Ausrichter der Segelwettbewerbe

Olympische Vorfreude in Chinas „deutscher“ Stadt

Von Petra Kolonko, Qingdao

08. Mai 2008 Für Pfarrer Thomas Chen Tianhao findet das größte Ereignis dieses olympischen Sommers schon vorher statt. In wenigen Wochen soll eine eigens in Deutschland bestellte Orgel in seiner St.-Michaels-Kirche aufgestellt werden, als Ersatz für die alte, die in der Kulturrevolution zerstört wurde. „Wenn die Olympia-Gäste zu uns in die Kirche kommen, können sie schon Orgelmusik hören“, freut sich der Pfarrer.

Qingdao, die Küstenstadt mit acht Millionen Einwohnern, im Ausland besser als „Tsingtao“ bekannt, wird Gastgeber für die Segelwettbewerbe sein. Die Stadt in der Provinz Shandong steht schon ganz im Zeichen der Spiele, und alle Bürger sind aufgerufen, an einer erfolgreichen Ausrichtung des Ereignisses mitzuwirken. Die 4000 Katholiken sind nur eine kleine Minderheit in der Metropole und würden normalerweise ein unauffälliges Dasein unter den wachsamen Augen der staatlichen Religionshüter führen, wenn da nicht die St.-Michaels-Kirche wäre.

Eine Millionen zusätzliche Touristen

Der stattliche Bau mit seinen zwei Türmen, der in den dreißiger Jahren von einem deutschen Architekten geplant wurde, überragt die Altstadt und ist ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Ein Besuch in der Kirche stehe auf dem Programmpunkt der vielen Reisegruppen, die durch Qingdao geschleust werden. Die Kirche bereitet für die Spiele nicht nur Orgelmusik vor. Für die olympische Segelregatta werden eigens zwei englischsprachige Priester nach Qingdao kommen.

Zu den olympischen Wettbewerben im August werden nur 400 Sportler und etwa 1000 Funktionäre erwartet, doch für Qingdao ist das Ereignis ein ganz Großes. „Qingdao - Hauptstadt der Segler“ steht auf Plakaten, mit denen die Stadt geschmückt ist. Für die Regatten hat man einen Küstenstreifen umgebaut. Die alte „Beihai“-Schiffswerft wurde für umgerechnet 170 Millionen Euro abgerissen. Dort ist jetzt der Segelhafen mit 10.000 Zuschauerplätzen, Anlegehäfen und einem „Olympischen Dorf“ aus zwei miteinander verbundenen Hochhäusern. „Alles ist fertig, nur im Olympischen Dorf wird noch letzte Hand an die Innenausstattung gelegt“, sagt der stellvertretende Leiter des Olympischen Segelkomitees, Li Fengli. Man erwartet in Qingdao zusätzlich eine Million Touristen dieses Jahr.

Die erste und einzige deutsche Kolonie

Qingdao ist für die Chinesen eine Sommerfrische, wo man der Sommerhitze Nordchinas entflieht. Im Ausland ist die Stadt als Heimat des „Tsingtao Bier“ bekannt, des ersten chinesischen Markennamens, der sich international durchsetzte. Die Brauerei geht auf eine deutsche Gründung zurück, wie vieles in der Stadt. Denn Qingdao, damals „Tsingtao“ oder „Tsingtau“ geschrieben, wurde von Deutschen geplant und gebaut. Es war die erste und einzige deutsche Kolonie - offiziell hieß es „Pachtgebiet“ - in China.

Im Jahr 1898 besetzten deutsche Truppen den Flecken an der Küste und rangen der kaiserlichen chinesischen Regierung einen Pachtvertrag über 99 Jahre ab. Qingdao sollte zum Stützpunkt für den China-Handel werden und der deutschen Flotte als Stützpunkt dienen. Die Deutschen bauten einen Hafen und planten eine Stadt mit Wohn- und Geschäftshäusern europäischen Stils, mit Kasernen und Verwaltungsgebäuden.

„Die Altstadt von Qingdao sieht doch aus wie Stuttgart“, sagt Olympia-Planer Li Fengli, der weit gereist ist und viel von Deutschland gesehen hat. Ganze Straßenzüge mit zwei- und dreigeschossigen Häusern, die als Wohnhäuser für deutsche Offiziere und Kaufleute gebaut wurden, sind noch zu sehen. Die Stadt habe beschlossen, diese Architektur zu erhalten, versichert Zheng Anxin, die Leiterin des städtischen Denkmalschutzamtes. Das sei doch Kulturerbe.

Lieber die Deutschen als die Japaner

Diese Einstellung ist in China noch nicht lange verbreitet. Das Kolonialerbe galt lange Zeit als Schmach und Schande für China. Viele seiner Zeugnisse wurden in den Gründerjahren des Sozialismus und in der Kulturrevolution zerstört. Doch jetzt geht man gelassener mit der Vergangenheit um. „Die Deutschen haben eine gut geplante Stadt gebaut“ , sagt Qingdao-Historiker Zhu Yijie. Die Kanalisation funktioniere heute noch, besser als in manchen Neubauvierteln. Dem Ansehen der Deutschen in Qingdao hilft auch, dass nach dem Ersten Weltkrieg Qingdao 1919 den Japanern zugesprochen wurde. Die Erinnerung an deren Herrschaft ist weitaus negativer.

