Jetzt spricht Peking für das IOC

Ausweichpläne für den Fackellauf

19. März 2008 Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und ganz besonders sein Präsident Jacques Rogge haben nicht vor, die Niederschlagung der tibetischen Proteste in China zu kommentieren. Zum Konflikt in Tibet formulierte das IOC auf Anfrage dieser Zeitung lediglich eine allgemeine schriftliche Erklärung, in der es die Welt damit tröstet, dass man das friedensstiftende olympische Feuer nach Lhasa bringen werde.

Dafür gerierte sich am Mittwoch in Peking Jiang Xiaoyu, Vizepräsident des Organisationskomitees der Sommerspiele (Bocog), als Sprecher des IOC. Wie schon Tags zuvor Ministerpräsident Wen Jiabao berief er sich auf die olympische Ethik: Die angekündigten Proteste im Rahmen des olympischen Fackellaufs – etwa von Exiltibetern und Kritikern der Menschenrechtslage in China aus verschiedenen Ländern – prangerte er als „völlig im Widerspruch zum Geist der Spiele und zur olympischen Charta“ und als eine „Bedrohung für die Olympische Bewegung“ an.

Der Fackellauf bleibt die „Reise der Harmonie“

„Das IOC schließt sich dem Wunsch der ganzen Welt an, dass es zu einer friedlichen Lösung der Spannungen der letzten Tage in Tibet kommen möge“, ließ die IOC-Zentrale in Lausanne in einer E-Mail lediglich verlauten. „Der olympische Fackellauf, der die olympischen Werte von Freundschaft, Respekt und Vortrefflichkeit verkörpert, soll im Juni nach Lhasa reisen. Die olympische Fackel ist ein machtvolles Symbol, das die Menschen in aller Welt dazu inspiriert, ihre Unterschiede in beiderseitigem Verständnis zu überwinden. . .“

Am Dienstag hatten exiltibetische Interessenvertreter das IOC in einem Brief aufgefordert, den geplanten Fackellauf umzuleiten. „Wenn das IOC nicht will, dass das olympische Feuer ein Symbol für Blutvergießen und Unterdrückung wird, muss es sofort alle tibetischen Provinzen aus der Route herausnehmen“, heißt es in dem Schreiben.

Der Gipfel: das Feuer kommt auf den Mount Everest

Der Vizechef des Bocog, Jiang Xiaoyu, unterstrich in seiner Pressekonferenz in Peking, dass das olympische Feuer trotz der Proteste in Tibet auf das Dach der Welt und wie geplant auch auf den Mount Everest getragen werde. Es gebe aber für alle Eventualitäten Ausweichpläne zum Fackellauf. Auch unter Hinweis auf angebliche terroristische Aktivitäten muslimischer Unabhängigkeitskräfte in Xinjiang, einer anderen Unruheregion in Nordwestchina, sagte der hohe Funktionär jedoch: „Egal was in Tibet oder Xinjiang passiert, diese Zwischenfälle werden den normalen Ablauf des Fackellaufes nicht beeinträchtigen.“

Der längste Fackellauf in der olympischen Geschichte soll als „Reise der Harmonie“ über 130 Tage und fünf Kontinente gehen. Das Feuer wird am kommenden Montag im Heiligen Hain von Olympia in Griechenland mit Hilfe eines Brennglases entzündet und am 30. März den Olympia-Organisatoren übergeben. Die nötige Sicherheit für die Fackelläufer herzustellen, sei Aufgabe der Behörden in den jeweiligen Ländern, sagte Jiang. In China könne die Sicherheit gewährleistet werden. Trotz der Kritik von exiltibetischen Gruppen an der Besteigung des Mount Everest, die darin eine weitere Bekräftigung des chinesischen Machtanspruchs in dem Hochland sehen, wird die Flamme als Höhepunkt des Fackellaufes im Mai auf den höchsten Berg der Erde getragen.

Es dürfen Fragen gestellt werden

Indirekt wiesen die Olympia-Organisatoren erste Überlegungen des französischen Außenministers Bernard Kouchner zurück, aus Protest gegen die Gewalt in Tibet die Eröffnungsfeier am 8. August zu boykottieren. „Was einzelne Leute oder Organisationen darüber denken, ist ihre Sache“, sagte Jiang. Kouchner distanzierte sich am Mittwoch von seinen Äußerungen.

IOC-Vizepräsident Thomas Bach empfahl am Mittwoch einer Delegation des deutschen Sportjugend, die vom 24. März bis 1. April eine Reise nach Peking unternimmt, nicht die Schweigetaktik seines Präsidenten. „Wir ermuntern die mitreisenden Jugendlichen und ihre Begleiter ausdrücklich, Fragen an ihre Gastgeber zu richten. . .“, ließ er in einer Pressemitteilung verlauten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

 
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