02. Juli 2003 Als Sohn und Forschungsobjekt eines verrückten Wissenschaftlers ist Bruce Banner sich selbst ein Rätsel. In seinen Wutanfällen mutiert er zu einem grünen Monstrum - dem Hulk. Der Hulk rettet niemanden, er richtet in erster Linie Schaden an. Er ist Frankenstein näher als seinen Superheldenverwandten.
Die amerikanischen Kritiker waren enttäuscht von Ang Lees neuem Film. Einer höhnte gar, der Hulk sei so schlecht, daß er schon wieder gut sei. Dann aber werde er noch schlechter, schieße über gut hinaus, um bei furchtbar schlecht zu landen.
Daran ist richtig, daß der Film beständig seinen Charakter wechselt, mitunter so abrupt wie die Hauptfigur. Mindestens vierzig Minuten lang führt Ang Lee vor, was einmal ein neues Genre werden könnte, der Science Thriller, eine virtuose Bebilderung des Fortschritts in den Naturwissenschaften oder, genauer: unserer Ängste davor.
Dann aber wird der Nachwuchsforscher im Atomzentrum Berkeley zum ersten Mal wütend, läuft grün an, plustert sich auf und hüpft durch die Gegend wie Tigger, der nervöse Freund von Winnie the Pooh. Während er tobt, wackelt die Kamera, das Kino bebt, und die Kleinholzfraktion kommt auf ihre Kosten. Damit könnte die Sache ihr Bewenden haben wie in den meisten Action-Spektakeln, aber Ang Lee (Der Eissturm) wollte offenbar die Comic-Verfilmung zur Kunstform veredeln. Es kracht, aber es kracht mit Niveau.
Die halsbrecherische Schnittechnik des Films, die das Layout von Comic-Heften auf die Leinwand zu übertragen sucht, ist wahrhaftig sensationell; das Drehbuch verwendet viel Zeit darauf, nicht nur einen halbwegs plausiblen Grund für die Verwandlungen des Wissenschaftlers anzubieten, sondern gleich drei: genetische Mutation, Überdosis Strahlen, frühkindliche Traumata. Und das Gesicht des Ungeheuers, das Paul in Monaten am Computer geschaffen hat, sieht geradezu rührend menschlich aus.
Text: wfg. / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Juni 2003, S. 20
Bildmaterial: united international pictures
