Von Evi Simeoni
18. März 2008 Schön ist das Leben auf Trinidad, wenn die Steel Drums klimpern und man sich zu einem nationaltypischen Lime, also einer Faulenzerei, auf Sesseln niederlässt, um nichts zu tun, zu essen und zu trinken. Ja, dort kann man sein Leben genießen: Man lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Und den Dalai Lama auch. Und auch den chinesischen Regierungschef Wen Jiabao. Wie schön wäre es also, jetzt auf Trinidad zu sein. Dort sind wir aber nicht. Dort ist lediglich Jacques Rogge.
Oder war er dort und ist schon wieder weg? Schwer zu orten, der wichtige und geschäftige Mann. Aber seien wir gerecht. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hat sich wahrscheinlich nicht zu einem Lime niederlassen können. Er ist schließlich auf Dienstreise und muss bestimmt viel repräsentieren und reden. Obwohl: Viel sagt er nicht dieser Tage. Er schweigt. Zumindest, wenn es um das entscheidende Thema dieser vorolympischen Monate geht: Kein Wort zu den Geschehnissen in Tibet. Kein Wort zu den chinesischen Reaktionen darauf.
Mr. Rogge, Ihr Schweigen tötet Tibet
Wenn das nicht so schlimm wäre, könnte man ironisch sagen: Muss er ja auch nicht. Schließlich hat Rogge schon häufig darauf hingewiesen, wie günstig sich die Vergabe der Olympischen Spiele 2008 auf die Menschenrechts-Lage in China auswirken werde. Dieser Meinung ist er sicherlich noch immer. Wieso soll er jetzt, angesichts der blutigen Niederschlagung von Protesten in Lhasa und der eskalierenden Situation in China also plötzlich etwas anderes sagen?
Mr. Rogge, Ihr Schweigen tötet Tibet, stand auf einem Banner, das tibetische Demonstranten am Dienstag vor dem Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees in Lausanne hoch hielten. Das mag übertrieben sein. Doch Rogges Schweigen, erst vielleicht noch als situationsbedingt, dann möglicherweise als abwartend zu entschuldigen, wird nun langsam immer lauter. Auch Nichtkommunikation hat eine Aussage, und jeder kann sie interpretieren, wie er will.
Zur Menschenrechtsfrage schwieg er sich aus
Wen Jiabao betrachtet Rogges Schweigen offenbar als Zustimmung. Er mahnte auf einer Pressekonferenz zum Abschluss der Tagung des Volkskongresses an, die Proteste der Tibeter gegen Menschenrechtsverletzungen unterminierten die Olympischen Spiele. Dabei verwies er darauf, dass die Grundsätze der Olympischen Charta gewahrt werden müssten. Aha. Zu den Grundsätzen der Olympischen Charta gehört allerdings auch die Einhaltung der Menschenrechte. Das müsste Rogge wohl noch einmal klarstellen. Doch Rogge sagt nichts.
Vielleicht gehen die Gedanken des stets höflichen Belgiers zurück nach Moskau 2001. Zu der Session, auf der er Präsident wurde. Und auf der die Spiele 2008 mit Hilfe seines Vorgängers Juan Antonio Samaranch an Peking vergeben wurden. Nun ist die Zwickmühle da. Obwohl er schon im vergangenen Sommer, ein Jahr vor den Spielen, auf dem Platz des Himmlischen Friedens alles getan hat, um sie zu vermeiden. Er hielt damals eine Rede. Doch zur Menschenrechtsfrage schwieg er sich aus.
Text: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite 29
Bildmaterial: AFP
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