24. März 2008 Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat sich auch nach den Unruhen in Chinas autonomer Region Tibet gegen einen Boykott der Spiele in Peking ausgesprochen. Das erklärten DOSB-Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper am Ostermontag in einer gemeinsam unterzeichneten Zehn-Punkte-Entschließung.
Der DOSB wird nach Abwägung aller Argumente und in Wahrnehmung seiner Verantwortung gegenüber den Athleten eine Mannschaft zu den Olympischen Spielen 2008 entsenden, heißt es darin. Zugleich rief die Dachorganisation des deutschen Sports alle Beteiligten an der Krise zum Gewaltverzicht und zum Dialog auf. Bach und Vesper schrieben über das Gastgeberland der Spiele in Peking (8. bis 24. August): Dem DOSB ist bewusst, dass die Menschenrechtssituation in China trotz feststellbarer Verbesserungen in den letzten Jahren nach wie vor nicht zufriedenstellend ist.
Olympische Charta untersagt politische Aktionen
Der DOSB bekannte sich zum Prinzip des mündigen Athleten: Es werde jedem Mitglied der Olympiamannschaft im Rahmen der Regeln der olympischen Charta möglich sein, seine Meinung vor, während und nach den Olympischen Spielen frei zu äußern. Die olympische Charta untersagt jedoch politische Aussagen oder Aktionen weitgehend, selbst Anti-Doping-Initiativen sind in den Arenen verboten.
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, wies am Osterwochenende den Eindruck zurück, seit der Vergabe der Olympischen Spiele an Peking habe sich die Menschenrechtslage in China verschlechtert. Ich bestreite das, sagte Rogge gegenüber der Nachrichtenagentur AP vor der Entzündung des olympischen Feuers im antiken Olympia.
Wir wussten um die Diskussionen
Die Vergabe der Olympischen Spiele nach China habe China ins Rampenlicht gebracht. Tibet ist zu Recht auf den Frontseiten (der Zeitungen). Es wäre aber nicht auf der ersten Seite, wenn die Spiele nicht in China vorbereitet würden. Weiter sagte Rogge: Ich glaube, dass die Spiele die Agenda der Menschenrechte vorangebracht haben. Ist die Lage vollkommen? Auf keinen Fall. Hat sie sich verbessert? Ich sage ja. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Ich sage, es ist halb voll.
Für einen Boykott der Spiele gebe es keinen glaubwürdigen Impuls, meinte der IOC-Präsident. Die wichtigen Regierungen wollen ihn nicht, die Sportgemeinschaft will ihn definitiv nicht, und ich bin sicher, die öffentliche Meinung will ihn auch nicht. Das IOC habe gewusst, dass es wegen der Vergabe der Spiele an Peking Diskussionen geben werde. Wir sind nicht naiv. Wir wussten, dass im letzten halben Jahr (vor den Spielen) die Diskussionen aufflammen würden, und das ist geschehen. Man könne aber einem Fünftel der Menschheit nicht die Vorteile des Olympismus verweigern. Wir glauben, dass die Spiele den Wandel beschleunigen und ein Land öffnen werden, das einem Großteil der Welt mysteriös ist.
IOC respektiert Gruppen, Aktivisten und ihre Gründe
Das IOC diskutiere mit der chinesischen Regierung in stiller Diplomatie die Lage in Tibet sowie Menschenrechtsfragen, sagte Rogge. Aber das IOC sei eine Sportorganisation und könne nicht mehr machen, als sich dem Appell von Staats- und Regierungschefs in aller Welt anschließen, den Konflikt friedlich zu lösen. Er werde im kommenden Monat ein Gespräch mit Ministerpräsident Wen Jibao über verschiedene Themen führen. Rogge rief Demonstranten entlang der Route des olympischen Fackellaufs nach Peking auf, keine Gewalt anzuwenden. Der Fackellauf ist ein Friedenssymbol, ein Symbol der Einheit der Völker der Welt und der olympischen Waffenruhe, sagte Rogge. Ich denke nicht, dass die öffentliche Meinung Gewalt bei so einem Ereignis akzeptieren würde.
In einer Presseerklärung hatte Rogge zuvor die bekannten IOC-Positionen bekräftigt: Olympische Spiele seien eine Kraft des Guten. Sie sind ein Katalysator für den Wechsel, aber kein Allheilmittel für alle Krankheiten, erklärte er. Das IOC respektiert die Gruppen, die Aktivisten und ihre Gründe. Wir sprechen regelmäßig mit ihnen - aber wir sind keine politische oder aktivistische Organisation. Das IOC achte uneingeschränkt die Menschenrechte. Seine Hauptverantwortung sei es aber, die bestmöglichen Olympischen Spiele für die Athleten zu organisieren.
Sie müssen lernen, Grenzen zu setzen
Unterdessen geht die Diskussion über einen Olympiaboykott oder andere Maßnahmen gegen das chinesische Regime international weiter. Die frühere Leichtathletin und heutige Ärztin Heidi Schüller, die in München 1972 als erste Frau den olympischen Eid sprechen durfte, schrieb in der Welt am Sonntag: Spreche ich von den Olympischen Spielen in Peking, spreche ich von etwas, was für mich schon gar nicht tolerabel ist: Olympische Spiele ohne umfassende Pressefreiheit und Zugang unabhängiger Gremien in die Krisengebiete Tibets und Chinas kann es für mich nicht geben.
Die Athleten seien Teil einer verlogenen Inszenierung, und das sollten sie erkennen. Sie müssen lernen, Grenzen zu setzen und Bedingungen an die Organisatoren und Ausrichter zu stellen. Sie sind weder Marionetten des IOC noch der chinesischen Propaganda. Ohne die Athleten geht es nicht.
IOC und Rogge sollen die Stimme erheben
So wie Heidi Schüller regten auch Politiker zumindest einen Boykott der Eröffnungsfeier an. Aber selbst weiter gehende Entscheidungen sollten derzeit nicht ausgeschlossen werden. Zehnkämpfer André Niklaus würde Protestaktionen gegen China begrüßen. Wenn die Verbände beschließen würden, dass wir Sportler mit einer Tibet-Fahne ins Stadion einziehen, könnte ich mich damit identifizieren. Das IOC habe Fehler gemacht, sagte der Berliner gegenüber Focus.
Es hat die Spiele vor sieben Jahren an China vergeben, ohne aggressiv die Forderung zu vertreten, dass das Land demokratische Reformen einleiten und Menschenrechte achten muss. Man könne zumindest erwarten, dass das IOC unter Federführung von Präsident Jacques Rogge die Stimme erhebt.
Text: F.A.Z., 25.03.2008, Nr. 70 / Seite 29
Bildmaterial: ddp
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