Video-Filmkritiken

Kino

Machtgier und Größenwahn: „Das Goebbels-Experiment“

Von Michael Jeismann

Video in voller Größe

Film-Kritik: Joseph Goebbels in "Das Goebbels-Experiment"

14. April 2005 Was will der Film „Das Goebbels-Experiment“ beweisen, was will er widerlegen? Um welches Experiment handelt es sich? Lutz Hachmeister und Michael Kloft haben eine abendfüllende Dokumentation komponiert, die nichts anderes zeigt als Aufnahmen aus Wochenschauen, verschiedenes zeitgenössisches Filmmaterial, von den zwanziger Jahren bis zum Kriegsende.

Dazu hört der Zuschauer Tagebucheintragungen von Joseph Goebbels sowie Auszüge aus seinen und Hitlers Reden. Kein historischer Kommentar, keine Korrektur - Goebbels erzählt seine Geschichte des Dritten Reichs, gelesen von Udo Samel. Dieser Film ist ein Verfahren, das sich selbst zum Thema hat.

Vor zehn Jahren kaum möglich

Ein zweites Experiment gilt dem Zuschauer: Als der Film auf der Berlinale im Februar gezeigt wurde, hat man darauf hingewiesen, daß hier auf die pädagogische Absicherung ganz verzichtet wurde. Das wäre vor fünfzehn, ja vielleicht vor zehn Jahren kaum möglich gewesen. Warum? Mußte man in den achtziger oder neunziger Jahren noch befürchten, daß von den unkommentierten Äußerungen der Führungsclique des „Dritten Reichs“ ein politischer Reiz ausgehen könnte? Das wird man nicht im Ernst behaupten wollen.

Warum also erscheint ein solches Verfahren heute nicht nur als politisch-pädagogisch möglich, sondern als interessant? Das ist die Frage, die dieser Film aufwirft. Der lange innere (Tagebuch-)Monolog eines der mächtigsten Männer nach 1933 in Deutschland. Und man hört alles in allem nichts als Phrasen, Weinerlichkeit, Größenwahn, Lüge und Heimlichkeit eines schmächtigen Mannes mit stechenden Augen.

Verzweiflung und Selbstvergötterung

Er fühlt sich rasch zurückgesetzt, er schwankt zwischen Verzweiflung und Selbstvergötterung, er findet fast alle spießig, und ist doch selbst der Oberspießer. Dauernd hat er es an den Nerven, wenn er nicht gerade irgendeiner „blonden Süßigkeit“ nachjagt. Und der innere Führungskreis des Dritten Reichs erscheint aus dieser Perspektive in aller Deutlichkeit als eine Clique mehr oder weniger partiell begabter Kretins, die sich gegenseitig mal verachten, mal wieder mögen - „Göring ist doch ein lieber Kerl“, schreibt Goebbels in gehobener Stimmung, nachdem er ihn zuvor noch verkommen fand.

Kein Wunder, daß der Film nach zwanzig Minuten etwas öde wird, weil der Tagebuchschreiber einfach in seinen Äußerungen eine so geringe emotionale und intellektuelle Spannbreite aufweist. Nein, Goebbels ist nicht einmal interessanter Bohemien oder Literat, nicht der Mephisto des Regimes. Zu all dem fiele dem Betrachter auch nicht mehr viel ein, wenn nicht einige Punkte interessant wären, die dieses Filmexperiment hervortreten läßt.

Plan A und Plan B

Eines ist die Magie des Aufbruchs während der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Nationalsozialismus lebte von nichts anderem als einer sich steigernden Folge von Versprechungen, - die er tatsächlich hielt und halten konnte, weil diese immer zwei Varianten hatten, Plan A und Plan B sozusagen. Wenn nicht Weltherrschaft, dann eben Untergang, wenn nicht Frieden, dann eben Krieg. Wenn nicht Überzeugung durch Propaganda, dann eben Überwältigung durch Terror. Dauernd mußte irgendetwas weg, mußte irgendetwas ausgemerzt werden.

Insbesondere die forcierte Stimmungsaufhellung durch Goebbels läßt heutige Parolen vom „Ruck“ und dergleichen, so unschuldig sie auch sein mögen, ein ziemlich ungutes Echo in den dauernden Appellen jener Jahre finden. Es wird zunächst leerlaufend hochdrehende Dynamik erzeugt, die dann auf irgendein Ziel losgelassen wird. Darin ist Goebbels ein Meister und zwar bis zum Schluß, zumal er sich zur Mobilisierung hier aus dem reichhaltigen Fundus des älteren Nationalismus bedienen kann, die seinen Zuhörern durch Lied und Schrift bestens bekannt waren.

Die Gier nach Macht

Was diesen Film auszeichnet, ist die Gründlichkeit, mit der hier zum Soundtrack Goebbels-Filmbilder gesucht und gefunden wurden. Gerade die Bilderfolge, in der der Übergang von der Opposition zur Macht gezeigt wird, sind außerordentlich aufschlußreich. Die Unsicherheit vor dem Eingang zur Macht, die überspielt wird, die Gier nach Macht, die ganz unverhohlen als das eigentliche Programm ausgegeben wird. Warum waren die Nationalsozialisten so versessen auf Inszenierung, Effekt und Rhetorik? Der Film beantwortet diese Frage klipp und klar: Weil sie wenig zu bieten hatten, spiegelten sie alle möglichen Aspirationen, die sie ohne Gnade Wirklichkeit werden ließen - bis ihr Spiegelkabinett in Trümmer fiel.

In Venedig bewundert Goebbels aus Anlaß der Filmfestspiele die Paläste und wünscht sich Monumentales für Berlin. Er fühlt die eigene Nichtigkeit nur zu genau. Der Film bringt hier auf bemerkenswerte Weise eine sozialpsychologische Studie in der Kombination aus Bild und Ton zustande. Wer das einmal gesehen und gehört hat, hat schon ein Gespür für das gewalttätig Hohle: „Ästhetisierendes Herumexperimentieren aus unserem Filmwesen beseitigt“, meldet sich Goebbels einmal selbst. Möglichst immer alles beseitigen, das Parlament, die Ästhetik, die Juden. In Goebbels Handspiel während einer Rede, die ganz zu Beginn des Films zu sehen ist, kann man all dies lesen, mag er die Hand wenden und winden, wie er will.

Schließlich ist der Film ein weiterer Beleg für die Tendenz zum „Privaten“, Individuellen, die nicht zuletzt auch in der großen Welle an Weltkriegs-Memoirenliteratur zum Ausdruck kommt. Das ist verständlich. Man möchte die Menschen sehen, möchte etwas erleben. Deshalb interessiert das Private. Das Private ist heute der Modus des kollektiven Erlebens. Auch in anderer Hinsicht ist das Experiment von Lutz Hachmeister und Michael Kloft gelungen: Genaugenommen kann der mächtige Propagandaminister nicht einmal sich selbst gehörig stilisieren, wie das „Goebbels-Experiment“ beweist. Das hätte ihn wohl am meisten geschmerzt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3. 4. 2005, Nr. 13 / Seite 28

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche