Video-Filmkritiken

Filmkritik

Eine künstliche Ruine der Filmgeschichte

Von Andreas Kilb

Video in voller Größe

Filmkritik: George Clooney in "The Good German"

28. Februar 2007 Ein Regisseur, der seine Filme nicht nur dreht, sondern auch schreibt oder produziert, darf sich guten Gewissens „Autor“ nennen, in Deutschland ebenso wie in Amerika. Steven Soderbergh aber tut noch mehr. Bei „The Good German“ beispielsweise hat er neben seiner Regisseursarbeit nicht nur als Produzent gearbeitet, sondern auch unter seinem nom de plume Peter Andrews die Kamera geführt und sogar, wie in vielen seiner Filme seit „Sex, Lügen und Video“, den Schnitt besorgt. Wenn es so etwas wie einen Autorenfilmer vom Dienst in Hollywood gäbe, dann wäre Soderbergh genau der richtige Mann für den Job.

Dennoch fehlt etwas in Steven Soderberghs scheinbar perfektem Autorenkino. Man könnte es ein Thema nennen: irgendein grundsätzliches Interesse, eine Leidenschaft, eine Sache, der sich der Regisseur restlos verschrieben hätte. Soderbergh besitzt nichts dergleichen. Stattdessen hat er einen rastlosen Appetit auf alles Mögliche, auf jede Art von visueller Extravaganz, solange sie nicht allzu experimentell wirkt. Die Studios geben Soderbergh immer wieder gern Geld für seine Projekte, und die Stars fühlen sich geschmeichelt, in seinen Filmen mitspielen zu dürfen. Steven Soderbergh verkörpert genau den Typus von frei flottierendem Genie, den Hollywood braucht, um seine Produktpalette zur Arthouse-Szene hin abzurunden. Vielleicht ist sogar der gelegentliche kommerzielle Misserfolg von Soderberghs Kunststücken, etwa bei seinem „Solaris“-Remake und seiner Nouvelle-Vague-Hommage „Full Frontal“, ein Teil der Kalkulation: Kleine Flops am Rande bestätigen den Mainstream in der Mitte.

Soderbergh hat sich selbst die Hände gebunden

Für „The Good German“ hat Steven Soderbergh nun etwas getan, was seiner Virtuosität hohnspricht: Er hat sich selbst die Hände gebunden, bevor er an die Arbeit ging. Der Film wurde vollständig auf entfärbtem Filmmaterial mit monofokalen Linsen und alten Glühscheinwerfern gedreht, die ein hartes, grelles Licht verbreiteten. Moderne Funkmikrofone waren verboten, stattdessen kamen klassische Mikrofongalgen zum Einsatz, wodurch die Schauspieler gezwungen wurden, ihre Dialogzeilen laut und theatralisch aufzusagen. Bei den Autofahrten wurde eine antiquierte Rückprojektionstechnik verwendet, und die Kulissen - der Film spielt in Berlin - standen in den Hallen und auf dem Freigelände zweier Filmstudios in Los Angeles.

Und dies alles, um - ja, warum eigentlich? Weil Soderbergh beweisen wollte, dass man auch heute noch Filme drehen kann wie in den vierziger Jahren? Nein, weil er zeigen will, dass er es kann. Die Geschichte sei das Unwichtigste in „The Good German“, hat Soderbergh in Interviews erklärt, und wer den Film gesehen hat, muss ihm recht geben. Es geht nicht darum, dass George Clooney Cate Blanchett liebt und Cate Blanchett ihren Film-Mann Christian Oliver, oder dass die Russen hinter den Amerikanern her sind und alle beide hinter den Nazi-Wissenschaftlern aus dem Team Wernher von Brauns. Es geht darum, dass Steven Soderbergh „Casablanca“ und „Eine auswärtige Affäre“ und den „Dritten Mann“ gesehen hat und dass er dieser Erfahrung ein Denkmal setzen will. Ein laufendes, tönendes, schwarzweißes. Einen Film.

