Von Gustav Federhenn
26. Juni 2002 Rufmord ist eigentlich schon zwei Jahre alt. Erst jetzt kommt er in die deutschen Kinos. Der Film stammt aus jener Zeit, da die Vereinigten Staaten einen Präsidenten hatten, der Charme und Charisma besaß und der, wie einstmals Kennedy, Stoff für allerlei Skandale und Affären bot. Präsident Jack Evans (Jeff Bridges) in Rod Luries spannendem Politthriller ist so eine Figur. Der Staatslenker trägt unverkennbar Züge Bill Clintons: Er tut seine Arbeit mit der heiteren Leichtigkeit eines Highschool-Athleten, und er liebt die Macht mit kindlicher Freude.
Für die clintoneske Kontroverse sorgt in diesem Film die Senatorin Hanson (Joan Allen), die der Präsident nach dem plötzlichen Tod seines Stellvertreters zur Vizepräsidentin machen will. Auch sie: eine Sympathieträgerin. Tatsächlich gab es nur Männer in dieser Position, und Evans will mit seiner Entscheidung für eine Frau in die Geschichte des Landes eingehen. Hanson scheint die geeignete Wahl: ansehnlich, selbstsicher, freundlich, Mutter und Ehefrau... Doch die hier leicht überzeichneten Republikaner lehnen eine Frau an der Spitze ab, zumal die sich auch noch für das Recht auf Abtreibung einsetzt.
Besonders ein Politiker hat sich vorgenommen, ihren Aufstieg zu verhindern: Shelly Runyon (Gary Oldman) glaubt, dass eine Frau nicht in der Lage ist, einen solchen Posten angemessen auszufüllen. Einen angemessenen Kandidaten gäbe es in den Augen der Gegenpartei auch. Der hatte sich gerade medienwirksam zum Helden stilisiert.
Verfängliche Bilder
Von hier aus entwickelt sich der Film als Intrigenspiel und Konversationsstück. Die Intrige: Es soll kompromittierendes Material gefunden werden. Mit dem will man dann die Kandidatin bloßstellen. Die Häscher finden in Hansons früher Jugend sexuelles Material: Es gibt Bilder und Zeugen. Nun wollen sie die Integrität der Politikerin in Frage stellen, eine Kriegslist, die die Clinton-Gegner einst perfektioniert hatten. Character Assassination, heißt das im amerikanischen Polit-Jargon.
Viel wird in Rufmord geflüstert und getuschelt. Rod Lurie (Regie und Drehbuch) gelingt es in seinem zweiten Film, Handlung und Dialoge auszubalancieren. Dass sich die Polit-Intrige und ihre möglichen Gegenstrategien vor unseren Augen und für unsere Ohren entfalten, führt - anders als man es erwarten würde - zu einer Steigerung der Spannung - vermutlich, weil nicht nur unsere Adrenalin-Produktion angesprochen wird, sondern auch der Intellekt. Das verhindert dann auch, dass die eindeutige Parteinahme dieses Washingtoner Licht- und Schattenspiels zu einer ärgerlichen Moralgeschichte wird, denn obwohl die Moral recht deutlich aufgetragen wird, fühlen wir uns nicht in diese Haltung hineinmanipuliert. Überraschend ist am Ende nur, dass die so brisanten Affären der Kandidatin doch nicht so heiß waren wie befürchtet, womit die amerikanische Durchschnittsmoral wieder hergestellt wäre.
Der Intrigant mag blutige Steaks
Es macht sogar Spaß zu verfolgen, wie Lurie mit seinen Figuren umgeht: Neben ihrer Rolle in der Intrige erkennt man ihren moralischen Wert in ihren Ess-Verhalten. Hier ist man, was man isst. Der Präsident, der gerne über die Vorzüge seines Amtes scherzt, die in der Verfügbarkeit über ein versiertes Küchenpersonal bestehe, teilt symbolisch ein Haifisch-Sandwich mit einem jungen Kollegen (Christian Slater), den er freundlich kollegial zur Räson rufen will. Senator Hanson, die politische moralische Lichtgestalt in diesem Spiel, ist Vegetarierin, während ihr Gegenspieler Shelly Runyon (Gary Oldman) gerne blutige Steaks verschlingt. Das ganze wäre nur halb so verdaulich, wenn es von weniger guten Darstellern gespielt wäre. Aber Joan Allen, Jeff Bridges und Gary Oldman spielen ihre Rollen vorzüglich.
Text: @henn
