Basketball-Nationalmannschaft

Alles dreht sich um den rotblonden Neudeutschen

Von Frank Heike, Hamburg

10. Juli 2008 Dirk Nowitzki betonte das erste Wort und das zweite nach dem Komma: „Da ist er schon, aber spielen kann er nicht.“ Ja, er war da – wenn auch nur eine Halbzeit. Dann musste Chris Kaman ins Krankenhaus. Aber keine Angst, der unbekannte Hoffnungsträger des deutschen Basketballs musste nur in die Röhre: noch einmal wurde sein Fuß untersucht. Eine Kernspintomographie des Sprunggelenks. Die Bilder fehlten in den Versicherungsunterlagen.

Chris Kaman erreichte Hamburg am frühen Mittwochnachmittag. Von Los Angeles kommend, landete er via Frankfurt zusammen mit dem Generalsekretär des Deutschen Basketball-Bundes (DBB), Wolfgang Brenscheidt, in Fuhlsbüttel. Kaman wollte unbedingt sofort zur Mannschaft, erzählte Bundestrainer Dirk Bauermann später, „er war heiß“. Dann kam die Abkühlung: ein Papier in der Versicherungsmappe des 26 Jahre alten Centers von den L.A. Clippers lag nicht vor.

Am Freitag gegen Kanada soll es klappen

„Da hat irgendwas in der Kürze der Zeit nicht geklappt zwischen den Clippers und der NBA“, sagte Bauermann. Kaman war enttäuscht: ein langer Weg für nichts? Nun soll es am Freitag klappen mit dem ersten Länderspiel des eingebürgerten Amerikaners mit deutschen Urgroßeltern: dann spielt Deutschland wieder gegen Kanada.

Am Mittwoch ging es weiter wie zuvor – über den Sport wurde kaum gesprochen. 86:91 unterlag Deutschland im vorletzten Test vor dem am Dienstag in Athen beginnenden olympischen Qualifikationsturnier. Vor allem unter dem Korb bei den Rebounds steckten die Probleme der Deutschen: Kanada dominierte das Geschehen am Brett. Gerade im körperbetonten Gerangel unter dem Korb ist Kaman stark.

Nowitzki: „Chris wäre eine riesige Hilfe unter dem Korb“

Es wirkte so, als sei das Team nun endgültig überzeugt, dass es den erfahrenen Profi unbedingt braucht, um das schwere Viertelfinale in Athen gegen Griechenland oder Brasilien zu überstehen. Die Gruppenspiele gegen die Kapverden und Neuseeland gelten als Pflichtaufgaben. Nowitzki sagte: „Chris wäre eine riesige Hilfe unter dem Korb. Er ist groß und athletisch.“

Patrick Femerling wird weniger spielen, wenn Kaman endlich berechtigt ist. Doch er nahm sich in seinen Aussagen schon so zurück, wie es sein Coach im Sinne des großen Ziels namens Peking erwartet. „Seine Statistik spricht für ihn“, sagt Femerling, „mit ihm sind unsere Chancen einfach besser.“ 13 Rebounds, 16 Punkte, 3 Blocks waren es pro Spiel in der vergangenen Saison für die Clippers.

Bundestrainer Bauermann: „Chris ist unser Kreuz-Ass im Ärmel“

Kaman gehöre zu den fünf besten Centern der Liga, urteilte Bauermann. Er gab sich richtig Mühe, für den rotblonden Neudeutschen zu werben. „Chris ist unser Kreuz-Ass im Ärmel. Ich hoffe einfach, dass er am Freitag deutscher Nationalspieler wird.“ Beim DBB ist man sehr sicher, dass es bis zum letzten Test in Mannheim klappen wird.

Bauermann gab zu, dass die Causa Kaman für Unruhe gesorgt habe. Es werde Zeit, dass die Spekulationen aufhörten. Allerdings sei man ja gewohnt, dass es um einen gehe, sagte der Coach gelassen. Doch die Unsicherheit wird noch bis nach dem Freitagsspiel weitergehen. Dann muss Bauermann einen Spieler für Kaman aus dem 13er-Kader streichen. „Die Entscheidung muss transparent sein, aber sie wird hart, das ist klar.“

„Es geht noch zu viel hoch und runter bei uns“

Der eine, um den es sonst immer geht, war am Mittwoch der beste. 33 Punkte gelangen dem eng gedeckten Nowitzki. Auch er verschlief aber die Anfangsphase, eine bei den Deutschen oft gesehene Schwäche. Am Ende hätte ein gutes letztes Viertel beinahe noch gereicht, um den müden Beginn zu kaschieren. Aber nur fast gegen die mit zwei NBA-Profis angetretenen Kanadier. „Es geht noch zu viel hoch und runter bei uns“, sagte Nowitzki, „wir müssen da ein Maß reinkriegen.“ Kaman könnte, ja muss dringend mithelfen, sollte die erste Olympia-Teilnahme seit 1992 nicht Illusion bleiben.

Am Mittwoch hörte er schon mal die Nationalhymne, wurde von den 6700 Zuschauern eifrig beklatscht, wie er da stand in seinem schwarzen Trainingsanzug, und hatte vorher schon die Kollegen kennengelernt. Ein kurzes Training um 14 Uhr hatte Bauermann angesetzt – auch das eine Lex Kaman: normalerweise übt man so kurz vor einem Spiel nicht mehr.

„Wir müssen ihn so schnell wie möglich integrieren“

Alles für Chris, „damit er zumindest zwei bis drei Systeme und vier Spieler beim Namen kennt“, wie Bauermann sagte. „Wir müssen ihn so schnell wie möglich integrieren.“ Erst am frühen Abend war dann klar, dass Kaman nicht spielen würde.

Die Kollegen beschrieben den neuen Mann nach kurzem Austausch als locker und zugänglich. Bauermann sagte, Kaman habe in Los Angeles Spielformen geübt und sei jeden Tag eine Stunde auf dem Band gelaufen – insofern befürchte er keine Konditionsschwäche.

Zeit für ein paar Scherze war auch schon. Chris Kaman müsse noch viel lernen, sagte der Bundestrainer: „Er soll den deutschen Pin nicht behalten, sondern dem Gegner geben“, sagte Bauermann lachend. „Er wollte ihn wohl seiner Oma schicken.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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