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Der Star aus der Fabrik: „Factory Girl“

Von Bert Rebhandl

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07. August 2008 Der Film „Poor Little Rich Girl“ von Andy Warhol stammt aus dem Jahr 1965. Er zeigt eine schöne, junge Frau, die um vier Uhr nachmittags schwer aus dem Bett kommt, sich zum Schminktisch schleppt, langsam ihre Erscheinung in Ordnung bringt, telefoniert, Musik hört und Drogen nimmt. Den ganzen ersten Teil hindurch ist die Frau nur undeutlich zu sehen. Warhol hatte mit Absicht die Kamera nicht scharf gestellt, so tritt sie schließlich als eine Diva ins Bild, die ganz dem Medium geschuldet ist: Edie Sedgwick, das arme, kleine, reiche Mädchen, ein „Factory Girl“ unter vielen und doch vielleicht das berühmteste neben Nico.

Wer in den sechziger Jahren nach New York kam und etwas mit Kunst im Sinn hatte, kam um die Factory von Andy Warhol nicht herum. Hier wurde ständig irgendein Star geschaffen, hier war das alternative Hollywood mit Filmen, in denen fast nichts zu sehen war, außer ein paar glamourösen Müßiggängern. Von Edie Sedgwick, geboren 1943 in Santa Barbara, Kalifornien, Beruf: Malerin, wird erzählt, dass der unnahbare Impresario Warhol sie wirklich ins Herz schloss. Er lud sie sogar zu sich nach Hause ein, wo seine Mutter osteuropäisch kochte - ein seltenes Privileg.

Triviale Mitte

Er drehte mit Edie Sedgwick den Film „Poor Little Rich Girl“, und ein Jahr darauf „Lupe“, eine seiner zentralen Arbeiten, in der er in einer Doppelprojektion die Geschichte von Lupe Velez in Erinnerung rief, einer mexikanischen Schauspielerin in Hollywood, die sich 1944 nach einer kurzen Karriere das Leben nahm. Sie hatte sich ein Bett aus Blumen bereitet, erbrach dann aber einen Teil der Medikamente in die Toilette, und so wurde sie auch gefunden, am Boden zerstört. Erst durch Kenneth Angers legendär-spekulatives Buch „Hollywood Babylon“, in dem diese Geschichte überliefert wird, wurde sie unsterblich. Lupe Velez und die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten schon schwer von den Drogen gezeichnete Edie Sedgwick, das war eine unheimliche Doppelbelichtung, eine Meditation über ein System, das junge Frauen verschleißt und sie im entscheidenden Moment alleinlässt.

Die Factory war eine Parallelaktion zu Hollywood, mit einem eigenen Starsystem, mit Warhol als David O. Selznick und Gerard Malanga als John Ford, und mit Diven und Starlets, von denen Edie Sedgwick ein besonders kurzes Leben beschieden war. Ihr Aufstieg und Fall wird nun von George Hickenlooper in „Factory Girl“ nacherzählt, in einem Film, der weder Hollywood ist noch Factory, sondern genau die triviale Mitte dazwischen besetzt, die Welt der Brüder Bob und Harvey Weinstein, die hier als Produzenten auftreten.

Edie Sedgwick wurde ein Opfer der Drogen, sie starb 1971 nach zahlreichen Entziehungskuren und immer neuen Abstürzen. In „Factory Girl“ wird ihrem Vater Francis „Fuzzy“ Sedgwick eine wesentliche Rolle zugeschrieben, ein übermächtiger Patriarch, aus dessen Griff sich Edie nie so richtig befreien konnte. Sie erlebte mit Andy Warhol fast so etwas wie eine Liebesgeschichte, wurde ihm dann aber mit einem berühmten „Musiker“ (der Film bleibt vage, was diese Person anbelangt, tatsächlich handelte es sich um Bob Dylan) „untreu“.

Kein Sinn für Tragik

Hickenlooper erzählt das alles in der biederen Form eines Stationendramas, das von einem letzten Moment der Klarheit vor Edies Tod scheinbar halbdokumentarisch gerahmt wird. Die Kultur der weißen amerikanischen Elite, der Edie Sedgwick entstammt, interessiert Hickenlooper nicht in ihrer impliziten Psychopathologie, sondern als selbst schon glamouröses System, von dem er nur die Oberfläche wahrnimmt.

Einem Bio-Pic wäre aber zumindest ein soziologischer Blick nicht abträglich: könnte die Drogensucht nicht eine sehr spezifische Wurzel dort haben, wo die amerikanische Elite eine ganze Generation von Kindern nicht nur behavioristisch erzog, sondern auch ernährte, mit Vitaminkuren und Beruhigungspillen in großen Mengen? „Factory Girl“ aber ist vor allem eine Aneinanderreihung stereotyper Szenen aus der New Yorker Partyszene der sechziger Jahre. Die Schauspieler tun sich sämtlich an der Hip- und Coolness dieser Ära gütlich, das gilt für Guy Pearce in der Rolle des Andy Warhol ebenso wie für Hayden Christensen, der den „Musician“ spielt. Sienna Miller exponiert sich in der Hauptrolle sehr, dabei stellt sich aber in keiner Sekunde ein Gefühl für die Tragik ein, die Edie Sedgwick in sich getragen haben muss. Dafür muss man zu den Originalfilmen aus der Factory zurück, die anscheinend wenig Handlung haben, aber einen untrüglichen Blick für das, was eine junge Frau, einen Star, eine einsame Tochter aus bestem Haus ausmacht.

Für Warhol war sie das „Poor Little Rich Girl“, für Nico die „Femme Fatale“, Bob Dylan besang sie in „Just Like a Woman“. Für George Hickenlooper ist sie das Klischee all dieser persönlichen und vertrackten Zuschreibungen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Alamode, FAZ.NET

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