30. Mai 2008 Das Wasser kann noch so ruhig sein, wie zum Beispiel am Freitag auf dem Luzerner Rotsee: In Marcel Hackers Ruderkarriere geht es trotzdem immer weiter auf und ab. Für ihn ist die Weltcup-Veranstaltung in der Schweiz schon am ersten Tag zu Ende gegangen.
Sein Einsatz, bei dem er eigentlich gegenüber den internationalen Konkurrenz - inklusive Weltmeister Mahe Drysdale aus Neuseeland - die Muskeln spielen lassen wollte, endete bei der Ärztin. Nachdem er am Vormittag im Vorlauf nur Zweiter geworden war, musste er am Nachmittag im Hoffnungslauf noch einmal ran. Dieses Rennen ohne einen namhaften Gegner beendete er nach 300 Metern völlig entkräftet. Schon vorher wirkte Hackers Körper, als hätte er alle Spannung verloren. Es war deutlich zu sehen, dass er nicht kampffähig war, sagt Michael Müller, der Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes.
Olympiatest endet im Vorlauf
Schon nach dem Vorlauf war Hackers Ärger groß gewesen: Der Starter hatte das Rennen frei gegeben, obwohl der Deutsche die Hand gehoben hatte zum Zeichen, dass er noch nicht startbereit war: Er wollte eigentlich den Ponton noch ein bisschen verschoben haben. Mitten in dieser unklaren Situation ging das Rennen los, der Tscheche Ondrej Synek, vor dem er sich eigentlich hatte profilieren wollen, enteilte Hacker sofort und war nicht mehr einzuholen.
Damit endete Hackers großer internationaler Olympiatest schon in den Vorrennen - die Asse werden den Rotsee-Sieg am Sonntag ohne ihn ausfahren. Schon beim ersten Weltcuprennen in München hatte er nur Rang fünf erreicht. Allerdings pfiff an jenem Pfingstsonntag der Wind ganz erbärmlich schräg in seine Bahn zwei. Verzockt, sagte er, weil er im Halbfinale nicht um den Sieg und damit eine günstigere Bahn gekämpft hatte. Dazu hätte er natürlich die Wetterentwicklung vorhersehen müssen. Das Ruderglück ist eben eine windige und wetterwendische Angelegenheit.
Hacker ist für jede Art von Ergebnis gut
Hackers Olympiaqualifikation sieht Müller durch die beiden Weltcup-Flops aber noch nicht gefährdet. Immerhin hatte Hacker in München das Finale erreicht. Auch mit einer einzigen Finalteilnahme kann man für Peking nominiert werden, sagt Müller. Muss man aber nicht. Er werde nun erst einmal mit Hacker und seinem Trainer Andreas Maul sprechen müssen. Ich muss herausfinden, ob es sich um einen einmaligen Ausrutscher handelt oder um ein grundsätzliches Problem. Ende Juni in Poznan (Polen) findet das Weltcup-Finale statt - noch eine Chance für Hacker, zu beweisen, dass er trotz seiner jahrelangen Achterbahnfahrten im Ruderboot in Peking eine Finalchance hat.
Und dann? Was würde Hacker im Sommer 2008 in China erleben? In Peking bestritte er bereits seine dritten Olympischen Spiele. Er bringt also reichlich Erfahrung mit. Die angenehme: Der Gewinn der Bronzemedaille im Jahr 2000 in Sydney, wo er als Außenseiter die skeptischen Leistungsplaner des Deutschen Ruderverbandes widerlegte. Die unangenehme: Das Aus vier Jahre später in Athen, als er das Halbfinale nicht überstand. Ratlos trudelte er damals aus, in allerbestem Trainingszustand - doch er hatte seine Kräfte nicht ins Wasser bringen können. Hacker, das haben zehn Jahre im Einer gezeigt, ist für jede Art von Ergebnis gut. Einen Weltmeistertitel in Weltrekordzeit wie im Jahr 2002 in Sevilla. Oder aber ein böses Erwachen im Rettungsboot nach einem Ohnmachtsanfall wie ein Jahr zuvor nach dem verlorenen WM-Halbfinale in Luzern. Dort, wo er am Freitagnachmittag wieder einmal Sternchen sah. Wechselbäder eines unbändigen Rudertalents.
In Athen mit Konzentrationsproblemen
Aus schlechten Erfahrungen muss man lernen, darum haben Hacker und seine Entourage den Einsatz in Peking schon genau durchdacht: Um sich an das feucht-heiße Klima in China anzupassen, will er bereits am Eröffnungstag des Olympischen Dorfes, dem 27. Juli, in Peking einziehen. Das hat drei Gründe. Erstens ist der 31 Jahre alte Athlet wetterfühlig und will sich nicht mit einem Durchhänger seine Auftritte bei den Spielen verderben. Zweitens will er im offiziellen Athletendorf die westeuropäische Kost zu sich nehmen. Hacker ist nämlich ein empfindlicher Esser, der sich ungern auf asiatische Nahrung umstellen will. Drittens will er sich nicht, wie in Athen, von seiner Umwelt völlig abschotten. Dort war Hacker in einen Wohnwagen gezogen, kochte selbst und mied jeden Kontakt mit Journalisten. Statt der erhofften Ruhe brachte ihm das am Ende Konzentrationsprobleme. Über die Vergangenheit will ich nicht reden, sagt Hacker dazu nur unwillig.
Sein Blick geht in die Zukunft. Genau wie der des Verbandes. Ich hoffe, dass er die nötige Stabilität mitbringen wird, sagt Sportdirektor Müller besorgt. Das Programm in Peking wird hart: Wegen der Vielzahl der Starter in der Einer-Konkurrenz - 36 Boote sind vorgesehen - wird es zusätzliche Viertelfinalrennen geben. Ein Rennen mehr tut ja nicht weh, sagt Hacker. Schmerz ist ein Teil dieses Sports. Niederlagen, das konnte er am Freitag wieder einmal überprüfen, tun allerdings noch mehr weh.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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