Von Michael Horeni, Schanghai
25. September 2007 Als Läufer hat man einen Blick für Läufer. Vor ein paar Monaten noch habe ich sie kaum wahrgenommen. Das ist wohl so wie bei jungen Eltern, die auf einmal an jeder Ecke einen Kinderwagen entdecken. So ähnlich geht mir das jetzt auch in China. Ich merke, wie ich die Straßen sogar gezielt nach Läufern absuche. Diese Woche war ich wegen der Fußball-WM der Frauen in Schanghai, Hangzhou und Peking. Dort leben zusammen rund vierzig Millionen Chinesen. Das ist bei 1,3 Milliarden zwar nicht gerade repräsentativ, aber es ist immerhin fast die Hälfte aller Deutschen. Aber wohin ich auch geschaut habe - niemand läuft.
In Peking und Schanghai ist das ganz gut zu verstehen. Der Verkehr ist höllisch, und die Regel, für Fußgänger zu bremsen, hat sich in einer recht frisch motorisierten Gesellschaft noch nicht entscheidend durchgesetzt. Ansonsten haben Jogger noch die Chance, ihre Gesundheit durch die irre Luftverschmutzung zu ruinieren. Hangzhou dagegen ist mit seinen sechs Millionen Einwohnern niedlich. Es war einmal die Lieblingsstadt von Marco Polo, das ist zwar schon lange her, aber den wundervollen See gibt es immer noch. Es ist ein bevorzugtes Ziel einheimischer Touristen, aber an diesem paradiesischen Flecken zu joggen fällt niemanden ein, nur mir. Die Chinesen fotografieren lieber und nehmen das Boot.
Magisches für die Problemzonen-Generation
In China ziehe ich mich seitdem in die Fitnessräume der Hotels zurück, um meinen Trainingsplan einzuhalten. Oliver Schmidtlein und Shad Forsythe hatten mich gefragt, wie viel Zeit ich investieren könnte. 45 Minuten fand ich realistisch, aber wenn ich jetzt mit dem kompletten Programm durch bin, ist eine gute Stunde rum. Ich habe schnell mitbekommen, wie sich auch meine Umgebung für mein Training zu interessieren begann. Ein persönliches Fitnessprogramm besitzt für die Problemzonen-Generation offensichtlich etwas Magisches.
Mein Rezept lautet: Man nehme einen 42 Jahre alten Mann von 74 Kilo mit einer Größe von 179 Zentimetern und lasse ihn zunächst viermal die Woche sechs verschiedene "korrigierende Übungen" machen. Das Ganze beginnt mit einem Mini-Gummiband - mit jenen Bändern, über die sich die Bundesliga und der Boulevard einst so herrlich aufregen konnten.
Technologievorsprung bewahren
In China verhält sich das anders. Die kraftstrotzenden und wie wild powernden Chinesen neben mir im Fitness-Studio haben mitleidig gelächelt. Irgendwann aber kamen sie näher, um genauer zu begutachten, was ich da treibe. Bei den Übungen muss man sein Bein gegen den Widerstand erst seitlich, dann nach hinten und schließlich nach vorne bewegen, jeweils achtmal in zwei Sätzen - und alles ganz langsam. Um ehrlich zu sein, sieht das alles sehr nach altem Europa aus.
Ich mochte den Chinesen trotzdem mein neues, kostbares Wissen, dass es unheimlich wichtig für einen Sportler ist, Hüftstabilität zu erlangen, nicht preisgeben. Ich wollte den Technologievorsprung des deutschen Fußballs in der globalisierten Welt bewahren. Man weiß ja, wie schnell die mit dem Kopieren sind. Dann haben sie mich gefragt, ob ich das Gummiband aus China habe. "Nein", habe ich geantwortet, "aus Amerika." Das hat großen Eindruck gemacht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: Bongarts/Getty Images, picture-alliance/ dpa