Simone Laudehr

Liebe auf den ersten Kick

Von Michael Wittershagen, Duisburg

“Ich hatte Gänsehaut“: Simone Laudehr

"Ich hatte Gänsehaut": Simone Laudehr

26. Juli 2008 Es gibt dieses Foto von ihr. Mit aufgerissenem Mund und geschlossenen Augen rennt sie über den Rasen, lacht, und ihre Hände reißen das weiße Trikot nach oben. So, dass Hüftknochen und Bauchmuskeln zu sehen sind. Ein Foto voller Glück. Und eines, auf das viel Leid folgte. Simone Laudehr hatte gerade mit dem Kopf zum 2:0 gegen Brasilien getroffen. „Ich hatte Gänsehaut, dieses Gefühl war unglaublich“, sagt sie noch heute.

Es war September 2007 in China, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wurde Weltmeister - und Simone Laudehr verlor in den Wochen danach beinahe ihre Leichtigkeit. Nachts konnte sie kaum noch schlafen, und tagsüber dachte sie manchmal sogar an das Ende ihrer Karriere. „Es ging damals von null auf hundert - viel zu schnell für eine junge Spielerin.“ Simone Laudehr war gerade einmal 21 Jahre alt.

„Keine Ahnung, wie ich das alles gepackt habe“

In den Tagen nach dem Sieg von Schanghai strahlte sie von Titelseiten, Sponsoren riefen an und machten Angebote. Ihr Treffer wurde zum Tor des Monats, und sie sollte beim Musiksender MTV auftreten. Die gelernte Bürokauffrau aus der beschaulichen Oberpfalz war auf einmal bekannt und begehrt. Ihr Leben war jetzt ein anderes, und doch hatte sie überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. „Plötzlich gab es so viele Verpflichtungen, so viele Termine, die gar nichts mit meinem Sport zu tun hatten. Keine Ahnung, wie ich das alles gepackt habe. Ehrlich.“ Die Zeit nach dem großen Triumph wurde zum Tiefpunkt ihrer Karriere. „Da habe mich oft gefragt: Was machst du hier eigentlich? Willst du dein Leben wirklich so verbringen?“

Inzwischen regelt ihr Manager vieles für sie. Es ging nicht mehr anders, das Interesse an ihr wurde zu groß. Sie konnte sich nicht mehr auf das konzentrieren, was so viele Jahre gleichermaßen Lebensinhalt und Lebensantrieb war: „Ich liebe den Fußball, würde am liebsten immer und überall mit einem Ball spielen.“ Nach der Weltmeisterschaft aber musste sie zur Bundeswehr; zwei Monate Grundausbildung zur Sportsoldatin in Nienburg bei Hannover. „Das ist keine Hochzeitsveranstaltung. Da hat immer jeder irgendetwas zu sagen. Das war nicht immer einfach für mich.“

Auch weil in dieser Zeit der Fußball wieder etwas von seinem strahlenden Glanz verlor, Simone Laudehr eintauchen musste in den mitunter grauen Alltag dieses Sports: 31.000 Leute saßen in Schanghai während des Endspiels im Stadion, mehr als neun Millionen Zuschauer haben die Partie vor dem Bildschirm gesehen. Eine Woche später wurde wieder in der Bundesliga angepfiffen. FCR Duisburg gegen TSV Crailsheim. 1050 Zuschauer. Es ist dies einer der Widersprüche, mit dem die deutschen Nationalspielerinnen zurecht- kommen müssen. Im Trikot mit dem Adler auf der Brust werden sie gefeiert, im Vereinsleibchen hingegen oft kaum beachtet.

