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Reife Leistung: „An ihrer Seite“

Von Michael Althen

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05. Dezember 2007 Julie Christie ist eine Schauspielerin, die sich stets rarer gemacht hat, als es ihren Fans lieb sein konnte. Und zwar nicht, um ihren Wert zu steigern, sondern weil sie ans Leben offensichtlich Ansprüche stellte, die sich nicht beim Blick in den wankelmütigen Spiegel der Bewunderung messen lassen. Es gibt genügend Schauspielerinnen, deren Gesicht in diesem schreckensstarren Blick zur Fratze gefroren ist.

Wenn man jetzt Julie Christie in „An ihrer Seite“ sieht, weiß man, dass es sich für sie gelohnt hat, sich rar zu machen, statt ihr Leben dem Publikum zum Fraß vorzuwerfen. Es ist ein Gesicht, das sichtlich im Einklang mit seinen Erfahrungen steht und deshalb die perfekte Folie für diesen Film ist, weil es einem das Herz bricht, wenn erzählt wird, wie die Erinnerung an diese Erfahrungen unbarmherzig nach und nach ausgelöscht wird.

Was bleibt von der Liebe?


Es geht um Alzheimer, und das ist bekanntlich keine schöne Geschichte, aber es ist eben auch nicht die einzige, die Sarah Polley in ihrem Regiedebüt, das im Original „Away From Her“ heißt, erzählt. Die achtundzwanzigjährige kanadische Schauspielerin hat dafür Alice Munros Kurzgeschichte „The Bear Came Over the Mountain“ adaptiert und die schlanke Prosa als Freiheit begriffen, sich ihren eigenen Reim auf diese Welt zu machen. Über Alzheimer gibt es den einen oder anderen Fernsehfilm und ein bewegendes Porträt mit Judi Dench über Iris Murdochs letzte Jahre, aber in „An ihrer Seite“ wird die unvermeidliche Krankheitsgeschichte vom Pathologischen ins Allgemeinere gewendet. Was bleibt von der Liebe, fragt Polley, wenn die Erinnerung daran schwindet? Schon im Frühstadium heißt es einmal: „Mich plagt das Gefühl, irgendwas Wichtiges vergessen zu haben, aber kann mich nicht erinnern, was es ist. So verbringe ich halbe Tage damit, herauszufinden, was so wichtig gewesen ist.“ Und natürlich geht es da eigentlich schon um die vierundvierzigjährige Ehe und das, was einst ihr Motor gewesen ist.

Wenn der Film beginnt, hat Fiona (Julie Christie) nur gelegentlich Aussetzer, bei denen sie die Pfannen in den Kühlschrank stellt oder sich an das Wort „Wein“ nicht mehr erinnern kann. Sie klebt Zettel an die Schubladen, um sich daran zu erinnern, wo das Besteck hingehört, und ihr Mann Grant (Gordon Pinsent) versucht so gut wie möglich darüber hinwegzugehen. Aber Polley hat keine Lust, den Verfall genüsslich zu zelebrieren, sondern kommt bald zum Punkt. Das einander liebevoll zugetane kinderlose Ehepaar, das an einem See in Ontario wohnt und die Tage mit Skiwanderungen und gegenseitigem Vorlesen zubringt, muss sich bald der Entscheidung stellen, ob Fiona in ein Heim geht, ehe die Situation unhaltbar wird. Sie ist dabei hellsichtiger als er, weil sie ahnt, dass sie nicht mehr lange die Stärke haben wird, diese Entscheidung zu treffen. Bei den Momenten, in denen sichtbar wird, wie sie sich ihm zuliebe zur Härte zwingt, muss man dann schon sehr schlucken.

Vergeben, aber nicht vergessen

Sie geht in ein Heim für betreutes Wohnen, wo der Fall nicht herzlos, aber eben professionell gehandhabt wird. Wenn Grant ihr einen Gefallen tun wolle, heißt es, dann solle er dreißig Tage lang auf jeden Kontakt verzichten, keine Besuche, keine Anrufe. Und es spricht stark für den bärenhaften kanadischen Schauspieler Gordon Pinsent, dass er es schafft, dem Zuschauer zu vermitteln, dass ihm die Aussicht auf diese dreißig Tage fast genauso lang erscheint wie die vierundvierzig Jahre Ehe, die wohl eine glückliche Zeit waren, aber natürlich auch nicht ohne Probleme. Darauf baut der geschickteste Schachzug des Films auf, weil es wohl eine Phase gab, in der Grant als Literaturprofessor nicht unempfänglich war für die Verlockungen durch junge Studentinnen. Ist lange her und offenbar vergeben - aber nicht vergessen.

Ohne dass dieser Umstand näher ausgeführt wird, wirft er doch ein anderes Licht aufs Kommende. Irgendwo steht immer die Frage im Raum, ob das Vergessen, das auch ihn irgendwann ausblendet, nicht eine späte Rache ist. Oder eine Gnade. Auf jeden Fall kann er sich nicht frei machen von einer diffusen Schuld. Gerade weil Polley die Sache so im Ungefähren lässt, wird klar, dass es nicht um einen besonderen Vorfall geht, sondern um jenes allgemeine Gefälle, das in jeder Ehe in die eine wie die andere Richtung entsteht, um die schwammigen Schuldgefühle, die uneingelösten Versprechen, die uneingestandenen Fehler, eben all die Schmerzen, die das Neigen von Herzen zu Herzen zwangsläufig mit sich bringt.

Man sollte von der Geschichte vielleicht nicht zu viel erzählen, nur so viel, dass Olympia Dukakis und Michael Murphy in Nebenrollen ein Ehepaar spielen, welches das gleiche Schicksal und noch manche Wegkreuzung teilt. Sarah Polley hat ihren Film jederzeit im Griff, und wer sich daran stößt, dass die eine oder andere Szene zu thesenhaft geraten ist, übersieht einfach, mit welch traumwandlerischem Geschick sich die Regisseurin diesem Thema völlig unsentimental nähert, die Schmerzen und unangenehmen Wahrheiten nicht ausspart und trotzdem von der Liebe und der Würde und der Schönheit des gemeinsam gelebten Lebens erzählt. Das ist schon eine verdammt reife Leistung.



Text: F.A.Z., 05.12.2007, Nr. 283 / Seite 37
Bildmaterial: Majestic/Cinetext

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