Von Peter Körte
31. August 2005 Als der Zombie Zombie war, wußte er nicht, daß er Zombie war, alles war ihm unbeseelt, und alle Seelen waren untot. Doch auch vorm Zombie macht die Ontogenese nicht halt, selbst wenn sein biologischer Zustand sich kaum widerspruchsfrei beschreiben läßt.
Er existiert im Grunde nicht, er ist nicht lebendig und auch nicht tot, weshalb man ihn untot nennt und fast alles, was man über ihn behauptet, in Anführungszeichen setzen muß - denn wie soll, nur zum Beispiel, ein Zombie erschossen werden? Es gibt also viele Fragen an das Sein des Zombies, welches ja ebenso auch ein Nichts ist, und wenn man sich irgendwo Rat holen kann, dann bei George A. Romero, dessen Klassiker Die Nacht der lebenden Toten (1968) es bis in die Filmsammlung des Museum of Modern Art gebracht hat.
Schlurfend durch die Jahrzehnte
Land of the Dead ist nun Teil vier der Zombie-Saga, und das nötigt einem die Frage auf, ob womöglich das Zombie-Genre selbst ein Zombie ist, weil es nicht mehr recht leben kann, aber auch nicht sterben will und sich langsam schlurfend durch die Jahrzehnte bewegt. Das ist sein Fluch, das ist aber auch seine Chance, und deshalb hat sich Romero zu einer erstaunlichen Innovation entschlossen. Die Zombies entwickeln rudimentäre Formen der Kommunikation, sie rotten sich zusammen, sie lernen, eine Feuerwaffe zu bedienen, und wie eine industrielle Reservearmee rücken sie vor auf die letzte Bastion, in der die Menschheit sich verschanzt hat: auf einen Glas-Beton-Luxus-Wohnturm mit Shops und Eigentumswohnungen. Fiddler's Green heißt diese Festung der Reichen, ihr Herrscher ist ein Mister Kaufman (Dennis Hopper), und am Fuße des Turms, auf eingezäuntem Terrain, atomisiert sich das Soziale. Söldner und Menschen leben hier, denen nichts geblieben ist.
Romeros Zombie-Filme waren immer auch soziale Parabeln, die einen mit der Frage entließen, ob die Lebenden eigentlich so viel besser dran sind als die Untoten. Das macht sie ein wenig plakativ, aber nie aufdringlich. Sie spielen in einem Farmhaus, einem Bunker, einer Shopping Mall und nun in einer Endzeitstadt. Es gibt wieder manche gemischte Schlachtplatte, rustikale Dialoge und das unaufhaltsame Vorrücken der Untoten. Und irgendwann gibt es ein kleines Problem. Auch in einer Parabel müssen die soziologischen Eckdaten stimmen. Wie konservieren die Turmbewohner ihren Reichtum, wie vermehren sie ihn, wenn es keine Börsen, keine Fabriken, wenn es praktisch keine Ökonomie mehr gibt? Wer produziert die teuren Markenartikel, die in den Schaufenstern von Fiddler's Green ausliegen? Woher stammt das Benzin für das Panzerfahrzeug, in dem Kaufmans Söldner den Nachschub organisieren, wo sind noch Destillerien, in denen der Alkohol hergestellt wird, welchen die Söldner requirieren? Herrscht eine Schattenökonomie, die man sich wie ein Pendant zur Existenzform der Zombies vorstellen muß?
Der Söldner und das Mädchen
Daß die Logik nicht am Ende ist, wenn es mit der Welt zu Ende geht, das konnte man gerade in Romeros früheren Zombie-Variationen sehen, wie in Dawn of the Dead (1978), in dem die Überlebenden in der Shopping Mall eine neue Infrastruktur improvisierten, Bank und Gun Shop inklusive. In Land of the Dead geht es nur noch darum, daß einer der Söldner (John Leguizamo) rein in den Turm und einer (Simon Baker) raus nach Kanada will, daß letzterer ein schönes Mädchen (Asia Argento, die Tochter des italienischen Horrorveteranen Dario Argento) rettet und in diesen kargen Zeiten mit einem Gesichtsausdruck auskommen muß. Im Vergleich zu all dem, was in den letzten Jahren an Zombies durch die Kinos schlich, hat Romeros Szenario jedoch immer noch eine gewisse Kohärenz und einen blutigen Ernst, der sich nicht sofort in albernes Grauen oder grauenhafte Albernheit verflüchtigt.
Die schmatzenden, schlürfenden Geräusche lösen zusammen mit dem, was man sieht, noch immer ziemliche Ekeleffekte aus, weil es bei Romero im Vergleich zu den aseptischen Spezialeffektschlachten des Mainstreamkinos auf eine sehr altmodische Weise roh und blutig zugeht. Gegen die High-Tech-Varianten des Sterbens setzt der Film die krude Handarbeit, und das macht seinen unzeitgemäß-morbiden Charme aus. Allmählich sollte es jetzt aber mit der Evolution des Zombies mal ein Ende haben - nicht, daß sie noch ihre Lautsprache ausdifferenzieren und entwickeltere Formen des Sozialen hervorbringen. Doch als ich das Kino nach der Vorführung verließ, da schlurfte ein paar Meter vor mir ein Mann, dessen Bewegungen seltsam verlangsamt und unkoordiniert wirkten, und das vom Glasdach gefilterte Dämmerlicht im Berliner Sony-Center erinnerte unwillkürlich an die Mall in Dawn of the Dead (1978). So viele Filme gibt es nicht mehr, nach denen einem so etwas passiert.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite 24
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von United International Pictures