Architektin Wu Wei, die an der Sanierung alter Viertel arbeitet, bestätigt, dass die Bausubstanz der alten deutschen Häuser noch gut ist. Nur wohnten jetzt in den Häusern viel zu viele Familien. Die Häuser seien abgewohnt. Das Denkmalschutzamt hat 25 „deutsche“ Gebäude unter Schutz gestellt. Zwei sind Museen geworden, die ehemalige Gouverneursresidenz und das von Deutschen gebaute Gefängnis. Andere Gebäude werden noch von Behörden genutzt. So ist die ehemalige „Bismarck-Kaserne“ jetzt eine Universität für Ozeanographie, die Kolonialverwaltung noch immer ein Verwaltungsgebäude.

Bauboom dank Olympia

Das neue Qingdao wuchert östlich der Altstadt, entlang der Küste bis zum Laoshan-Gebirge, das schon zu Kolonialzeiten ein Erholungsgebiet war. Ins Landesinnere bis zum 50 Kilometer entfernten Flughafen reiht sich ein Neubaugebiet an das nächste. Zwei der größten chinesischen Elektronikfirmen und die „Tsingtao-Brauerei“ sind hier beheimatet. Vor allem aber hat die Aussicht auf die olympischen Segelwettbewerbe der Stadt einen Immobilienboom beschert.

Der Bauboom ist eng verbunden mit der schillernden Figur des gestürzten Qingdaoer Bürgermeisters und späteren Parteichefs Du Shicheng. Jahrelang wurde der Mann, der auch stellvertretender Provinzgouverneur der Provinz Shandong war, als Wirtschaftsförderer gefeiert. Dann aber wurde bekannt, dass er sich gewaltig bereichert hatte. Im vergangenen Dezember wurde er zu lebenslanger Haft wegen Korruption verurteilt.

„Als er verhaftet wurde, haben wir hier Knaller losgelassen und gefeiert“, sagt ein Arbeiter. Die einfachen Leute habe er aus ihren Häusern in der Innenstadt vertrieben, um Platz für neue Projekte zu machen. Weil sich die Preise für neue Wohnungen in den vergangenen Jahren fast verdreifacht haben, könnten viele sich keine Wohnung in der Stadt mehr leisten.

Auch die Segelwettbewerbe gekauft?

Bestechungsgelder von umgerechnet 600.000 Euro soll Du Shicheng angenommen haben. Gutinformierte Kreise in Qingdao wissen sogar von noch mehr Reichtümern des Parteifunktionärs. 37 Wohnungen soll er besessen haben. Die Fahnder der Disziplinkommission der Partei hätten in seiner Wohnung auch noch 20 Barren Gold gefunden. Auch seine Frau und sein Sohn waren in den Skandal verwickelt. Du Shicheng hatte eine Immobilienhändlerin als Geliebte, die, so heißt es, ganz zufällig auch die Landnutzungsrechte für das Olympiagelände hatte.

„Du Shichengs Fall hat nichts mit den olympischen Segelwettbewerben zu tun“, versichert Li Fengli vom olympischen Segelkomitee. Das klingt wenig glaubhaft, da es doch Du Shicheng selbst war, der sich um die Ausrichtung der Segelwettbewerbe in Qingdao verdient gemacht hatte. Aber davon will man jetzt nichts mehr wissen. Immerhin ist der Funktionär noch rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen worden. Der Todesstrafe sei er nur entgangen, weil mächtige Personen in Peking auch in seinen Skandal verwickelt gewesen seien, sagen Qingdaoer Bürger.

Kaum jemand versteht etwas vom Segeln

Der Begeisterung für Olympia tat dies in Qingdao keinen Abbruch. Als Gastgeberstadt ist man besonders nationalstolz. Als es im April Proteste gegen Frankreich gab, weil dort der olympische Fackellauf nicht gegen die protibetischen Demonstranten geschützt wurde, waren die Proteste in Qingdao vor dem Carrefour-Supermarkt mit die größten im Land.

Nach den Ereignissen in Tibet und der Aufdeckung angeblicher Anschlagspläne von Muslimen aus Westchina wurden auch die Sicherheitsmaßnahmen noch einmal überprüft. „Unser Sicherheitssystem wird ständig verbessert“ sagt die Stadtverwaltung.

Qingdao arbeitet nun an der Behebung eines kleinen Problems, es versteht hier kaum jemand etwas vom Segeln. Auch Herr Li Fengli vom Olympischen Komitee gibt zu, dass er bis vor einigen Jahren noch keine Ahnung hatte. Er ist eigentlich Architekt und wurde als Bauleiter verpflichtet. Aber Li ist zuversichtlich, dass sich die Bürger bis zu den Spielen ordentlich weitergebildet haben werden. Im Internet kann man alles über das Segeln lernen. Und für die Schulen in Qingdao hat man ein Sponsorenprogramm aufgelegt, nach dem jede Schule ein Segelboot bekommt und die Schüler die Grundlagen des Sportes lernen sollen.

Mein Auto, meine Wohnung, mein Segelboot

Segeln werde bald sehr populär werden, sagt Li Fengli. Chinesen werden immer wohlhabender. Jetzt haben sie schon Geld für ein Auto und eine Eigentumswohnung, dann kann der nächste Schritt auch ein Segelboot sein. Schon jetzt gibt es in Qingdao einen Yachtclub, von dem aus die Reichen auf eigenen oder gemieteten Yachten in See stechen können.

Zur perfekten Ausrichtung der Segelwettbewerbe wird der Stadt vielleicht eine Kleinigkeit fehlen: der Wind. Im August ist es in Qingdao meist diesig, es weht kaum ein Lüftchen. So hatten sich beim Probe-Wettbewerb im vergangenen Sommer die Segler beschwert und vor einer Beeinträchtigung der olympischen Regatten gewarnt. Aber es gibt einen Notfallplan. Ein Tag mit ausreichendem Wind genüge, heißt es. Dann müssten alle Rennen an einem Tag stattfinden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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