Von Verena Lueken
13. April 2006 Wenn Bischof Huber die aktuelle Stimmung aufgreift und davon spricht, wir seien kindvergessen, meint er vor allem, daß wir, die weißen, gut ausgebildeten, wohlhabenden Mitglieder westlicher Gesellschaften, uns in einem Leben ohne oder mit nur wenigen Kindern eingerichtet und uns deshalb zu schämen hätten.
Wenn die Unicef hingegen von vergessenen Kindern spricht, ist etwas anderes gemeint. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Zwei Millionen Kinder sind HIV-infiziert. Hundert Millionen leben auf der Straße. Eine Viertelmillion steht unter Waffen. Das ist eine riesige Zahl von Kindern, die geboren wurden, allerdings nicht von weißen, gut ausgebildeten, wohlhabenden Mitgliedern westlicher Gesellschaften. Wer sich um Kinder sorgt, vor dem liegt hier ein weites Feld.
Geschichten von Kindern, die selten gehört werden
Acht Filmemacher haben sich in sieben Kurzfilmen für die Unicef und das Welternährungsprogramm dem Kinderelend zugewandt. Ihr Episodenfilm Alle Kinder dieser Welt (All the Invisible Children) ist bei den Filmfestspielen in Venedig und in Berlin gezeigt worden und kommt jetzt in die Kinos. Wie immer bei solchen Gemeinschaftswerken sind Hintergrund und Absicht möglicherweise stärker als das ästhetische Ergebnis, und auch dieser Film ist da keine Ausnahme.
Doch fast alle Beiträge sind sehenswert, weil sie Geschichten von Kindern erzählen, die selten gehört werden. Daß einige von ihnen angesichts der aus der Wirklichkeit destillierten fiktiven Schicksale keinen anderen Ausweg wissen als ins Sentimentale, keine anderen Bilder finden als die versehrter Puppen, liebevoller Großväter, die Lumpen sammeln, oder tränenüberströmter Kindergesichter vor in ungelenken Schriftzeichen beschriebenen Schultafeln, mag man den Filmemachern ankreiden und als Kitsch abtun. Ihre Geschichten nicht.
Die Trommeln verheißen Lebensfreude, der Sonnenuntergang eine sternenklare Nacht, und die Kinder, die auf den Dünenkämmen herumspringen, sehen aus, als seien sie auf dem Heimweg in ein fröhliches Dorf. Doch was in Mehdi Charefs Episode Tanza so bekannt wie Afrika-Wehmut daherkommt, zeigt beim Näherkommen etwas anderes. Schwerbewaffnete Kinder nämlich, die das Dorf, das sie bald erreichen werden, in die Luft sprengen wollen. Tanza, der am Ende eine Bombe in der Schule plazieren soll, ist der mit dem tränenüberströmten Gesicht angesichts der Tafel, aber da ist der Beitrag des Algeriers aus Frankreich schon fast vorbei und der verstörende Eindruck der Szenen zuvor nicht mehr auszulöschen.
Pädagogisch wertvoll - auch für Bischöfe
Spike Lee führt uns in Jesus Children of America in New York zu einer aidskranken Junkie-Familie, deren Tochter schließlich in einer Gruppe kranker Jugendlicher Unterstützung findet, die nach dem Prinzip der Anonymen Alkoholiker funktioniert - ein nüchterner Beitrag zur Aufklärung. Emir Kusturica entwirft einen kleinen Helden aus einer Roma-Familie, der lieber wieder ins Gefängnis geht, als für seinen trunksüchtigen Vater weiterhin zu stehlen - eine hysterisch übergeschnappte Angelegenheit mit reichlich Zigeunermusik. Mit Katia Lund begleiten wir zwei Straßenkinder aus São Paulo, die auf Müllkippen Wiederverwertbares sammeln und am anderen Ende der Riesenstadt verkaufen - ein Stück cinéma vérité in bester Tradition.
Ridley Scott und seine Tochter Jordan hingegen vermengen Kindheitserinnerungen und Arbeitserfahrungen eines Kriegsfotografen in ihrem wirren und etwas weinerlichen Beitrag. Stefano Veneruso führt uns ins Taschendiebmilieu Neapels, John Woo zu zwei Mädchen in einer chinesischen Großstadt, einem reichen, einem bettelarmen. Woo ist der Regisseur, der Puppe und Lumpensammlergroßvater beschäftigt, aber auch seine Süßlichkeit kann nicht jedem Bild die Bitterkeit nehmen. Nicht nur pädagogisch wertvoll, könnte man Alle Kinder dieser Welt überschreiben, für Wohlstandskinder, die wenigen, und für Bischöfe.
Text: F.A.Z., 12.04.2006, Nr. 87 / Seite 40
