Kurz vor Olympia

Ruder-Flaggschiff in unruhigem Gewässer

In Schieflage: Der Deutschland-Achter ist in einer tiefen Krise

In Schieflage: Der Deutschland-Achter ist in einer tiefen Krise

04. Juni 2008 Sechs Weltmeister ausgemustert, Bundestrainer Dieter Grahn entmachtet: 65 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking hat der Deutsche Ruderverband (DRV) den Deutschland-Achter fast komplett umbesetzt. „Wir haben uns diese Entscheidung sehr schwer gemacht. Aber nach dem bisherigen Saisonverlauf hatten wir keine andere Wahl“, teilte DRV-Sportdirektor Michael Müller in Dortmund mit. Das Flaggschiff des DRV war mit Platz vier beim Weltcup-Auftakt in München und Rang fünf auf dem Rotsee in Luzern rund zwei Monate vor dem Saisonhöhepunkt bedenklich vom Kurs abgekommen.

Nach einer intensiven Beratung sortierte der Verband nicht nur Schlagmann Bernd Heidicker, Philipp Stüer, Sebastian Schulte, Thorsten Engelmann, Stephan Koltzk und Jörg Dießner aus, sondern benannte in Christian Viedt auch noch einen neuen Achter-Trainer. Grahn, der die Crew seit 2000 betreut und 2006 zum WM-Titel und 2007 zu WM-Silber geführt hatte, wird künftig als Disziplintrainer im Männer-Riemenbereich fungieren. „Wir brauchten neue Impulse. Ich werde versuchen, mich auch weiter einzubringen“, meinte der degradierte Grahn, dessen Vertrag im März 2009 ausläuft. Mit versteinerter Miene fügte der 64-Jährige an: „Es geht nicht darum, ob ich hinter der Entscheidung stehe. Die Gruppe, die sie gefällt hat, muss dahinter stehen.“

Ex-Schlagmann Heidicker: „Komisch wie so etwas abläuft“

Der bisherige Schlagmann Heidicker reagierte zwar mit Verständnis für die Entscheidung, übte aber trotzdem heftige Kritik am Verband. „Es ist richtig, dass der Achter in dieser Besetzung beim Weltcup in Posen an den Start geht“, erklärte der Routinier dem sid, fügte aber an: „Wir wollten nur einmal in der Formation des WM-Titels von 2006 starten. Um diese Chance haben wir gebeten, dass wurde abgeblockt. Komisch wie so etwas abläuft.“ Auch wenn der DRV betont, die neue Achter-Formation solle erst einmal in Posen (20. bis 22. Juni) starten, sieht Heidicker darin einen „Freifahrtschein“ für Peking. „Wir wurden in Urlaub geschickt.“

Sebastian Schulte erklärte als Konsequenz seinen Rücktritt als Kadersprecher des Riemenbereichs der Männer und forderte den Rücktritt von Sportdirektor Müller. Einzig Engelmann und Stüer wurde die Chance angeboten, sich als Ersatzleute des neuen Achters bereit zu halten. „Sie haben bis Donnerstag Bedenkzeit“, meinte DRV-Präsident Siegfried Kaidel. Bei der Zusammensetzung des neuen Großbootes, in dem einzig Jochen Urban (Krefeld) und Sebastian Schmidt (Mainz) verblieben, wurden ausschließlich die Ergebnisse des Zweiertests im April in Brandenburg herangezogen.

„Es heißt aber nicht, dass schnelle Zweiter automatisch auch schnelle Achter sind“, sagte der neue Chefcoach Viedt. Der 39-Jährige forderte Zeit, um sich zu finden. Diese Zeit hat der DRV vor Peking, wo es die erste Achter-Medaille seit zwölf Jahren geben soll, allerdings nicht. Auch der mehrmalige Weltmeister Roland Baar reagierte skeptisch und sprach sich für den Weltmeister-Achter von 2006 aus: „So kurz vor Olympia werden weitere Kompromisslösungen nicht den gewünschten Erfolg in Peking bringen. Die alte Crew ist über Jahre gewachsen, kann sich aufeinander verlassen und hat bewiesen, dass sie bei Saisonhöhepunkten ihr volles Potential abrufen kann.“ Im Anschluss an die Posen-Regatta muss der DRV die Mannschaft für Peking nennen. Bis zum 15. Juli sind dann nur noch punktuelle Veränderungen möglich. „Wir müssen jetzt so schnell wie möglich den Anschluss an die Weltspitze herstellen“, erklärte Michael Müller.

Text: sid.
Bildmaterial: dpa

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22.12.2009 | 17:45
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