Er hat noch eine Lena in Berlin

Weil aber das Kino eine erzählende Kunst ist und weil es zu „The Good German“ sogar eine Romanvorlage von Joseph Kanon gibt, kommt man an der Geschichte dann doch nicht vorbei. Sie handelt davon, wie der Zeitschriftenkorrespondent Jake Geismer (Clooney) im Sommer 1945 ins zerstörte Berlin kommt, um über die Potsdamer Konferenz der Siegermächte zu berichten. Nebenbei will er auch noch Lena Brandt (Blanchett) wiederfinden, seine Geliebte aus goldenen Vorkriegstagen. Als Geismers Fahrer Tully (Tobey Maguire), der rein zufällig sein Nachfolger in der Gunst Lenas ist, als Wasserleiche endet, gerät der Zeitungsmann in ein Netz staatlicher und privater Intrigen und Interessen. Lenas Ehemann, der sich in der Kanalisation unter der Trümmerstadt verbirgt, weiß mehr über die Vorgänge im Raketenwerk „Dora“, als den neuen Herren der Welt lieb sein kann.

Aber auch Lena mußte für ihr Überleben unter den Nazis einen Preis zahlen, der das Happy End mit Geismer in letzter Minute abwürgt. Cate Blanchett hat für ihren Auftritt die Mimik und Gestik von Ingrid Bergman studiert, doch ein Geständnis, wie sie es am Ende von „The Good German“ hervorpresst, wäre Bergmans Figuren nie über die Lippen gekommen. Es liegt eben doch ein Abgrund zwischen Original und Hommage.

Postkarten an die Kinogeschichte

Man soll die Qualität dieses Films nicht unterschätzen. Die Mühelosigkeit, mit der er dokumentarisches Archivmaterial, darunter Aufnahmen William Wylers und Billy Wilders aus dem Nachkriegsberlin, mit seiner Erzählung verwebt, die Eleganz des Spiels mit Licht und Schatten, der fließende Wechsel von Innen- und Außeneinstellungen, die Körperlichkeit der schwarzweißen Bilder, all das hebt „The Good German“ aus dem Durchschnitt zeitgenössischer amerikanischer Geschichts-Epen heraus. Aber es ist doch etwas anderes, ob man eine Figur, eine Szene oder einen ganzen Film als Hommage anlegt. Gerade weil „The Good German“ mit der Retromode Hollywoods, die auch George Clooneys vielgelobten, von Soderbergh produzierten Film „Good Night, and Good Luck“ hervorgebracht hat, wirklich Ernst macht, kommt er unvermeidlich an den Endpunkt des Retrokinos, die pure Beliebigkeit.

Man glaubt der Geschichte nichts mehr, weil sie nur Vehikel für die Bilder ist statt umgekehrt. Die Tunnelblicke in die Kanalisation à la „Dritter Mann“, die Wiederholung des Schlussbilds aus „Casablanca“ haben nichts zu bedeuten, weil sie bloß Wiederholungen sind, Postkarten des Regisseurs an die Kinogeschichte.

Soderbergh hat sich selbst eine Falle gestellt

So stürzt Soderbergh in die Falle, die er sich selbst aufgebaut hat. Der Eifer, mit dem er die Klassiker auf Augenhöhe nachahmt, macht ihn blind für seine eigene Geschichte, der starre Blick auf die Vorbilder lähmt seine Phantasie. Einmal, kurz vor dem Showdown, verirren sich Geismer und Lena in ein zerbombtes Kino. Da hat der Film seine eigene Metapher gefunden. Die künstliche Ruine, in der er spielt, ist ein treffendes Bild seiner selbst.

In Nordamerika war „The Good German“ ein Flop. Das Publikum von „Turner Classic Movies“ muss nicht ins Kino gehen, um zu sehen, was der Film ihm zeigen will. Um den genialen Handwerker Steven Soderbergh braucht man sich dennoch keine Sorgen zu machen. Während die Kritiker noch mit seiner Fingerübung im Studiostil beschäftigt sind, hat er bereits „Ocean's Thirteen“ abgedreht, den dritten Teil seiner erfolgreichen Gangster-Epopöe nach Mustern der sechziger Jahre. So wird ihm Hollywood auch weiterhin seine Extravaganzen finanzieren. Bis er selbst entweder vergessen oder ein Klassiker ist.



Text: F.A.Z., 28.02.2007, Nr. 50 / Seite 35
Bildmaterial: Warner Bros. Pictures

 

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