Dara Torres

Alte Schule

Von Jürgen Kalwa

12. Juli 2008 Wenn man 41 Jahre alt ist und noch einmal bei den Olympischen Spielen im Schwimmen an den Start gehen will, muss man eine Menge Personal anheuern. Nicht nur, weil der Körper viel Pflege braucht. Der Alltag ist einfach komplizierter. Dara Torres hat einen Cheftrainer, einen Sprinttrainer, einen Fitnesscoach, zwei Masseure, einen Chiropraktiker und ein Kindermädchen und gibt dafür rund 100.000 Dollar im Jahr aus.

Die Spiele in Peking in wenigen Wochen sind keineswegs ihre ersten. Die erlebte sie 1984 in Los Angeles, als sie in ihrer Heimatstadt mit siebzehn Jahren zum ersten Mal Gold gewann - in der 4 × 100-Meter-Freistilstaffel, in der die Amerikanerinnen dem Rest der Welt gern mal um ein paar Meter voraus sind.

Gold in Los Angeles, Bronze in Sydney - und in Peking?

Ihre bisher letzten Medaillen hat sie in Sydney geholt, wo sie bereits zu einer Alterskategorie gehörte, die normalerweise in der Sportart als „altes Eisen“ eingestuft wird. Die drei Bronzemedaillen über 50 und 100 Meter Freistil sowie 100 Meter Schmetterling könnte man jedoch auch als Beleg dafür betrachten, dass manche Athleten einfach zu früh aufhören.

Acht Jahre später bei den amerikanischen Qualifikationswettbewerben in Omaha mag sie auf manche zwischen den jungen Rekordjägern wie Michael Phelps und Natalie Coughlin wie eine Frau aus dem Panoptikum wirken. Tatsächlich repräsentiert sie mit ihren knapp 1,80 Metern Größe, mit dem Oberkörper, der einem in die Länge gezogenen Dreieck ähnelt, und mit den sachte herausgefrästen Muskeln noch immer den Idealtyp von Schwimmer, der die Grundvoraussetzungen besitzt, die man braucht, um in die Weltspitze vorzustoßen.

Ihr Leben wäre einfacher ohne Abstecher zum Chirurgen

So hatte sie im vergangenen Herbst im 25-Meter-Becken mit 23,82 Sekunden einen neuen amerikanischen Rekord über 50 Meter Freistil aufgestellt - jene Strecke, auf der sie sich für ihre fünften Olympischen Spiele qualifizieren wollte. Doch dann kam alles noch viel besser als gedacht: Sie gewann die Qualifikation schon über 100 Meter Freistil in 53,78 Sekunden, schlug dabei das Multitalent Natalie Coughlin und fiel anschließend ihrem deutschen Trainer Michael Lohberg erleichtert in die Arme. „Ich bin außer mir“, sagte sie. „Ich kann es gar nicht glauben.“

Ihr Leben wäre einfacher, wenn Torres, Mutter einer zweijährigen Tochter, nicht immer wieder Abstecher zum Chirurgen machen müsste. Allein in diesem Jahr ließ sie sich eine Knochenabsplitterung in der Schulter entfernen und einen gerissenen Meniskus behandeln. Aber das gehört wohl zum Älterwerden: Wartung und Reparatur.

Vor 16 Jahren wollte Mark Spitz „neu definieren was Vierzigjährige leisten können“

Genauso wie die beiden Hilfskräfte, die dreimal die Woche kommen, um im Rahmen eines speziellen Programms an ihren Armen und Beine zu ziehen, damit die kostbaren Extremitäten schön locker bleiben. „Ich habe großartige Leute um mich herum“, sagt sie. „In meinem Alter ist Erholung das Wichtigste.“

Wahrscheinlich hätte sich Mark Spitz vor den Spielen 1992 in Barcelona einer ähnlichen Extraanstrengung unterziehen müssen. Der Goldfisch von München war 40 Jahre alt, als er noch einmal von einer Olympia-Teilnahme träumte. Und behauptete: „Ich denke, wir werden neu definieren, was Vierzigjährige leisten können.“

Die Ambitionen wirken noch unwiderstehlicher als die eines Michael Phelps

Er bemühte sich tatsächlich sehr und schwamm fast genauso schnell wie auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch das reichte nicht. Die jüngere Konkurrenz hatte die Bestmarken inzwischen um mehrere Sekunden gedrückt.

Solche Comeback-Versuche produzieren jedes Mal viel Aufsehen. Denn derartige Ambitionen wirken fast noch unwiderstehlicher als die eines Michael Phelps, der in Peking in mindestens acht Wettbewerben antreten und gewinnen will.

Torres will sich auf zwei Strecken konzentrieren

Ob sich der enorme Aufwand für Dara Torres sportlich lohnt, wird sie vermutlich erst in Peking herausfinden, wo sie nun automatisch zu den Mitgliedern der amerikanischen Freistilstaffel über 100 Meter gehört. Und wo sie, weil sie schließlich auch den Titel über 50 Meter Freistil in amerikanischer Rekordzeit gewann, auf ein Pensum von drei Wettbewerben gekommen wäre.

Nach wenigen Tagen des Überlegens erklärte sie, sie wolle sich auf die Staffel und die kürzere Freistilstrecke konzentrieren - damit wird die derzeit schnellste Amerikanerin im mit Spannung erwarteten Rennen über 100 Meter Freistil, in dem sich auch die Deutsche Britta Steffen eine Medaillenchance ausrechnet, fehlen.

„Was kann Dara zustoßen?“, fragt der Trainer

Sicher ist allerdings, dass die Anstrengung ihr in ihrem Nebenberuf als Werbefigur für Firmen wie den Ausrüster Speedo hilft. Sie zählt außerdem zu den amerikanischen Sportlern, die sich am „Project Believe“ beteiligen, einer Initiative der amerikanischen Anti-Doping-Agentur, in der Bluttests vorgenommen werden, um den Verdacht der weitverbreiteten illegalen Leistungsmanipulation auszuräumen. Auch das fördert das Image einer Frau, die schon als Model und Fernsehkommentatorin gearbeitet hat.

Ihr Trainer Michael Lohberg, der einst in Bonn aktiv war und seit ein paar Jahren an der Küste von Westflorida arbeitet, glaubt übrigens, dass sie mit weniger psychischem Druck ins Becken springt als die Jüngeren neben ihr. „Was kann ihr denn schon schlimmstenfalls zustoßen?“, fragt Lohberg. „Sie geht nach Hause zu ihrer Tochter und ihrem Lebensgefährten. Ihr Selbstwertgefühl besteht nicht aus Zehntel- und Hundertstelsekunden.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

 

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