Von Bernhard Böth
03. August 2008 An den 26. August 2004 kann sie sich noch genau erinnern. Ich saß vor dem Fernseher und hatte einfach nur Gänsehaut, erzählt Eileen Hoffmann. Ihre Augen leuchten kurz auf, sie atmet durch und sagt: Und viele Freudentränen. Aufmerksam lauscht sie den Worten ihrer heutigen Mannschaftskollegin Marion Rodewald, die treffend formuliert: Die Goldmedaille in Athen war wie ein Wunder.
Eileen Hoffmann und Marion Rodewald verbindet vieles: Sie spielen Hockey, tragen das Trikot von Rot-Weiß Köln und das der Nationalmannschaft. Gegenwärtig befinden sie sich in Peking und greifen am kommenden Sonntag (10. August) ins olympische Turnier ein. Und doch hat die 31 Jahre alte Marion Rodewald ihrer sieben Jahre jüngeren Mitstreiterin einiges voraus. Die deutsche Kapitänin schnuppert nach Sydney und Athen bereits zum dritten Mal olympische Luft, während Eileen Hoffmann erstmals dem Olympiakader angehört.
Eileen Hoffmann: Das möchte ich auch einmal erleben
Marion Rodewald führte die deutschen Hockeydamen 2004 zum olympischen Triumph. Niemand hatte mit dieser Goldmedaille gerechnet. Der 2:1-Finalsieg gegen die klar favorisierten Niederlande war eine der größten Überraschungen in der Geschichte der olympischen Mannschaftssport-Wettbewerbe. Die Kölnerin spricht inzwischen mit einer gewissen Routine über jenen Tag. Sie hat freilich längst begriffen, was die Golden Girls im Athener Fertigbau-Stadion geleistet haben. Und doch ringt auch Marion Rodewald manchmal nach Worten, wenn sie an den bislang größten Triumph ihrer Karriere zurückdenkt (Siehe: Slideshow: Athen 2004 - Das Wunder der deutschen Hockeydamen).
Vor vier Jahren drückte Eileen Hoffmann, Europameisterin 2007, im heimischen Wohnzimmer die Daumen. Schließlich waren viele Freundinnen und Bekannte aus der Hockeyfamilie am Coup von Athen beteiligt. Die heute Vierundzwanzigjährige spielte damals für die U-21-Nationalmannschaft. Was die Mannschaft dort geleistet hat, war richtig stark. Das möchte ich auch einmal erleben. Und wieder hat sie dieses Leuchten in den Augen.
Der Erfolg von 2004 bescherte dem Deutschen Hockey-Bund (DHB) neben einem neuen Hauptsponsor eine Fernsehpräsenz, von der er während der Olympiade, dem Zeitraum zwischen den Spielen, nur träumen kann. Rechnet man die Herrenmannschaft ein, wurden in ARD und ZDF aus Athen 410 Minuten Hockey gesendet. Darunter das an Spannung kaum zu überbietende Siebenmeterschießen der Damen im Halbfinale gegen China (4:3), das knapp acht Millionen Zuschauer verfolgten. Das sind Zahlen, die wir nur bei Olympia erreichen können, meint Marion Rodewald. Und selbst dann nur im Optimalfall.
Seltene Begebenheit: Hockeyspielerinnen in Fernsehstudios
Hockey im Schatten anderer (Profi-)Sportarten - das Bild hat sich seit Jahren nicht verändert. Die Zeiten, als die Ergebnisse der Bundesliga in der Sportschau vorgelesen wurden, gehören längst der Vergangenheit an. Wir haben uns daran gewöhnt, auch wenn es natürlich schade ist, sagt Eileen Hoffmann fast schon resignierend. Das ist Hockey, das ist die Randsportart. Und doch versucht der DHB, Nischenplätze zu finden. Der Fernsehvertrag, den der Verband mit der Sportrechte-Agentur von ARD und ZDF (SportA) geschlossen hat, bildet eine gute Basis, wie Vorstandsvorsitzende Uschi Schmitz sagt.
