Im Gespräch: John Carlos

„Wenn du etwas boykottierst, bombardierst du niemanden“

23. Juli 2008 Es ist eine Ikone der Sportfotografie wie der olympischen Geschichte: Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs 1968 in Mexiko-Stadt protestieren die schwarzen amerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos, der Sieger und der Drittplazierte, mit erhobenen Fäusten und gesenkten Köpfen. Carlos, heute 63, erzählt im FAZ.NET-Gespräch über die Hintergründe und die Folgen der Aktion vor vierzig Jahren.

Wie war die Stimmung Ende der sechziger Jahren unter den schwarzen Sportlern in den Vereinigten Staaten?

Das waren sehr provokative Zeiten. Wir waren mit dem Vietnam-Krieg konfrontiert. Wir haben gesehen, wie Menschen wie Robert Kennedy und Dr. Martin Luther King ihr Leben verloren haben. Es war die Ära, in der es um Menschenrechte ging. Die Athleten mussten erkennen, dass sie das sehr wohl auch betraf.

Um was ging es Ihnen damals konkret?

Wir waren alarmiert wegen des Vietnam-Kriegs, wegen der Behandlung von Muhammad Ali, dem sie am grünen Tisch den Weltmeister-Titel abgenommen hatten, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte. Wir hatten Forderungen bezogen auf die Gleichbehandlung von Schwarzen und Menschen anderer Hautfarbe im Bildungswesen, beim Zugang zu Wohnmöglichkeiten und in der Arbeitswelt.

Wie sah es für die schwarzen Leichtathleten in der Nationalmannschaft aus? Noch 1956 hatten die Vereinigten Staaten bei den Olympischen Spielen die Rassentrennung praktiziert. Fühlten Sie sich gleichwertig?

Es war alles auf den weißen Athleten ausgerichtet. Zum Beispiel die Produkte, die sie uns im Kulturbeutel gaben. Ich habe gesagt: „Warum geben Sie uns das?“ Ich brauche keine Sonnenschutz-Lotion. Was ich brauche ist vielleicht ein Afro-Kamm oder ein Afro-Gel für die Haare. Etwas, das dafür sorgt, dass ich mich wohl fühle, wenn ich die Vereinigten Staaten repräsentiere. Als die erste Kunststoffbahn in San Jose gebaut wurde, war klar, weshalb sie die uns gegeben haben. Wir waren die besten Sprinter im Land, auf der Welt, wenn man es genau nimmt. Aber als es um die Werbung ging, wollten sie nur Weiße vor die Kamera stellen. Wir haben gesagt: „Was ist das Problem? Wir brechen die Weltrekorde.“ Sie haben uns gesagt: „Ihr seid Amateure, ihr könnt nicht einfach Geld nehmen.“ Ich habe erwidert: „Nun, meine Frau war kein Amateur, nimm meine Frau für die Werbespots. Nimm meinen Bruder, meine Schwester, nimm irgendeinen Farbigen.“ Wir haben uns schlecht gefühlt, dass wir Druck machen mussten. Wir sind für Amerika gelaufen, weil wir Amerika lieben. Aber Amerika hat uns auf vielerlei Weise gezeigt, dass es nicht die gleiche Liebe für uns empfand.

Es kam vor den Spielen 1968 zu einer Diskussion unter den schwarzen Athleten darüber, ob es besser sei, geschlossen nicht nach Mexico-City zu fahren. Was war der Tenor der Debatten?

Wie hatten einige heiße Debatten. Das fing schon damit an, dass nicht jeder den gleichen Wissenstand besaß. Es gab welche die gesagt haben: „Warum wollt ihr die Spiele boykottieren? Für mich ist alles in Ordnung.“ Also mussten wir erst einmal diesen Leuten erklären: „Wisst ihr eigentlich was Rassismus ist? Wisst ihr wie das ist, wenn man in aller Öffentlichkeit ,boy‘ oder ,nigger‘ genannt wird? Denkt ihr, wenn ihr das oft genug erlebt habt, das sei ganz normal?“ Wir mussten einigen erst begreiflich machen, dass man diese Beschimpfungen nicht einfach akzeptieren durfte.

Wie gingen die Debatten zu Ende?

Wir hatten eine regelrechte Abstimmung. Aber zu dem Zeitpunkt haben viele gesagt, dass sie ihren Eltern, ihrer Kirche, ihren Freunden versprochen hatten, an den Start zu gehen. Wir konnten diesen Leuten nicht sagen, sie hätten gefälligst ihren Traum wegzuwerfen. Alles was wir tun konnten, war die Karten auf den Tisch zu legen und die Notwendigkeit eines Boykotts zu erklären.

