Von Bernd Steinle
04. Mai 2008 Eigentlich hätte die Stimmungslage bei Angela Maurer an diesem Samstag in Sevilla ja eindeutig sein sollen. Bei der WM der Freiwasserschwimmer hatte sie über die 10-Kilometer-Strecke im Rio Guadalquivir als Siebte angeschlagen - zu spät, um eine Medaille zu gewinnen, rechtzeitig genug aber, um das eigentliche Ziel zu schaffen: die Qualifikation für die olympische Premiere der Langstreckenschwimmer bei den Spielen in Peking im August.
Klar, dass Angela Maurer erst mal glücklich war, in Peking dabei zu sein. Wenig später aber schon fiel ihre Bilanz eher gespalten aus. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicke sie auf das WM-Rennen zurück, sagte die 32 Jahre alte gebürtige Wiesbadenerin, die für die SG Rheinhessen Mainz startet. Denn: Britta Kamrau-Corestein, Angela Maurers Teamkollegin und interne Rivalin, die Weltmeisterin über 25 Kilometer und 10-Kilometer-Titelträgerin 2002 und 2004, war an der Olympia-Qualifikation, die einen Platz unter den Top Ten verlangt hatte, gescheitert - als 39. von 51 Starterinnen in Spanien.
Kamrau-Corestein hatte sich in Mexiko einen Infekt eingefangen
Das tut mir richtig leid, sagte Angela Maurer, ich kann mir vorstellen, wie sie sich fühlen muss. Nämlich richtig schlecht. Wie im falschen Film komme sie sich vor, sagte die restlos enttäuschte Rostockerin nach dem Rennen. Ich bin geschwommen, als sei ich noch nie die 10 Kilometer geschwommen. Dabei war ich mir so sicher, das zu packen.
Auch für ihren Trainer Christian Bartsch, einst schon mit Peggy Büchse erfolgreich, war das unerwartete Aus ein Tiefschlag. Das ist traurig ohne Ende, sagte Bartsch. Es war unser Traum, Olympia zu erleben, dafür haben wir jahrelang gekämpft und gearbeitet. Das ist so bitter, das haben wir nicht verdient. Auf der Suche nach Erklärungen für den Einbruch landete nicht nur der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), Örjan Madsen, schnell bei dem Infekt, den sich Britta Kamrau-Corestein bei einem Trainingslager in Mexiko eingefangen hatte.
Selbst mit 46 Grad Fieber hätte ich das schaffen müssen
Die hartnäckige Erkältung in der Vorbereitung hat sich sicher negativ ausgewirkt, sagte Madsen. Heimtrainer Bartsch bestätigte, dass die Krankheit mit ausschlaggebend gewesen sei für das deprimierende Resultat. Britta Kamrau-Corestein sei in Sevilla zwar von Anfang an offensiv geschwommen, habe sich unter den ersten zehn gehalten, habe versucht, das Feld zu beherrschen, wie sonst auch.
Als aber im entscheidenden Moment vorne die Post abging, haben die Körner gefehlt. Am Ende kam die 29 Jahre alte Jura-Studentin mehr als drei Minuten hinter der Siegerin, der Russin Larisa Ilschenko (2:02:02,7 Stunden), ins Ziel. Da wollte Britta Kamrau-Corestein selbst auch von den gesundheitlichen Problemen als möglicher Entschuldigung nichts mehr wissen: Selbst mit 46 Grad Fieber hätte ich das schaffen müssen.
Maurer: In Peking werden die Karten neu gemischt
Ganz so leicht aber war die Sache doch nicht. Es war schon ein sehr hartes Rennen, sagte Angela Maurer. Als sie nach fünf Kilometern noch ziemlich weit hinten schwamm, zu weit hinten für die Olympia-Qualifikation, da wusste sie: Ich muss jetzt nach vorne, sonst wird das nichts mehr. Es gelang ihr, zur Spitzengruppe aufzuschließen, wo sie sich anschließend bis zur letzten Wende hielt.
Dann gingen ihr im Kampf um die Medaillen ein bisschen die Kräfte aus. Immerhin: Bis zur 10-Kilometer-Entscheidung in Peking, die wie in Sevilla auf der Ruder- und Kanustrecke ausgetragen wird, bleiben noch gut drei Monate Zeit. In Peking, ist sich Angela Maurer sicher, werden die Karten neu gemischt. Dann will die Weltcupsiegerin des letzten Jahres auch in den Kampf um die olympischen Medaillen eingreifen.
Lurz qualifiziert, Hein gescheitert
Der überraschende Rückschlag für den DSV im Frauenrennen war nicht zuletzt auch ein Warnschuss für die 10 Kilometer der Männer am Sonntag. Thomas Lurz, 5-Kilometer-Weltmeister und WM-Mitfavorit, hatte ihn offenbar vernommen: Mit 6,2 Sekunden Rückstand auf den Sieger, den russischen Titelverteidiger Wladimir Djattschin (1:53:21,0 Stunden), schlug der 28 Jahre alte Würzburger in Sevilla als Bronzemedaillengewinner an. Der dritte Platz ist absolut in Ordnung, sagte Lurz. Ich wollte nicht nur irgendwie mitschwimmen, sondern vorne mitmischen. Jetzt zählt nur noch Olympia.
Weniger zufrieden war dagegen der zweite deutsche Starter, der Mainzer Christian Hein. Der WM-Fünfte in Melbourne 2007 verpasste auf Platz 21 das Olympia-Ticket. Da war es nur ein schwacher Trost, dass auch der australische Schwimm-Superstar und Olympiasieger über 1500 Meter Freistil, Grant Hackett, an der Qualifikation für Peking scheiterte. Er kam nur auf Rang 15 - und wurde dann wegen Behinderung noch nachträglich disqualifiziert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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