Timo Boll

„Ich bin das große Fragezeichen“

Von Thomas Klemm, Düsseldorf

09. Juli 2008 In Ostfriesland haben gerade die China-Wochen begonnen. Genauer gesagt nur auf Borkum, der westlichsten der Ostfriesischen Inseln, und die Einheimischen bekommen auch gar nichts mit von den China-Wochen, denn sie finden hinter verschlossenen Türen statt. Zutritt hat nur ein exklusiver Kreis, der die Dreifach-Sporthalle chinesisch eingerichtet hat. Der Hallenboden wurde mit genau jenem roten Belag ausgelegt, der auch den Untergrund in der Pekinger Universitätssporthalle bildet, außerdem sind Tische und Zelluloidbälle die gleichen, die beim olympischen Turnier benutzt werden.

Mittendrin in der Halle springt, schlägt und schmettert einer, der die Bedingungen in Asien kennt wie kein zweiter Tischtennisspieler aus Europa. Und trotzdem: Für Timo Boll, den Star unter den sieben deutschen Olympiateilnehmern im Tischtennis, wird die Rückkehr ins vertraute China auch zu einer Reise ins Ungewisse. Und das nur, weil Boll womöglich zu viel gewollt hat in zu kurzer Zeit.

„Mir hat die Geduld gefehlt“, sagt Boll

Am vorletzten Tag des vergangenen Jahres, beim Krafttraining auf der kanarischen Insel Lanzarote, hatte er sich übernommen. Mit aller Macht hatte er seine Athletik verbessern wollen, um pünktlich zum Olympiajahr die konditionelle Überlegenheit der Chinesen wettzumachen. Das Knie machte plötzlich nicht mehr mit, auf eine Entzündung der Patellasehne folgte eine Zwangspause.

Boll wollte sich damit nicht abfinden, nicht im Olympiajahr. Er erlaubte sich nur eine kurze Auszeit, biss die Zähne zusammen, weil er Anfang Februar unbedingt beim Europa-Top-12-Turnier in Frankfurt, unweit seines Heimatortes im Odenwald, antreten wollte. „Ich muss zugeben, dass mir die Geduld gefehlt hat“, sagt der Siebenundzwanzigjährige, „irgendwo anders hätte ich nicht gespielt.“ Das Knie schmerzte wieder, Boll musste meistens das Bett hüten. „Drei Monate habe ich damit rumgemacht, bis ich wieder ordentlich trainieren konnte.“ Was als Medaillenrennen bei Olympia geplant war, wurde unversehens zu einer Aufholjagd im Alltag.

Die Chinesen zogen sich Boll-Doubles heran

„Ich versuche, mich nicht großartig verrückt zu machen. Ich sehe die Situation ganz realistisch, weil ich so lange verletzt war. Aber ich bin mir sicher, dass ich in Peking ein würdiger Gegner sein werde.“

Bis vor einiger Zeit war Timo Boll mehr als ein würdiger Gegner: Er war der Beste, eine würdige Nummer eins. Im Januar 2003 wurde der Hesse zum ersten Deutschen, der jemals die Spitzenposition in der Tischtennis-Weltrangliste einnahm. Insgesamt sechs Monate stand Boll 2003 ganz oben. Der Respekt der Chinesen wurde so groß, dass sie sich Doubles des Deutschen heranzogen; Sparringspartner, die sein Spiel kopieren sollten, damit sich die Topleute darauf einstellen konnten.

Boll kennt den Fanatismus, der in der Pekinger Halle herrschen wird

Die Ehrerbietung der Asiaten ging so weit, dass sie sich vor zwei Jahren auch das Original ins Land holten. Die Mannschaft von Zhejiang Hongxiang verpflichtete den damaligen Weltranglistenzweiten für zehn Spiele. Boll erlebte hautnah jenen scheinbar grenzenlosen Sport-Fanatismus der Chinesen, der sich Mitte August auch in der 8000 Zuschauer fassenden Pekinger Spielstätte Bahn brechen wird.

„Es ist in China immer sehr laut und sehr unruhig in den Hallen und Stadien. Für Sportler, die sich stark konzentrieren müssen, wird es bei Olympia sicher nicht einfach. Aber es macht natürlich auch Spaß, wenn so eine Stimmung in der Halle herrscht - auch wenn die Zuschauer in die Ballwechsel hineinbrüllen.“

Im vergangenen Jahr ging der Anschluss an die Weltspitze verloren

Vier Jahre lang war Boll mit den drei besten chinesischen Tischtennisspielern auf Augenhöhe; vier Jahre lang bildete Boll mit Wang Liqin, Wang Hao und Ma Lin nahezu ununterbrochen das Spitzenquartett in der Weltrangliste; das Einzige, was sich änderte, war die Reihenfolge unter den vieren. Im vergangenen Jahr jedoch verlor der Hesse zunehmend den Anschluss.

Im Dezember war er nur noch Fünfter der Hackordnung, nachdem er zuvor binnen einer Woche zwei bittere Niederlagen gegen Ma Long, einen weiteren herausragenden Chinesen, hatte hinnehmen müssen: Boll unterlag jeweils mit 0:4 Sätzen, sang- und klanglos bei den French Open, etwas weniger niederschmetternd bei den anschließenden German Open.

