Von Jörg Hahn
25. März 2008 Wie groß im Sport die Angst vor einer Zuspitzung der Lage in China und in Tibet in den kommenden Monaten bis zum Beginn der Olympischen Spiele in Peking am 8. August ist (und damit vor einer sich verschärfenden Diskussion über den Sinn dieser Veranstaltung), hat jetzt der Deutsche Olympische Sportbund klargemacht.
In einem Entschließung genannten, am Ostermontag veröffentlichten Papier lehnt der Dachverband einen Boykott der Spiele kategorisch ab. Diese Entschließung wurde vom Präsidium des DOSB gefasst und wird mitgetragen von der Vorsitzenden der Konferenz der Spitzenverbände, dem Sprecher der Konferenz der Landessportbünde und der Vorsitzenden der Konferenz der Verbände mit besonderen Aufgaben, heißt es, und das soll wohl bedeuten: Wir fahren, komme, was wolle.
Der DOSB - ein armer geknebelter Verband
Das also wäre für die Chinesen geklärt, das Schildchen Deutschland kann für die Eröffnungsfeier schon mal hergestellt werden. Am enttäuschendsten wirkt das Papier in dieser Passage: Der DOSB ist sich darüber hinaus der Regel 28.3 der für ihn verbindlichen Olympischen Charta bewusst, die ihn zur Teilnahme an den Olympischen Spielen verpflichtet. Ein armer geknebelter Verband.
DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, der die Zehn-Punkte-Erklärung gemeinsam mit Präsident Thomas Bach unterzeichnet hat, dürfte den Osterurlaub angesichts seiner Vita wohl kaum genießen: Als früherer Grünen-Spitzenpolitiker kann es ihm nicht gefallen, wie sich die Sportfunktionäre in einer für sie unbehaglichen Lage aus dem politischen Machtspiel, an dem sie lange gerne teilgenommen haben, rauszumogeln versuchen.
Vesper wird sich auf die Zunge beißen müssen
Athleten müssen es übernehmen herauszustellen, welchen Fehler das IOC vor sieben Jahren mit der Vergabe der Spiele an Peking gemacht und wie schwach es die Interessen der demokratischen Welt bislang vertreten hat. Wenn Vesper im August in der chinesischen Hauptstadt erstmals als Chef de Mission, also als erster Sprecher, der deutschen Olympiamannschaft auftritt, wird er sich bestimmt das eine oder andere Mal auf die Zunge beißen müssen, um nicht gegen das vom Internationalen Olympischen Komitee wider besseres Wissen immer wieder propagierte Credo eines politikfernen Sports zu verstoßen.
Es stimmt, wie der DOSB auflistet, dass sich der Generalsekretär der Vereinten Nationen gegen einen Olympiaboykott gewandt hat, ebenso die Bundesregierung, der Dalai Lama sowie einige Menschenrechtsorganisationen. Indes ist längst nicht ausgemacht, dass alle bei dieser Haltung bleiben können oder wollen.
Text: F.A.Z., 25.03.2008, Nr. 70 / Seite 29
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