Video-Filmkritiken
RSS

Video-Filmkritik: „Burn After Reading“

Liebesgrüße aus Washington

Von Michael Althen

Video in voller Größe

01. Oktober 2008 Als Joel und Ethan Coen im Februar für „No Country for Old Men“ den Drehbuch-Oscar gewannen, bedankten sie sich beim Produzenten, dass er ihnen das Buch von Cormac McCarthy gebracht und sie einen Film daraus habe machen lassen. Das war's, kein Dank an Agenten, Anverwandte oder sonst wen.

Als sie dann auch noch den Regie-Oscar gewannen, sagte Ethan, er habe dem, was er schon gesagt habe, nicht viel hinzuzufügen außer „Danke“. Sein Bruder Joel fügte immerhin noch hinzu, sie hätten schon als Kinder zusammen Filme gemacht. Als Ethan elf oder zwölf war, habe er sich einen Anzug und einen Aktenkoffer besorgt, und sie seien mit ihrer Super-8-Kamera zum Flughafen von Minneapolis gefahren und hätten einen Film mit dem Titel „Henry Kissinger: Man on the Go“ gedreht. Was sie heute machten, fühle sich nicht wesentlich anders an als das, was sie damals gemacht hätten. Und sie seien allen dankbar, die sie einfach weiterhin in ihrer Ecke des Sandkastens spielen ließen.

Film als Sandkastenspiel

Als sie dann auch noch den Oscar für den besten Film bekamen, gingen sie gar nicht mehr mit auf die Bühne, sondern ließen ihren Mitproduzenten Scott Rudin den Vortritt. Man kann also sagen, dass sich kaum ein Oscar-Gewinner je weniger beeindruckt vom Brimborium der Show gezeigt hatte als die beiden Brüder aus Minneapolis. Und wenn man will, so war ja auch alles gesagt: Film als Sandkastenspiel, das mag auf „No Country“ zuerst nicht so recht passen, aber zu vielen anderen ihrer Filme schon. Zwei Jungs, die mit ihren Plastikfiguren in ihrer kleinen Welt den größtmöglichen Schaden anrichten.

Und der Zwölfjährige mit Anzug und Koffer als Kissinger, das ist im Grunde schon auch der ganze Witz von „Burn After Reading“. Man nehme ein paar Schauspieler, besetze sie gegen den Strich und sehe dabei zu, wie sie sich langsam die Köpfe einschlagen. Wir haben, sagen die beiden, allen Schauspielern gesagt: „Lasst euren inneren Schwachkopf raus!“ Das ist natürlich eine Methode von begrenzter Tragkraft, hat aber auch ihren unleugbaren Reiz. Und in „Burn After Reading“ denkt man über Ersteres nicht lange nach, sondern freut sich an Letzterem, denn die beiden verstehen es, dass man des Kicherns über die Sonderbarkeiten dieser Figuren nicht müde wird, sondern sich am Ende fast totlacht.

Alles verwickelt sich

Der Film spielt in der Welt der Geheimdienste - und Fitness-Studios. Die Geschichte ist, wie man sich denken kann, von bemerkenswerter Verwickeltheit. Ein Agent (John Malkovich) wird von der CIA entlassen, will sich mit seinen Memoiren rächen - die CD mit dem Manuskript landet jedoch auf Umwegen in der Umkleide eines Fitness-Clubs, wo die Trainerin (Frances McDormand) hofft, mit dem Material das Geld für ihre diversen Schönheitsoperationen erpressen zu können. Sie hat einen dümmlichen Kollegen (Brad Pitt), der ihr dabei zur Hand geht, einen Chef (Richard Jenkins), der in sie verliebt ist, und einen Lover (George Clooney), der allerdings auch eine Affäre mit der Frau (Tilda Swinton) des entlassenen CIA-Agenten hat. Und obwohl das Material keinerlei Brisanz besitzt, sind bald alle dahinter her - und der entstehende Schaden ist natürlich der größtmögliche.

Der Trick der Coens besteht darin, dass sie einerseits die Unübersichtlichkeit von Spionage-Geschichten vervielfachen, sie andererseits aber auch ständig kommentieren, indem ein zunehmend verzweifelter CIA-Mann (David Rasche) seinem Vorgesetzten (JK Simmons) über den Fortgang des Irrsinns Bericht zu erstatten versucht. Diese Szenen sind erst recht zum Brüllen. Denn an Schadensbegrenzung ist nicht mehr zu denken. Man kann die Coens direkt hören, wie sie in ihrer Sandkastenecke vergnügt kichern.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Tobis

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Video-Filmkritik

Polit-Porno: „Der Baader Meinhof Komplex“

Spezial Ein Film, der nur aus Höhepunkten besteht: „Der Baader Meinhof Komplex“ erzählt die Geschichte der RAF als Actionfilm - aber bei so viel Stoff bleibt kaum je Zeit, den Blick auch mal auf die Menschen hinter den Aktionen zu richten. Von Michael Althen

Video-Filmkritik: „Gomorrha“

Die schmutzigen Hände über der Stadt

Spezial Matteo Garrones „Gommorha“ gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Auf der Grundlage des Bestsellers von Roberto Saviano erzählt er von der brutalen Sozialordnung der italienischen Camorra. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Siebzig, verschmäht: „Wolke neun“

Spezial Von einem Film, der „Wolke neun“ heißt, ist Heiterkeit nicht zu erwarten. Andreas Dresen erzählt in seinem in Cannes preisgekrönten Drama von Liebe, Sex und Ehebruch; seine Helden sind älter, als es die Kinonorm erlaubt. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Tolles soziales Panorama: „Couscous mit Fisch“

Spezial Der alte, aus Tunesien stammende Hafenarbeiter Slimane (Habib Boufares) will einen rostigen Kahn in ein Restaurant umfunktionieren. Mit seinem Film „Couscous mit Fisch“ präsentiert Abdellatif Kechiche eine Mischung aus Dokumentarfilm und Wunschtraum. Von Bert Rebhandl

Video-Filmkritik

Das Böse selbst: „The Dark Knight“

Spezial „The Dark Knight“, der zweite Batman-Film von Christopher Nolan, wird womöglich bald den Erfolg von „Titanic“ einholen. Der Film ist verdammt gut - und ein Denkmal für Heath Ledger, der als Joker alle Feinde dieser Welt in einer einzigen Figur vereinigt. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik

Unmögliche Liebe: „Elegy“

Spezial Ein alternder Literaturprofessor beginnt eine Affäre mit einer jungen Studentin. Doch die Liebe zwischen Penelope Crúz und Ben Kingsley, von der Isabel Coixet in ihrer Philip-Roth-Adaption „Elegy“ erzählen will, wird erstickt in edlen Bildern.

Video-Filmkritik

Der Star aus der Fabrik: „Factory Girl“

Spezial George Hickenloopers „Factory Girl“ erzählt das Leben von Edie Sedgwick, Andy Warhols berühmter Muse. Sie war die Einzige, die er wirklich ins Herz schloss und die er doch in seiner glamourösen Film-„Factory“ verschliss. Von Bert Rebhandl