Sie waren für den Boykott?

Ja, ja.

Weshalb?

Wenn man sich anschaut, wie viele schwarze Amerikaner in wie vielen Kriegen für die Vereinigten Staaten gekämpft haben, fragt man sich: Wenn wir gegen Krieg sind, wo wäre Amerika eigentlich, wenn wir nicht mitmachen und wenn wir nicht unsere Kinder schicken? Das gleiche gilt für die Olympischen Spiele. Wenn wir sagen: Nein, wir machen nicht mit. Wir erlauben unseren Kindern nicht, an den Qualifikationen teilzunehmen. Wo wären die Vereinigten Staaten dann? Wir sind ein bedeutender Teil dieses Landes. Aber dann von der Front zurückzukehren, ob aus dem Krieg oder von den Spielen, und zu Hause nicht einfach jedes Restaurant betreten zu können und nicht zu jedem Vermieter ins Büro gehen zu können, weil du schwarz bist – das war ein Thema. Das wollten wir kommunizieren, auf eine friedliche Weise. Wenn du etwas boykottierst, dann bombardierst du niemanden und du schießt auf niemanden.

Was hätten sie durch einen Boykott gewonnen?

Anders herum gefragt: Was gab es zu verlieren? Wollen wir doch mal realistisch sein: Die Medaille, das war eine Mohrrübe. Diese 15 Minuten in der Sonne.

Aber viele ihrer Mannschaftskollegen sahen das anders.

Ja, im Rückblick würde ich keinen Boykott mehr billigen. Aber aus einem anderen Grund. Das 68er Team wurde mit einem so negativen Image belegt, nur weil wir ernsthaft die Möglichkeit eines Boykotts diskutiert haben. So viele Sportler haben darunter gelitten. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Also wenn man etwas tun muss, dann auf eine andere Art und Weise.

So blieb Ihnen nur eine persönliche Protestaktion.

Ja, tief in mir wusste ich: Es brauchte eine Demonstration. Ich wollte etwas tun, was außergewöhnlich wirkt und das – noch viel wichtiger – gewaltfrei ist. Ich habe Tommie Smith angesprochen. Und der Rest ist Geschichte.

Waren Sie auf die Gegenreaktionen und die persönliche Diskriminierung nachher vorbereitet?

Ich wusste, dass es stürmisch wird. Was ich nicht kommen sah, war die Ächtung, die meiner Familie widerfuhr. Die hatte einen größeren Einfluss auf mich als die Schläge, die ich abbekommen habe. Ich persönlich hatte Schwierigkeiten, gute Jobs zu finden oder sie zu behalten. Denn wenn sich nach ein paar Wochen oder Monaten herumsprach, wer ich war, wurde ich entlassen. Ich musste sehr lange in mich gehen, um das alles zu verstehen. Das bringt dich zum Glauben. Gott wird dich nicht verlassen. Glauben und Familie, das wurden meine Schutzschilde, wenn man das so nennen will.

Worin bestand eigentlich konkret der Vorwurf an Ihre Adresse?

Meine Schuld bestand darin, dass ich schwarz bin. Ich hatte nichts Falsches getan. Als David Waddle 1972 in München (als Mittelstreckenläufer) auf dem Siegespodest stand und seine Mütze aufbehielt und sich abwandte, hat man das entschuldigt. Er hatte nichts falsch gemacht – außer der amerikanischen Flagge den Respekt zu verweigern. Das wurde akzeptiert. Als Weißer hätte ich nicht annähernd soviel Aufregung verursacht. Ein Schwarzer aber hat in Amerika gefälligst nicht zu demonstrieren.

Auf dem berühmten Bild sieht man: Sie tragen einen Handschuh und sie halten Ihre Schuhe in der Hand.

Okay. Lassen Sie uns darüber reden. Warum der Handschuh? Diese Spiele wurden zum ersten Mal in Farbe im Fernsehen übertragen. Wir wollten keinen Zweifel daran lassen, wen wir repräsentieren: den schwarzen Mann. Also haben wir schwarze Handschuhe angezogen. Ich habe eine Halskette getragen, um zwei Dinge zu zeigen: meine Liebe zur Gesellschaft und zugleich, dass Schwarze im Süden der Vereinigten Staaten gelyncht worden waren. Warum schwarze Socken und keine Schuhe? Wir wollten die schwarze Armut illustrieren. Die Puma-Schuhe: Ich habe als Junge in New York beim amerikanischen Puma-Vertrieb gearbeitet. Die Puma-Leute haben Schuhe kostenlos an Kinder verteilt, die sich keine leisten konnten. Sie haben vielleicht gedacht: „Wir helfen ihnen und irgendwann helfen sie uns.“ Meine Vergangenheit mit Puma hat mir das Gefühl gegeben, wir sollten deren Schuhe auf dem Podest dabei haben. Und dann hatten wir den Button angesteckt vom „Olympic Project for Human Rights“, weil wir klar machen wollten, dass es nicht nur um schwarz und weiß geht. Sondern um die gesamte Menschheit. Aber die Presse hat eine Art, die Dinge schief darzustellen, um Leute das glauben zu machen, was sie selbst glaubt.

Es war eine spontane Aktion?

Die Idee entstand erst nach dem Semifinale. Da habe ich Tommie Smith gesagt, was ich vorhabe. Die Demonstration war mir wichtiger als das Rennen selbst. Aber ich wusste auch, dass Herr Smith nicht mitmacht, wenn ich das Rennen gewinne. Und das wäre nicht halb so wirkungsvoll gewesen.

Aber Sie mussten mindestens Dritter werden, um überhaupt aufs Podest zu kommen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in den Startblöcken saßen?

Während meiner Laufbahn hatte ich viele Partner überall im Land, die auf meine Rennen gewettet haben. Ich habe mir ihretwegen Sorgen gemacht und viele angerufen und sie gewarnt: „Hey, wettet nicht. Ich weiß nicht, was ich machen werde.“ Was ich vorhatte war, bis zum Ende der Kurve volles Tempo gehen, um allen zu zeigen, dass ich gewinnen kann, und dann zu drosseln. Die Überraschung war Tommie. Der hatte sich angeblich vorher einen Oberschenkel gezerrt, aber zuckte nicht mal mit der Wimper. Er schoss an mir vorbei. Die letzten zehn Meter habe ich über Peter Norman nachgedacht. Aber ich habe nicht geahnt, dass ich Dritter würde. Nach dem Zieleinlauf habe ich mich trotzdem für ihn gefreut. Ein weißer Junge, der exakt 20 Sekunden gelaufen war. Ich mochte Peter. Er war ein draufgängerischer Typ, selbstbewusst und ein verdammt guter Läufer. Als ich sah, dass ich ebenfalls exakt 20 Sekunden gelaufen hatte, war ich noch stärker beeindruckt. Ich wusste, ich hatte an diesem Tag 19,3 Sekunden drin – und zwar leicht – und hatte nicht durchgezogen.

Der Mann mit der bis dahin schnellsten Zeit über 200 Meter hatte sein Rennen verschenkt.

Richtig. Es war meine Entscheidung. Ich laufe nicht für die Mohrrübe. Ich bin nicht der Typ, der sagt: Leichtathletik ist mein Leben. Es ist einfach nur gut, dass ich dabei war und dass ich ein Vermächtnis hinterlassen habe. Als ich zum Siegespodest ging, sah ich, wie Peter und Tommie die Reißverschlüsse ihrer Trainingsjacken zugemacht haben. Ich habe meine Jacke absichtlich offen gelassen. Ich wollte die Arbeiter wie meinen Vater, einen Schuhmacher, repräsentieren. Das waren die Menschen, die ich kannte: den Eisverkäufer, den Elektriker, den Straßenarbeiter, den Mann, der im Park das Laub zusammenharkte. Die ganz gewöhnlichen Arbeiter, die dafür sorgen, dass sich die Erde dreht, die aber nie eine Anerkennung dafür erhalten. Sie haben Familien. Sie haben Ideale. Und die meisten von ihnen sind Angehörige von ethnischen Minderheiten.

Tommie Smith hat ein Buch geschrieben.

Ich habe vor Tommie ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Why?“, weil alle immer gefragt haben: Warum habt ihr das gemacht?

Die beiden Bücher zeigen, dass sie beide die Ereignisse von damals unterschiedlich sehen.

Meine persönliche Auffassung ist: Das Buch von Tommie Smith ist Müll, weil Tommie eine Menge verleumdet hat, um sich selbst größer und wichtiger zu machen. Was er gar nicht gebraucht hätte. Ich nehme an, das musste er machen, um Bücher zu verkaufen.

Trotzdem begegnen sie sich immer wieder.

Ja, wir treffen uns. Aber Sie müssen verstehen. Ich mag nicht froh darüber sein, was Herr Smith sagt oder wer auch immer, der damals involviert war. Aber froh oder nicht froh: Die Geschichte, die uns verbindet, ist viel bedeutender als die Probleme, die ich wegen seiner Aussagen habe.

Sie wollen nicht als zwei Streithähne in die Geschichte eingehen?

Das werden wir wahrscheinlich sowieso. Meine Einstellung lautet: Wenn man dich ins Gesicht tritt und wenn Leute die Wahrheit verdrehen, kannst du das nicht akzeptieren. In den letzten sechs Monaten habe ich mehr zu dem Thema gesagt als jemals zuvor. Ich muss das aus einem einfachen Grund machen: Ich habe Kinder und Enkel, und ich will nicht, dass die glauben, dass das wahr ist, was Herr Smith sagt. Es ist nicht wahr. Herr Smith scheint zu denken, dass das alles seine Idee war, was damals passiert ist. Gott weiß, was passiert ist. Ich weiß, was passiert ist. Und Herr Smith weiß, was passiert ist. Und am Ende wird auch die Gesellschaft wissen, was passiert ist.

Vor den Spielen in Peking ist das Thema Boykott wieder aktuell geworden. Wie Sie schon angedeutet haben, sind Sie dagegen.

Ich würde jedem Athleten raten, sich erst einmal ausführlich zu informieren – über das, was los ist in seinem Leben und über die Menschenrechte. Dann muss er das bewerten. Und dann muss er auf der Basis seiner moralischen Prinzipien handeln und das tun, was er für notwendig hält.

Also sollten Athleten doch eventuell die Spiele boykottieren?

Nein, nein. Ich bin aber dafür, dass die Regierungen verschiedener Länder darüber nachdenken, nicht an der Eröffnungszeremonie teilzunehmen. Das wäre eine kräftige Aussage, um zu unterstreichen, dass einem der Schwindel der chinesischen Regierung nicht gefällt. Ja, wir bewundern ihre Technologie und die Stadien, die sie gebaut haben. Aber wir haben keine Scheuklappen auf und sehen nicht nur Sport, während wir in China sind. Was wir abseits vom Sport sehen, ist ziemlich trüb.

Das IOC hätte China die Spiele wegnehmen können.

Das IOC hätte das tun können. Aber China ist die große Bank. Amerika steht bei China in der Kreide. Und viele andere stehen womöglich bei China in der Kreide.

Werden wir noch lange Olympische Spiele diesen Zuschnitts erleben?

Pierre de Coubertin hätte sich schon oft in seinem Grab umgedreht, wenn er wüsste, was aus seiner Idee geworden ist. Er wollte Frieden und Liebe für die Menschheit. Und Sportsgeist. Sportsgeist? Wie viele Teilnehmer nehmen Drogen? Die Olympischen Spiele stehen nicht mehr für das, was sie mal waren.

Sie sind ein Fernsehspektakel.

Genau. Als sie anfingen, gab es keine Winterspiele. Und die Leichtathletik stand im Mittelpunkt. Jetzt sehen wir immer weniger Leichtathletik. Es sieht so aus, als ob man von diesem schwarzen Sport genug hat. Also bringt man mehr weißen Sport. Mehr Reiten, mehr Synchronschwimmen, mehr Volleyball, mehr Baseball, mehr Turnen und immer weniger Leichtathletik. Und man erhöht die Aufmerksamkeit für die Winterspiele.

Sehen Sie hinter dieser Entwicklung eine rassistische Haltung?

In den weißen Gesellschaften gibt es die Probleme der Dritten Welt nicht. Die Dritte Welt kommt bei den Winterspielen nicht vor. Genauso wenig wie beim Skifahren und beim Skilanglauf und beim Skispringen. Aber selbst wenn das Programm in diese Richtung verlagert wird, wird es noch immer Konflikte geben. Und mit denen wird sich das Internationale Olympische Komitee wohl oder übel beschäftigen müssen. Die Verantwortlichen können die politischen und gesellschaftlichen Nebengeräusche nicht abstellen.


Endspurt zum Protest: Der Zieleinlauf des 200-Meter-Finals von Mexiko 1968

Endspurt zum Protest: Der Zieleinlauf des 200-Meter-Finals von Mexiko 1968

Das Gespräch führte Jürgen Kalwa.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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