Video-Filmkritiken

Kino

Knien vor Nicole Kidman: „Birth“

Von Michael Althen

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Filmkritik: Nicole Kidman in "Birth"

22. Dezember 2004 Der Film beginnt sanft schwebend, indem die Kamera einem Jogger auf seinem einsamen Weg durch den verschneiten Central Park folgt und dabei aber doch von Mächten gelenkt scheint, die auch der Musik ihr düsteres Thema aufzwingen. Der vermummte Läufer zieht seine Kreise, die Kamera hört jedoch auf einen anderen Pulsschlag. Und als der Mann in einer Unterführung tot zusammenbricht, begreift man auch, warum den Kamerabewegungen von Anfang an so etwas Unheilvolles innewohnte.


Dann macht Jonathan Glazers „Birth“ einen Zeitsprung über zehn Jahre. Zehn Jahre, die Anna (Nicole Kidman) gebraucht hat, um über den jähen Tod ihres Mannes Sean hinwegzukommen und sich auf einen Mann (Danny Huston) einzulassen, der ihr all die Jahre den Hof gemacht hat. Da taucht am Abend ihrer Verlobungsparty plötzlich ein Junge auf, der behauptet, er sei ihr verstorbener Mann.

Ein schlechter Scherz?

Er ist zehn Jahre alt, verzieht keine Miene und sagt mit einem Ernst, der seinem Alter nicht zuzukommen scheint, sie dürfe den anderen Mann nicht heiraten. Anna glaubt erst, sich verhört zu haben, doch der Junge macht keine Anstalten, seine Worte zurückzunehmen. Anna reagiert ungläubig, dann nachsichtig, später ungehalten, schließlich verdrossen. Sie hält den Vorfall für einen schlechten Scherz, aber es will ihr nicht gelingen, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen. Nicht am Abend ihrer Verlobung, nicht unter diesen Umständen. Die Streiche dummer Jungs fühlen sich anders an - dieser läßt sich nicht mit einem Achselzucken abtun.

Keiner weiß anfangs, wo der Junge herkommt, aber dafür sieht man um so genauer, wie Anna lebt. In einer Welt, in der über Geld nicht mehr geredet werden muß, in einer jener Wohnungen in der Fifth Avenue, wo die Einrichtung so teuer ist und die Teppiche so kostbar, daß sich selbst die Kamera wie ein ungebetener Gast auf Zehenspitzen zu bewegen scheint. Alles ist Ton in Ton gehalten, und an den Rändern herrscht eine Düsternis, welche alle Gedanken an eine Welt außerhalb ausblendet. Nach Gus Van Sants „Elephant“ ist dies nun schon die zweite bestechende Arbeit des Kameramanns Harris Savides, in welcher den trügerisch sanften Bewegungen ein unerklärliches Verhängnis anzuhaften scheint.

Verwirrende Präsenz

In diesen Räumen regiert Annas Mutter (Lauren Bacall), die mit einem eisigen Blick oder schneidenden Satz nicht nur Fremde ins Unglück stürzen kann. Aber sie ist genauso ratlos wie alle anderen, als der Junge immer wieder auftaucht, sich nicht beirren oder abwimmeln läßt und daran festhält, er sei der wiedergeborene tote Ehemann. Mit Vernunft ist der Sache nicht beizukommen, zumal der Junge Dinge weiß, die nur dem Toten bekannt waren. Und obwohl Anna weiß, daß das alles gar nicht wahr sein kann, geht ihr die Situation näher, als sie zulassen will. Die verwirrende Präsenz des Jungen, der sie wie ein böser Geist heimzusuchen scheint, zermürbt sie zunehmend - und auch der Verlobte findet den vorgeblichen toten Nebenbuhler bald nicht mehr zum Lachen.

Das Paar beschließt, die Eltern des Jungen zur Rede zu stellen. Die sind entsetzt, können sich die fixe Idee ihres Sohnes auch nicht erklären und versprechen, ihn zur Räson zu bringen. Alle glauben, damit sei die Angelegenheit aus der Welt geschafft. Doch im Fortgehen dreht sich Anna noch mal um und sieht gerade noch, wie der Junge vor den Augen seiner Eltern ohnmächtig wird. Und was dann folgt, ist die großartigste Szene des Jahres, von einer solchen Intensität, daß man vor Nicole Kidman in die Knie gehen möchte.

Minutenlanger Blick

Denn Anna hält sich mit dem Anfall des Jungen nicht auf, sondern geht mit ihrem Verlobten wie geplant in die Oper. Man sieht sie noch zu den Takten von Wagners „Walküre“ ihre Plätze einnehmen, und dann hat die Kamera nur noch Augen für Anna, gleitet über die anderen Zuschauer in einer endlosen Fahrt auf sie zu, und man kann miterleben, wie diese Frau in ein schwarzes Loch stürzt, wie sie das Gesehene zu begreifen sucht, wie sie sich wehrt, wie ihr Geist sich im Kreise dreht und dann allen Widerstand aufgibt. Minutenlang nur dieser Blick auf eine Schauspielerin, die so feinnervig und durchsichtig wirkt wie keine andere zur Zeit, und der Schauder, der einen in dieser Szene befällt, erinnert nicht nur deswegen an „Rosemarys Baby“, weil Kidman ihre Haare so kurz wie Mia Farrow trägt.

Um diese Szene dreht sich der ganze Film, sie ist die emotionale Schleuse, durch die Anna eine andere Welt betritt, wo alles Verdrängte ans Licht kommt und das Unmögliche wahr wird. Der britische Regisseur Jonathan Glazer kann gar nicht genug für diesen Kinomoment gepriesen werden. Er hatte schon in seinem Erstling „Sexy Beast“ bewiesen, daß er ein bemerkenswertes Gespür für Atmosphärisches besitzt, als er Londoner Gangstern dabei zusah, wie sie versuchen, auf Ibiza ihrem Geschick zu entfliehen. In „Birth“ blickt er ähnlich gebannt auf Menschen, die sich in ihrem Wohlleben eingerichtet haben und glauben, sie könnten Gefühle verdrängen, denen sie sich stellen müßten. Wer da noch auf eine Pointe wartet, wie in „Sixth Sense“ oder „The Others“, der hat nichts begriffen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2004, Nr. 294 / Seite 32
Bildmaterial: Warner Bros. Pictures

 
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