Die Zweiundzwanzigjährige sitzt auf einer alten Holzbank neben dem Trainingsplatz in Duisburg. Eine kleine und zierliche junge Frau. Mit dunkler Sonnenbrille im blonden Haar, einem schwarzen Ring am linken Mittelfinger. Ohne Schminke im Gesicht. Mit Oberpfälzer Dialekt spricht sie, mit klarer und fester Stimme, die Gewissheit ausdrückt. Sie sagt: „Ich weiß heute, wie ich mit so schwierigen Situationen umgehen muss.“ Mehr als ein Vierteljahr hat Simone Laudehr nach der Weltmeisterschaft nach ihrer Form gesucht. Sie war auf einmal nicht mehr so unbekümmert unterwegs, hat sich zu viele Gedanken gemacht und schlecht gespielt. Dazu kamen Termine vor und nach dem Training, die ungewohnte Belastung, Verletzungen.

Die unbekümmerte Freude ist zurück

Inzwischen lächelt sie wieder, wenn sie über all das spricht. Diese unbekümmerte Freude ist zurück, mit der sie einst ihre Liebe zum Fußball entdeckt hat. Geboren in Regensburg, aufgewachsen in Tegernheim, einer Gemeinde mit nicht einmal 500 Einwohnern, wollte sie schon als kleines Mädchen mit den Buben aus dem Dorf raus auf den Bolzplatz. Auch ihr Vater hat Fußball gespielt, die Mutter, eine gebürtige Rumänin, war Leichtathletin. Das erste Mal ging Simone Laudehr zum Training im Verein, als sie vier Jahre alt war, mit zehn Jahren wechselte sie zum SC Regensburg, noch vor dem 18. Geburtstag gab der FC Bayern München ein Angebot für sie ab.

„Ich wollte gar nicht weg von meinen Eltern. Aber ich hatte meine Ziele und mich deshalb irgendwann gefragt: Wie lange will ich noch warten? Es war doch immer mein Traum, in der Bundesliga zu spielen.“ Sie hat es geschafft. Nach nur einem Jahr in München wechselte Simone Laudehr nach Duisburg, 570 Kilometer von Tegernheim entfernt. Die enge Bindung zu ihren Eltern ist geblieben. „Papa ist Rentner. Der kann zu mir kommen, wann er will. Manchmal bleibt er für Wochen, das hilft mir.“

In China warten „harte Brocken“ auf Laudehr und Co.

Simone Laudehr war eine der Entdeckungen der vergangenen Weltmeisterschaft, dabei hatte sie erst zwei Monate vor dem Turnier ihr erstes Länderspiel gemacht. „Trotzdem habe ich doch nicht im Traum geglaubt, dass ich wirklich nominiert werde.“ Nur wenige Wochen später hat sie für ihre Leistungen im defensiven Mittelfeld Lob von höchster Stelle bekommen: Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, bewunderte damals vor allem „den Mut der kleinen Laudehr“. Ohne Zweifel steht sie für eine neue Generation im deutschen Frauenfußball. Eine von den hübschen jungen Spielerinnen, die auch abseits der Rasenfelder so unkompliziert und erfrischend auftreten. Sie selbst formuliert das so: „Unser Sport wird immer attraktiver, auch durch die Ladys unter uns.“ Das sehen auch einige Männer so und hinterlassen Heiratsanträge im Gästebuch ihrer Homepage. „Natürlich ist das schön. Aber die Frage ist ja, wer einem so einen Antrag macht. Das würde ich schon gern wissen.“

Nicht einmal drei Wochen sind es noch bis zum Auftakt der Olympischen Spiele in China. Am 6. August trifft die deutsche Nationalmannschaft im Eröffnungsspiel des Turniers in Shenyang auf Brasilien. Die anderen Gegner in der Vorrunde sind Nigeria und Nordkorea. „Das sind harte Brocken“, sagt Simone Laudehr. „Aber wenn wir Brasilien überleben, dann packen wir auch die beiden anderen Spiele. Da bin ich mir sicher.“ Das Ziel ist klar: „Wir wollen jetzt den Titel gewinnen, etwas anderes gibt es für uns gar nicht.“

