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Wunschphantasie: Jarmuschs „Limits of Control“

Von Andreas Kilb

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28. Mai 2009 Filmkünstler sind einsame Leute. Das große Babylon des Kinos, die Lust- und Schockmaschine Hollywood, bleibt ihnen verschlossen, aber auch der Mann auf der Straße, der Bilderkonsument, ist ihnen fremd. Sie fliegen von Festival zu Festival, von Filmmuseum zu Filmmuseum, um ihre Werke vorzustellen, und manchmal stehen sie in einem Premierenkino vor dreihundert Verehrern, die von ihnen wissen wollen, ob sie von Arthur Rimbaud inspiriert sind oder von William S. Burroughs oder gar von Picasso und Dalí. Dann geben sie sich als Freund und Kenner aller Künste zu erkennen oder auch (sehr selten) als Banause, und anschließend fahren sie allein in ihr Hotel und holen Atem für den nächsten Auftritt im Dienst der Kinematographie.

„The Limits of Control“, der zehnte Spielfilm des Amerikaners Jim Jarmusch, ist ein Manifest dieser Einsamkeit. Der Film beginnt und endet am Flughafen, und dazwischen zeigt er einen Mann, der sich wie ein Außerirdischer durch das sommerliche Spanien bewegt, von Madrid nach Sevilla, von Sevilla in ein Dorf in den andalusischen Bergen, von dort in ein verfallenes Haus in der Sierra und wieder zurück. Außerdem zitiert er Rimbaud und Burroughs, zeigt Bilder von Dalí und Picasso und lässt seine Figuren - denn wirklich allein ist der Einsame nur mit anderen - hingebungsvoll über Bücher und Filme reden, als gäbe es nicht Wichtigeres auf der Welt. „The Limits of Control“ ist, wie man sieht, kein simples Stück Kinounterhaltung, und so waren viele Kritiker rasch fertig mit dem Film: elitär, minimalistisch, unverständlich, so tönt es aus den Texten der Kollegen in Amerika, wo Jarmuschs Werk Anfang Mai angelaufen ist.

Es ist wörtlich gemeint

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten die Geschichte. Ein dunkelhäutiger Mann in einem graublauen Anzug (Isaach de Bankolé) bekommt in einer Wartehalle von zwei anderen Männern einen Auftrag, dessen Inhalt zunächst dunkel bleibt. Sie geben ihm eine Streichholzschachtel und einige Aphorismen mit auf den Weg: „Das Universum hat kein Zentrum.“ - „Das Leben ist nichts wert.“ - „Wer denkt, er sei mehr als die anderen, soll auf den Friedhof gehen.“ Die Sprüche, mal gesungen, mal gesäuselt, mal geknurrt, werden den Mann auf seiner Reise begleiten; dass aber die Bemerkung über den Friedhof durchaus wörtlich gemeint ist, erfahren wir erst am Schluss.

Die Streichholzschachtel mit dem Bild eines Boxers führt den Namenlosen auf einen Platz in der Madrider Innenstadt, wo er sie an einen Mann mit Geigenkasten (Luis Tosar) weitergibt und eine neue, andersfarbige Schachtel dafür empfängt. Diese überreicht er einer Blondine im weißen Mantel (Tilda Swinton), die nächste einer Japanerin im Zug nach Sevilla (Youki Kudoh), die übernächste einem Gitarrespieler, mit dem er über Puccinis „Bohème“ und Aki Kaurismäki redet, und so fort. Hat einer unter den Kritikerkollegen zufällig Kafka gelesen? Die Botschaft, die niemand versteht, die fremden, wie aufgezogen redenden Menschen, die toten Plätze in den Städten im Mittagslicht - das alles ist längst beschrieben (und von Dalí und De Chirico gemalt), nur im Kino hat man es so noch nicht gesehen. „The Limits of Control“ mag eine heillos autobiographische Geschichte sein, aber es ist auch ein Film auf der Höhe seiner Zeit. Dass der Mann im blauen Anzug keine Handys in seiner Nähe duldet, bedeutet ja keine Absage an die Moderne, es ist vielmehr eine Frage des Geschmacks.

Traum in Primärfarben

Mit Geschmack, mit Schönheit sogar, hat auch Jarmuschs Entscheidung zu tun, seinen Film mit dem Kameramann Christopher Doyle zu drehen, der vor allem durch seine Arbeit für Wong Kar-wai bekannt geworden ist. Doyle ist nicht nur schnell und effizient, er besitzt auch so etwas wie ein magisches Auge, und so sieht „The Limits of Control“ nicht wie all die anderen Jarmusch-Filme aus, sondern wie ein spanischer Traum in Primärfarben - Blau, Rot und vor allem Weiß, das grelle Weiß von Madrid, das Crèmeweiß von Sevilla, das staubige Weiß der Sierra, verrührt mit Grau. Und auch die nackte Frau (Paz de la Huerta), die sich dem Unbekannten ins Bett legt, wirkt nicht wie ein Kotau des Kunstfilmers vor der Entertainment-Industrie, sondern wie ein Fleisch gewordenes Rätsel, hilflos und zugleich geheimnisvoll, irgendwo zwischen Lolita und Brigitte Bardot.

Am Ende dringt der schweigsame Unbekannte in die Bergfestung eines reichen Mannes ein (hinreißend gespielt von Bill Murray) und erledigt seinen Auftrag. Da zeigt sich, dass „The Limits of Control“ nicht nur eine Künstlerparabel, sondern auch eine Wunschphantasie ist: Einmal den bösen Kapitalismus beim Wickel haben, einmal mit Bildern den Lauf der Welt verändern! Aber Jarmusch ist ein zu großer und zu kluger Regisseur, um sich und uns einreden zu wollen, damit sei irgendetwas gewonnen. Außer zwei Stunden Einsamkeit, dem wirklichen Leben abgetrotzt. Dieser Film lädt uns ein, sie mit ihm zu teilen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Tobis

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