Von Frank Hollmann, Peking
11. März 2008 Mit weit geschwungenen Armen zieht Wu Peng seine Bahnen im Pekinger Trainingszentrum. Eine Kamera am Beckengrund filmt jede Bewegung, jedes Muskelspiel, sucht nach Hinweisen, wie Chinas schnellster Schwimmer noch ein bisschen schneller werden kann. Bei Olympia soll Wu Peng nicht wie zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Melbourne nur Silber holen. In Peking zählt für Chinas Sportfunktionäre nur Gold.
Der zwanzigjährige Schmetterlingspezialist weiß um die in ihn gesetzten Erwartungen, doch noch gibt er sich locker: "Ich denke, es ist eher positiv, zu Hause anzutreten. Die Zuschauer jubeln dir zu, wenn du in die Halle kommst. In einer solchen Atmosphäre tut man sich viel leichter. Ich denke jedenfalls, ich werde besser schwimmen."
Chinas Athleten flattern mitunter die Nerven
So entspannt sind längst nicht alle Goldhoffnungen des Riesenreiches. Selbst in ihren Paradedisziplinen flattern Chinas Athleten mitunter die Nerven. Wang Liqin, neunmaliger Tischtennisweltmeister im Einzel, Mixed und mit der Mannschaft, unterlag zuletzt in seinem Auftaktspiel bei der Mannschafts-WM in Guangzhou dem Rumänen Andrei Filimon, der Nummer 74 der Weltrangliste. Ein ähnliches Missgeschick war der Nummer eins der Weltrangliste auch in Athen unterlaufen. Schon munkeln Chinas Sportjournalisten, Wang Liqin könnte auch in Peking mit dem Druck nicht fertig werden und den Olympiasieg im Einzel verpassen, den großen Titel, der dem 29 Jahre alten Spieler in seiner Bilderbuchkarriere noch fehlt.
Auch Guo Yue schwächelte in Guangzhou. Im Damenfinale unterlag die Einzelweltmeisterin glatt Li Jiawei aus Singapur, zum Ärger von Chinas Nationalcoach Shi Zhihao. "Guo ist eine exzellente Spielerin, aber unter diesem Druck konnte sie nicht ihr Potential ausspielen. Ich hoffe, sie hat aus der Niederlage gelernt.
"Wir haben uns kaum verbessert
Im Tischtennis könnte China solch einen Ausfall verkraften. Dann holt halt ein anderer aus der Armada der heimischen Plattenkünstler Gold. In anderen Disziplinen dagegen fehlt ein vergleichbares Reservoir an Topathleten. "Das Projekt 119 ist gescheitert", gestand Cui Dalin ein, einer der Spitzenfunktionäre des chinesischen Sportverbandes. 119 war die Zahl der anvisierten Medaillen bei den Sommerspielen im eigenen Land. Dafür hatte man gewaltige Anstrengungen unternommen, zahlreiche ausländische Spitzentrainer wie den Goldschmied der deutschen Kanuten, Josef Capousek, verpflichtet und die eigenen Athleten zu möglichst vielen Wettkämpfen rund um den Globus geschickt.
Die bisherigen Resultate aber haben Cui, Vizechef des chinesischen Sportbüros, ernüchtert. "Offen gestanden, haben wir uns kaum verbessert", erklärte er den heimischen Sportjournalisten. Chinas Antwort heißt Abschottung. Seit Jahresbeginn bewachen Eliteeinheiten das Nationale Sportzentrum unweit des großen Himmelstempels in Peking und schirmen die Athleten von den Medien ab. Interviews werden fast nur noch bei offiziellen Vorbereitungswettkämpfen gegeben.
Keine Chance gegen die Vereinigten Staaten
Ausgerechnet in den Disziplinen, in denen die meisten Medaillen vergeben werden, tritt das Land auf der Stelle. In Athen stellte China nur drei Olympiasieger im Schwimmen und in der Leichtathletik, die Vereinigten Staaten dagegen 20. Diesen Abstand konnten Chinas Athleten bislang nicht verkürzen. "In der Leichtathletik sehe ich außer Liu Xiang (Olympiasieger 2004 über 110 Meter Hürden) niemanden, der Gold holen könnte", sagte Cui Dalin. Ein ähnlich enttäuschendes Bild bieten die chinesischen Schwimmer. Bei der WM in Melbourne waren sie so erfolglos wie seit Jahren nicht und kehrten ohne einen einzigen Titel heim. Doch ohne Fortschritte in der Leichtathletik und im Schwimmen hat China keine Chance, die Vereinigten Staaten im Medaillenspiegel zu überrunden. Nichts anderes aber erwartet die Öffentlichkeit im Reich der Mitte.
Viele der Verbandstrainer reagieren darauf mit einem erhöhten Trainingspensum und machen die Situation oft noch schlimmer. Feng Kun, eine der Heldinnen des chinesischen Volleyballsiegs von Athen, schleppt sich seitdem von einer Verletzung zur anderen. Überbelastung sei schuld, schimpfte unlängst Li Guoping, Chefmediziner des chinesischen Olympiateams. Gerade bei den Volleyballerinnen sei der Konkurrenzdruck so groß, dass selbst arrivierte Spielerinnen wie Feng verletzt trainieren, um nicht ihren Platz im Team an Nachwuchskräfte zu verlieren.
Das ganze Land erwartet einen Goldflug
Chinas Sportfunktionäre verstünden nicht, dass Sportler auch Ruhepausen brauchten, klagt Capousek. Ähnliche Erfahrungen hat auch Christian Bauer gemacht, einst Nationaltrainer in Frankreich und Italien und nun Chefcoach der chinesischen Säbelfechter: "Am Anfang hat mich der Sportminister angerufen. Warum haben die Fechter zwei Wochen frei? Ich habe ihm gesagt, das sei nötig. Das ist auch Training."
Auch Sun Haiping versucht den Druck von seinem Schützling zu nehmen und hat es dabei ungleich schwerer als Christian Bauer. Seitdem sein Athlet Liu Xiang in Athen Chinas erstes Leichtathletik-Gold gewann, kann er in seiner Heimatstadt Schanghai nicht mehr unbehelligt über die Straße laufen. Das ganze Land erwartet von ihm eine Wiederholung seines Goldflugs über die Hürden. Trainer Sun verordnete Liu, der am Sonntag bei der Hallen-WM in Valencia den Titel holte, zuletzt Tennis und Billard zur Ablenkung. Gut so, meint Chinas führender Sportpsychologe Zhang Zhongqiu. "Zu viel öffentliche Aufmerksamkeit setzt die Athleten nur unter Druck."
Für Chinas altgediente Kader jedoch sind solche Erholungsphasen nur ein anderes Wort für Müßiggang. Dennoch kann Bauer jetzt in Ruhe arbeiten. Der Erfolg gab ihm schlichtweg recht. Seit der Elsässer das Training leitet, sind Chinas Säbelfechter top. Bei den Damen führt Tan Xue sogar die Weltrangliste an. Bauers Credo: "Wir dürfen nicht jeden Tag sagen: Du musst, du musst, du musst. Das gibt zu viel Stress."
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
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