor in Peking ist mit Hilfe des Kölner Instituts auf dem neuesten Stand der Technik.
Doch auch hier gilt wie in allen Ländern: Die üblichen Anti-Doping-Programme verhindern nur die Exzesse, vieles daran ist Kosmetik. Wer clever genug dopt, wird trotzdem nicht erwischt. China, dessen ist sich Wada-Präsident Pound sicher, werde aus Angst vor einer Blamage jedenfalls alles tun, um während seiner Olympischen Spiele nicht selbst wegen Dopings aufzufallen. Ein positiver Doping-Test könnte ein PR-Desaster für die kommunistische Regierung werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS
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