Von Eileen Stiller, Phnom Penh

Hem Bunting ist einer der schnellsten Langstreckenläufer Südostasiens - und hat in Peking keine Chance
27. Juli 2008 Wenn sich der Himmel verdunkelt über Phnom Penh, geht alles sehr schnell. Hem Bunting tauscht seine Laufschuhe gegen Flipflops, sein Trainer Kim San Chai rafft Notizen von den Stufen einer Betontreppe. Gemeinsam waten sie durch Pfützen, die der tropische Regen in die Laufbahn aus Schotter und Roterde furcht. Für heute ist ihr Trainingstag beendet. Es ist 8.10 Uhr morgens.
Wie soll Kambodscha bei den Olympischen Spielen mithalten, wenn wir nicht einmal eine Trainingshalle haben?“, stöhnt Hem Bunting. Im Büro des nationalen Sportverbandes sinkt er auf ein Sofa aus verschlissenem Samt. Auf speckigen Wandpostern sind Athleten in Siegerpose zu erahnen. Auf einer Tafel stehen die Ratschläge seines 72 Jahre alten Trainers: Versuch nichts Neues“ oder Trink ausreichend Flüssigkeit“.
Vier Sportler vertreten Kambodscha in Peking
Bunting lächelt das sprichwörtliche Khmer-Lächeln, als ob er ahnte: So wie er da hockt, käme niemand darauf, dass dieser 22 Jahre alte Schlaks, dessen Laufschuhe noch aus seiner Schulzeit stammen, der erfolgreichste Langstreckenläufer Kambodschas ist.
Tatsächlich fliegt Hem Bunting am 7. August mit drei weiteren Sportlern (zwei Schwimmern und einer 100-Meter-Läuferin) sowie zwei Trainern und einer neunköpfigen Delegation nach Peking. Der kambodschanische König Norodom Sihamoni wird das Team begleiten. Für Seine Hoheit stand die Teilnahme an der Eröffnungsfeier im Gegensatz zu manch westlichem Regierungsvertreter nie zur Debatte.
Wo Pol Pot mordete, regiert jetzt der Freizeitsport
Die Volksrepublik China und das Königreich Kambodscha beglückwünschen einander in diesem Jahr zu fünfzig Jahren diplomatischer Verbundenheit. Die Staatsfreundschaft hat eine krisengeschüttelte Geschichte überdauert, korrekter: genährt. Das kambodschanische Kapitel erzählt vom bestialischen Steinzeit-Kommunismus des Diktators Pol Pot, vom komplexen Stellvertreterkrieg zwischen Peking und Moskau und von mörderischen Guerrillazügen der Roten Khmer bis in eine allzu nahe Vergangenheit hinein.
Inzwischen tönt durch die Arena, die Pol Pot als Hinrichtungsstätte diente, wieder Musik. Im Stadionrund der Gegenwart tanzen allmorgendlich ab 5 Uhr ungezählte Freizeitsportler um scheppernde Lautsprecherboxen, lassen Frauen rote Fächer durch die Luft schweben, und Quadratmänner prahlen mit ihrer Muskelmasse.
Dritter über 5000 Meter, Zweiter im Marathon
Hem Bunting gehört einer Generation an, die sich von den historischen Hürden ihres Landes nicht aus dem Tritt bringen lassen will. Die Zukunft hat der junge Läufer fest im Blick. Dafür braucht es nicht einmal Illusionen: Ich werde bei Olympia keine Medaille gewinnen“, sagt er. Seine Nominierung verdankt das kambodschanische Olympia-Team einer Sonderregelung der internationalen Verbände in der Leichtathletik und im Schwimmen, wonach Länder ohne Spitzensportler je einen Mann und eine Frau auch ohne Qualifikation zu den Spielen entsenden dürfen.
Hem Bunting erhielt die Nominierung wegen seiner Erfolge bei regionalen Wettbewerben. Zuletzt wurde er vergangenen Dezember bei den 24. Südostasien-Spielen (SEA Games) in Thailand Dritter über 5000 Meter sowie Zweiter im Marathonlauf. Er lief persönliche Bestzeit: 2:26:28 Stunden.
50 Dollar im Monat als Hungerlohn
Um die offizielle Olympia-Norm zu erfüllen, hätte er höchstens 2:18:00 Stunden benötigen dürfen. Mein einziges Ziel kann sein, meinen eigenen Rekord zu brechen“, sagt Hem Bunting. 2:16:00 wären mein Traum.“ Ob ihm das gelingt, bleibt fraglich.
Ein Verbandsmitglied, das ungenannt bleiben möchte, spricht aus, wozu der Sportler in einem Land, dessen Mündigkeit noch jung ist, schweigt: Wir trainieren in baufälligen Anlagen, unsere Coaches sind alt, uns fehlen Sponsoren, und die Athleten erhalten mit 50 Dollar monatlich einen Hungerlohn.“ Das Nationale Kambodschanische Olympische Komitee (NOCC) gibt zur finanziellen Unterstützung seiner Athleten keine Auskunft.
Auf das Preisgeld für die Südostasienspiele wartet Bunting bis heute
Die 200 Dollar aber, die NOCC-Präsident Thong Khon am 9. Juni unter Aufgebot eines Fernsehteams jedem Sportler in die Hand drückte, will Geschäftsführer Meas Sarin genannt wissen. Das war aus der eigenen Tasche“, betont er. Zusätzlich erhalte jeder Athlet 400 Dollar Bonus für Peking. Unkommentiert bleibt wiederum ein lokaler Medienbericht, dem zufolge die mitreisenden Funktionäre mit je 7000 Dollar Taschengeld rechnen dürften.
Bunting nimmt es sportlich. Als persönlicher Ansporn genüge ihm das T-Shirt mit dem kulleräugigen Maskottchen der vergangenen SEA Games, das ihm regennass am Körper klebt. Auf das Preisgeld in Höhe von insgesamt 3000 Dollar, das Ministerpräsident Hun Sen für erfolgreiche Kambodschaner bei diesen Südostasien-Spielen ausgerufen hatte, wartet Hem Bunting bis heute.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
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