Das große Problem - wie bei anderen Sportarten auch - sind die Quoten außerhalb der Sommerspiele. Man schaut Olympia, weil es Olympia ist. Für ein anderes Hockeyspiel würde der Großteil aber nicht den Fernseher anschalten, bedauert Marion Rodewald, die im November 2004 nach Platz zwei bei der Champions Trophy, dem Sechs-Nationen-Turnier mit den stärksten Mannschaften der Welt, im Aktuellen Sportstudio ihren Sport vertreten durfte. Zuvor waren sie und andere Spielerinnen zu Gast in verschiedenen Fernsehshows und erzählten ihre Athener Geschichten. Ende des Olympiajahres wählten die deutschen Sportjournalisten die Hockeydamen zur Mannschaft des Jahres 2004. Doch das Interesse ebbt schnell wieder ab, sagt Bundestrainer Michael Behrmann. Mit 71.000 Mitgliedern sind wir in Deutschland eine kleine Kundschaft.
Zusammenschnitte und Zeitlupen für den Fernsehzuschauer
Marion Rodewald kennt ein auf den ersten Blick einfaches Mittel, mit dem es auch abseits der Olympischen Spiele hin und wieder gelingt, die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: mit sportlichen Erfolgen. Marion Rodewald und Eileen Hoffmann sind sich einig, dass es noch nicht einmal Live-Übertragungen sein müssten. Zusammenschnitte der besten Szenen und Zeitlupen könnten den Sport vielleicht sogar besser transportieren.
Neben den sportlichen Erfolgen, sagt Uschi Schmitz, sei es besonders wichtig, regelmäßig bedeutende Veranstaltungen ins eigene Land zu holen. Dadurch vergrößert sich das Interesse der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Strategie sei in den letzten Jahren durchaus aufgegangen. Der Haken an der Sache: Die Produktionskosten hat der Ausrichter zu tragen. 150.000 Euro musste der DHB zum Beispiel für die 18 Spiele der Champions Trophy im Mai in Mönchengladbach (Deutschland belegte Platz zwei) aufbringen. Dafür wurden in allen sechs Teilnehmerländern Fernsehbilder gezeigt.
Der immer wiederkehrende Kritikpunkt, dass die Hockeyregeln für den Laien oft schwer nachvollziehbar sind, versteht Bundestrainer Behrmann. Hockey ist relativ schwierig. Inzwischen haben wir jedoch einige Regeln angepasst. Dass sich die Sportart verbiege, um attraktiver fürs Fernsehen zu werden, glaubt er indes nicht. Jede unnötige Regelunterbrechung hemmt den Spielfluss. Das wollten Trainer und Zuschauer nicht sehen, sagt Behrmann. Also haben wir das Spiel schneller und damit attraktiver gemacht. Im Vergleich zum Fußball sei die reine Spielzeit nun höher, der Ball ruhe meist nur bei Strafecken.
Wenn Amateure wie Profis trainieren
Die intensive Olympiavorbereitung der Hockeydamen begann im vergangenen Herbst. Dass der Job (Marion Rodewald) oder das Studium (Eileen Hoffmann) in dieser Zeit in den Hintergrund rücken, gehört bei einer Amateursportart dazu. Auch dass die Spielerinnen wie Profis trainieren. Die monatliche Unterstützung der Deutschen Sporthilfe ist für sie in dieser Zeit überlebenswichtig. Es ist fast die einzige Einnahmequelle, die die Mädels haben, sagt Behrmann.
Der Bundestrainer blickt Peking optimistisch entgegen. Wenn wir ins Halbfinale kommen würden, wäre das nicht unbedingt überraschend. Das Team hat sich eine gewisse Position erarbeitet. Doch auch Behrmann hat noch gut in Erinnerung, dass die Mannschaft 2004 beinahe in der Vorrunde gescheitert wäre. Wir wollen versuchen, konstant zu spielen und endlich den Begriff der 'Wundertüten' ablegen. Wenn am 22. August 2008, dem Finaltag, doch wieder ein Wunder wahr würde - Marion Rodewald und Eileen Hoffmann würden sich gewiss nicht beschweren.
Olympische Spiele 2008: Der Weg ins Halbfinale
Die deutschen Hockeydamen treffen in Peking in der Gruppe B auf Argentinien, Japan, Neuseeland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. In der Gruppe A werden die Halbfinalteilnehmer zwischen den Niederlanden, Australien, China, Spanien, Korea und Südafrika ermittelt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, FAZ.NET - Bernhard Böth, picture-alliance/ dpa
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