Video-Filmkritiken

Film der Woche

Drei Farben Blau - das Film-Debüt von Maria Speth

Von Gunter Göckenjan

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14. November 2001 Eine junge Frau lässt sich treiben. Sie gleitet durch die nachtblaue Nacht, träumt in himmelblauen Laken, zur Arbeit trägt sie ein blaues Kopftuch und privat Blue Jeans. Die Frau hat den Blues, soviel ist klar. Dieser Film singt ihr Lied. Deshalb ist dies wohl ein blauer Film, mit gelegentlichem Aufkommen von Blauweiß, Grünblau.

Es gibt sogar Gelbtöne, aber das sind ja auch nur Abstufungen der Komplementärfarbe - gewissermaßen also das Gegenteil von Blau. „In den Tag hinein“ ist wunderschön bebildert und in einem leicht gleitenden Rhythmus erzählt. Als Filmproduzent könnte man sagen: das ist ein Anfang, ein sehr guter Anfang. Aber ein Filmproduzent, der etwas von seinem Fach versteht, hätte auch dafür gesorgt, dass das Debüt der Regisseurin Maria Speth ganz anders ausfällt. Die vorliegende Geschichte hätte kein Profi unbearbeitet in die Produktion gehen lassen.

Gemeinsam durch das nächtliche Berlin

Erzählt wird die Geschichte der 22-jährigen Lynn. Sie verdient ihren Lebensunterhalt mit lustlos erledigten Jobs, immer auf der Suche nach Abenteuern und sich selbst. Ihr Freund David plant zielstrebig seine Karriere als Leistungssportler. Lynn verliebt sich in einen zweiten Mann, den jungen Japaner Koij, dessen Sprache sie nicht versteht, der aber wie sie ein Suchender ist. Gemeinsam ziehen sie durch das nächtliche Berlin.

Der Film zeigt Spuren von sich widersprechenden Genrehaltungen. Augenblicke von nahezu dokumentarischer Zufälligkeit hier, Spuren von moralisierender Stellungnahme dort und drumherum eine vielleicht zu schön aufgeräumte Kulisse. Die Fotografie bewegt sich zwischen geschmäcklerischem Neo-Noir und kalter Werbestilistik. So recht wollen diese Elemente nicht miteinander harmonieren. Sie stehen einander gegenüber. Eine eindeutige Position wäre einfacher.

Wie eine Variante auf Jarmuschs Beiläufigkeit

Speth, die auch das Buch für „In den Tag hinein“ geschrieben hat, wollte wohl eine Berliner Variante von Jim Jarmuschs Regie-Debüt „Permanent Vacation“ (1982) drehen. Darin streift ein junger Mann durch New York und steckt mal hier seinen Kopf hinein und mal dort seine Finger, ohne sich je engagieren zu wollen. Regie und Kamera schienen nichts zu tun, als das Dahin-Fließen der Tage zu dokumentieren. Das Stil-Wollen schien sich auf die richtige Belichtung zu beschränken. Jarmusch hat das Treiben-Lassen als Kunstform in den darauf folgenden Werken weiterentwickelt, doch hat er das Thema nie wieder mit derart großartiger Beiläufigkeit bewältigt. Während er seine Erzähltechnik weiterentwickelte, ging die unschuldige Lust an der Schlichtheit verloren.

Maria Speth versucht diese Einfachheit nicht. Ihre Geschichte einer jungen Frau (Sabine Timoteo) will zwar die Beliebigkeit eines unstrukturierten Alltags zeigen, in der Erzählhaltung will sie ihrem Thema nicht folgen. Es geht ihr offenbar nur gelegentlich darum, das Lebensgefühl ihrer Protagonistin zu erfassen. Nur in solchen Momenten spürt man diese Trauer und die Einsamkeit in all der Geschäftigkeit.

Meist wird aber heftig stilisiert. Wenn die Protagonistin nachts durch Berlin radelt und sich schließlich an einem Brunnen niederlässt, um eine Frucht zu öffnen, wird ihr Blues zum Heldenlied. Wie wunderbar und verwegen individuell diese Frau doch ist, rufen solche Bilder. Ihre skizzenhafte Überdeutlichkeit entstammt dem Geist der Zigarettenwerbung: die unmissverständliche Botschaft ist auf einen Blick erfasst. Ihr wichtigster Teil: Ich bin schick, und ihr wollt auch so sein!

Wünschenswert: ein stilsicherer Produzent

Solche Mini-Clips unterbrechen den Fluss, so wie es auch die drastischen Gegenübersetzungen tun. Die Autorin erklärt, auf wessen Seite sie steht, indem sie Haltungen miteinander konfrontiert. So schneidet sie etwa die Bilder des Schwimmers beim Training gegen die, in denen seine Freundin in der Badewanne liegt. Ein anderes Mal wehrt eine Frau die Annäherung ihres Partners ab, in dem sie zur Ziehharmonika greift und etwas spielt. Wie albern.

Schnitt. Wir sehen die Protagonistin, wie sie sich im Discorausch wiegt. Die Kontrolle eines stilsicheren Produzenten und ein intelligenter Drehbuchlektor hätten hier Wunder gewirkt. Schade, dass es in Deutschland keine Filmindustrie gibt, in der es solche Leute gibt, die auch Maria Speths Talent in die richtigen Kanäle lenken könnten.

In den Tag hinein, Deutschland 2001, 118 Min., Regie: Maria Speth, Darsteller: Sabine Timoteo, Hiroki Mano, Florian Müller-Mohrungen u.a.



Text: @göck
Bildmaterial: November Film, peripherfilm

 
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