„Es ist, als ob man wieder bei null anfängt“

„Man muss zugeben, dass im vergangenen Jahr kaum jemand da war, der die Chinesen ein bisschen gefährden konnte. Ihr Abstand zu den Konkurrenten ist größer geworden. Und wenn der eine mal ein bisschen schlechter drauf ist, dann ist der andere in absoluter Topform. Zwar stehen sie bei Olympia im eigenen Lande enorm unter Druck, weil von ihnen alle Medaillen erwartet werden. Aber sie sind auch mental stärker geworden. Man hat nicht mehr das Gefühl, dass sie wie früher ihr Konzept total verlieren.“

In der Weltrangliste ist Timo Boll mittlerweile bis auf Rang sieben abgerutscht. Dass vor ihm nun fünf Chinesen sowie der Weißrusse Wladimir Samsonow liegen, ist auch eine Folge seiner erzwungenen Auszeit. Als er im Frühjahr an den Tisch zurückkehrte, verstand der Hesse sein Handwerk nicht mehr. „Mir fehlte das gesamte Feingefühl, es ist, als ob man wieder bei null anfängt.“ Doch die Verletzungspause hatte auch ihr Gutes. Während die Konkurrenz zunehmend geschlaucht war vom Turnier- und Reisestress, ging Boll „frisch und mit Freude“ zurück an den Tisch.

Kleinere Erfolge deuten an, dass er sich seiner Bestform nähert

„Die anderen haben eine sehr lange Saison hinter sich, die haben schon nach einer Pause gejauchzt. Diese Schwäche kann bei Olympia entscheidend sein. Es gab oft Turniere, wo ich hart trainiert habe, so dass ich überspielt und mental platt gewesen bin. Es muss also kein schlechtes Omen sein, dass ich so lange verletzt war.“

Der Spaß an der Trainingsarbeit wurde gesteigert durch kleinere Erfolgserlebnisse in jüngster Zeit, durch die Boll angedeutet hat, dass er sich seiner Bestform beständig nähert. Im Mai ist er erstmals deutscher Mannschaftsmeister geworden, mit seinem neuen Bundesligaverein Borussia Düsseldorf. Anfang Juni bei den Singapur Open bot er dem späteren Turniersieger Ma Long lange Paroli, hatte im Halbfinale Chancen zur 3:1-Satzführung, unterlag aber letztlich 2:4.

Boll bleibt für die Chinesen die größte Gefahr des euopäischen Tischtennis

„Dieses Match war vor Peking noch einmal eine wichtige Rückmeldung“, sagt Bundestrainer Richard Prause. „Derzeit sind die großen vier vielleicht noch fünf bis zehn Prozent entfernt, aber wenn sich Timo weiter steigert, wird er auch wieder seine Siegchancen besitzen.“

Die größte Gefahr, die vom europäischen Tischtennis ausgeht, die verkörpert für die Chinesen immer noch Boll. Was auch daran liegt, dass der Hesse, der aus dem Odenwald kommt, nicht nur wegen seines Talents bekannt ist wie kaum ein Zweiter aus dem fernen Kontinent. Wie beliebt er abseits der Platte ist, zeigen Umfragen stets aufs Neue.

Zum attraktivsten Sportler der Welt wurde er in China gewählt

Vor einem Jahr wurde er in China zum attraktivsten Sportler der Welt gewählt, vor David Beckham und all den anderen Schönlingen, zuletzt kürten ihn die Leserinnen einer chinesischen Frauenzeitschrift vor einigen Wochen zum „sexiest Europäer“. Boll ist begehrt in China, aber so richtig an sich heranlassen mag er den Personenkult nicht. Wird er nach seinen Gefühlen gefragt, sagt Boll selten „ich“, sondern verbirgt sich, wie einst Bundestrainer Berti Vogts, oft hinter der vierten Person Singular: „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man die Straßen entlangläuft und bewundert wird.“

Timo Boll ist uneitel genug, um den ganzen Rummel richtig einzuschätzen. Auch dass sich das chinesische Staatsfernsehen seinetwegen nach Deutschland aufgemacht hat, um vor den Olympischen Spielen den x-ten Beitrag über ihn zu drehen, liegt für Boll vor allem an der „Riesen-Tischtenniseuphorie“ der Asiaten. Dementsprechend hat es den Deutschen auch nicht gestört, dass ihn 2004 in Athen kaum jemand eines Blickes würdigte. „Die Griechen konnten sich mit der Sportart Tischtennis eben nicht identifizieren.“

Boll feilt an taktischen Finessen

Vor vier Jahren endete Bolls olympische Mission im Viertelfinale, wo er dem 15 Jahre älteren Schweden Jan-Ove Waldner unterlag. In Peking nun soll es für den fünfmaligen Europameister endlich klappen mit der allerersten Einzelmedaille bei einem Weltturnier. „Wenn ich es schaffe, auf mein Niveau von vor eineinhalb Jahren zurückzukommen, ist eine Medaille in beiden Wettbewerben realistisch. Man soll sich ja hohe Ziele stecken, um eine gewisse Motivation im Training zu haben.“

Bei den vorolympischen Übungseinheiten auf Borkum und den anschließenden Testturnieren feilt Boll weniger an technischen Feinheiten, mit denen er die Konkurrenz überraschen kann, sondern mehr an den taktischen Finessen, durch die er die Gegner aus dem Gleichgewicht bringt und zu Fehlern zwingt. „Dazu braucht man enorm viel Konzentration, dazu muss man den Gegner lesen können, sich in ihn hineinversetzen und seine Gedankengänge vorausahnen.“

Vielleicht hat Timo Boll einen großen Vorteil gegenüber seinen Gegner, die nach der Zwangspause des Deutschen grübeln, was er bis Peking wohl aushecken mag. „Ich habe eine gute Ausgangssituation, denn ich bin der Jäger. Keiner weiß genau, wo ich stehe. Ich bin das große Fragezeichen in der Tischtenniswelt.“



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

 
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