Obwohl Bundestrainerin Silvia Neid nur achtzehn Spielerinnen für dieses Turnier nominieren darf, spielt Simone Laudehr in ihren Planungen eine zentrale Rolle. Dabei hat sie gerade einmal 14 Einsätze im Nationaltrikot absolviert. Im Vergleich zu anderen Spielerinnen aber spricht für sie ein entscheidender Vorteil: Vielseitigkeit. Auf den Außenpositionen in der Viererkette kann Simone Laudehr spielen, überall im Mittelfeld, sogar im Angriff. „Ich bin schnell und aggressiv“, sagt sie über sich selbst. Außerdem denkt sie auf dem Rasen immer offensiv, egal, wo sie eingesetzt wird. „Ich habe diesen Tordrang. Ob ich dann letztlich selbst schieße oder die Vorlage gebe - das ist mir egal. Tor ist Tor, ich bin da kein Egoist.“ Genau das schätzt Silvia Neid so an ihr.

Schmale Marktgassen und monströse Hochhäuser

Aber auch in diesem Sommer wird Simone Laudehr wieder Schmerzen spüren. Im Bauch, im Kopf. Krämpfe und so ein spitzes Stechen. So war es auch zuletzt in China. Wegen der enormen Luftfeuchtigkeit und der hohen Temperaturen, ihr Körper verträgt diese Bedingungen nicht. Weil sie ungewohnt seien für einen europäischen Körper. Auch wenn dieser trainiert ist. Denn mehr könne man in der Vorbereitung schließlich nicht machen. „Du musst schon in Deutschland lernen: immer weiter laufen - auch, wenn der Körper das eigentlich gar nicht mehr schafft.“

Nicht nur sportlich ist China für sie eine Herausforderung, auch die Lebensumstände der Leute dort haben sie betroffen gemacht. „Auf eine Art versucht dort jeder nur zu überleben“, sagt Simone Laudehr, obwohl ihre Eindrücke aus beinahe vier Wochen China nur flüchtige gewesen sein können. Das wirkliche Leben der pulsierenden Metropolen des asiatischen Riesenreichs hat sie kaum erlebt. Training, Essen im Hotel, Besprechungen mit der Mannschaft, die Spiele und zwischendurch immer wieder Regeneration - der Rhythmus während eines solchen Turniers kann ziemlich monoton sein. Wenn doch einmal Zeit blieb für einen Ausflug durch Schanghai, dann war dieser vom deutschen Fernsehen organisiert. Durch schmale Marktgassen wurden die Spielerinnen geleitet, schnupperten an Gewürzen und staunten über monströse Hochhäuser.

„Jetzt will ich dieses Turnier gewinnen“

In diesem Sommer kommt nun womöglich eine weitere Erfahrung hinzu: das Olympische Dorf. Dorthin dürften die Frauen vom Viertelfinale an ziehen. „Ich freue mich total auf die Sportler aus allen Teilen der Welt.“ Und doch weiß Simone Laudehr längst, dass es richtig war, sich damals für den Fußball zu entscheiden. Dabei wäre sie vielleicht auch eine gute Tennisspielerin geworden, in der Jugend gehörte sie vier Jahre der Bayernauswahl an - dennoch hat sie sich gegen eine Karriere als Individualistin entschieden. „Ich brauche Leute um mich herum, mit denen ich mich freuen kann und über die ich mich auch mal ärgern kann.“ Es war die Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Die deutschen Fußballfrauen sind Weltmeister, Europameister - aber sie haben noch nie Gold bei Olympia gewonnen. An die Vergangenheit aber denkt Simone Laudehr nicht mehr, sie schaut nur noch nach vorn. „Es war immer mein Traum, in der Nationalmannschaft zu spielen - das habe ich erreicht. Ich wollte immer bei Olympia dabei sein - das habe ich geschafft. Aber jetzt will ich auch dieses Turnier gewinnen.“ Danach würde es weitere Fotos geben. Auch von ihr. Sie hat gelernt, damit zurechtzukommen. Inzwischen kann sie es sogar wieder genießen.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z. - Edgar Schoepal, picture-alliance/ dpa

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