Von Peter Körte
12. Juni 2008 Wie hat man sich ihn denn nun vorgestellt? Den Mann, der mitten im Hollywood-Mainstream vom Übersinnlichen erzählt? Der den Sixth Sense hat und der Signs liest, merkwürdige Kreise im Kornfeld, die womöglich Zeichen aus einer anderen Welt sind? Schwer zu sagen. Man möchte ja nicht seinen eigenen Vorurteilen zum Opfer fallen. Bestimmt nicht als Esoteriker mit Räucherstäbchen, der einen zum Yogi-Tee bittet, aber auch nicht so, wie er einem in der Hotelsuite gegenübertritt: in schwarzer Anzughose und weißem Oberhemd, das den Blick auf ein kleines Amulett um den Hals freigibt, in Gestik und Verhalten sehr amerikanisch, professionell, eloquent und gut gelaunt.
M. Night Shyamalan, der 1999 mit Sixth Sense weltberühmt wurde und mit Das Mädchen aus dem Wasser (2006) ziemlich auf Grund lief, signiert Plakate seines neuen Films The Happening für die Mitarbeiter des deutschen Verleihs, und während wir uns unterhalten, kämpft er mit dem Faserstift, der auf dem Hochglanzpapier keine Spuren hinterlassen will. Ist das nicht bizarr, die eigene Unterschrift in den Freiraum zwischen toten Körpern zu setzen? Shyamalan lacht, der Stift beschäftigt ihn mehr als die Frage, er sucht sich seinen Weg zwischen den auf dem Rasen verstreuten Toten, die das deutsche Filmplakat zeigt. Auf dem amerikanischen Plakat, sagt er, sehe man Mark Wahlberg und Zooey Deschanel zwischen einstürzenden Hochhäusern, und über diese Differenz kommen wir ins Gespräch.
Katastrophenfilm oder Kammerspiel?
Ist The Happening, der nichts mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter einem Happening versteht, nun eher ein typischer Katastrophenfilm oder ein Kammerspiel vor dem Hintergrund des drohenden Weltuntergangs? Shyamalan bevorzugt das Einerseits und das Andererseits. Und wir einigen uns darauf, dass The Happening wohl ein intimer Albtraum ist, ein Weltuntergangsszenario, welches in der Bedrohung der Menschheit die Liebe und das Vertrauen eines Paares als rettende Kräfte entdeckt. Das muss man nicht überzeugend finden, aber als Beschreibung reicht es erst einmal.
Menschen bleiben stehen, mitten im Central Park, Menschen gehen rückwärts, Menschen werfen sich vors Auto oder vor einen Rasenmäher, stürzen sich einfach von einem Rohbau oder klettern in ein Löwengehege. Natürlich ist das eine ziemlich durchsichtige Metapher auf unsere Zivilisation, die sich selbst zerstört. Der Selbsterhaltungstrieb ist erloschen, und keiner weiß warum. Am Anfang nicht - und auch nicht am Ende. Hat die Regierung etwas vertuscht, Zwischenfälle in Atomkraftwerken zum Beispiel, war es ein Virus oder eine toxische Verseuchung der Luft? Und warum ist nur der Nordosten der Vereinigten Staaten betroffen?
Das ist sein Territorium
Shyamalan lächelt und zuckt mit den Achseln. Das ist sein Territorium, das ist Shyamalan-Territorium. Vielleicht ist es auch nur eine Masche. Der Flirt mit dem, was wir uns nicht erklären können. Der Mann, der 1970 in Indien geboren wurde und in der Gegend von Philadelphia aufwuchs, hat in seinen Filmen immer wieder mit solchen Rätseln jongliert, bis die Geschichten vor lauter Geheimniskrämerei seltsam geheimnislos wirkten. Jetzt erzählt der Lehrer (Mark Wahlberg) seinen Schülern von den Bienenvölkern, die einfach verschwunden sind, und wenn er mit seiner Frau und der Tochter eines Freundes aufs Land flieht, bringen sich manche um, während die anderen überleben, ohne dass ein Muster darin erkennbar würde.
Er habe bei seinem Film an Die Vögel von Hitchcock gedacht oder an die Invasion der Körperfresser, sagt Shyamalan, er liebe auch Die Nacht der lebenden Toten von George Romero: Die metaphorische Qualität ist sehr hoch. Vom Sujet her ist ,The Happening' ein B-Movie, fügt er hinzu. Der Film kommt ohne Massenpanik mit vielen Komparsen aus, er lässt den Schrecken wachsen, wenn ein Windstoß aufkommt. Das passiert häufiger, und immer wenn der Wind geweht hat, sind ein paar Leute mehr zum Suizid bereit. Ich fühle mich wohl in diesem Genre vom Untergang der Welt, sagt Shyamalan lächelnd, ohne dass es ironisch wirkte. Er habe recherchiert, natürlich, und dann streckt er auf einmal seine Hand vor, deutet auf den Handrücken und sagt: Es ist, als wenn hier eine leichte Hautrötung wäre. Warum ist sie gerade an dieser Stelle, warum nicht anderswo auf der Haut? Das kann einem der Arzt auch nicht erklären.
Das Herz des Films
Shyamalan hat in The Happening auch auf die finale Pointe verzichtet, auf die seine Filme sonst zulaufen - zumindest fällt sie anders aus als sonst. Es gibt eine Erfahrung, sagt Shyamalan, es geht um zwei Menschen, um das, was sie voneinander lernen, was sie zueinander sagen, wenn es womöglich ihr letztes Gespräch ist. Das ist für mich das Herz des Films, das ist die Offenbarung, welche den enthüllenden Momenten in meinen anderen Filmen entspricht. Er glaubt an sie.
Ob der Zuschauer das glaubt, ist eine andere Frage. Aber M. Night Shyamalan, der verrät, dass sein Mittelname Night indianischer, nicht indischer Herkunft sei, erklärt einem etwas über das Erklärenwollen: Es gibt vieles, was man nicht erklären kann: Warum jemand nicht stirbt, obwohl die Ärzte ihm nur noch ein paar Wochen geben. Wir fühlen uns gedrängt, alles einzusortieren, immer eine Erklärung zu finden. Das wirkliche Leben läuft aber nicht so. Wir wollen sie nur so verzweifelt, diese Definitionen und Gründe. Aber wir haben nicht das Kommando auf diesem Planeten.
Trügerische Klarheit
Das sind Sätze, die Klimaschützer, Umweltexperten und um den Planeten besorgte Bürger jederzeit unterschreiben können, sie haben diese trügerische Klarheit, der man nicht widersprechen kann, und diese Folgenlosigkeit, sobald man darüber reden muss, was denn zu tun sei, um der konsensfähigen Diagnose eine Therapie folgen zu lassen. Es ist auch leicht, sich darauf zu einigen, dass unser Weltbild anthropozentrisch ist, zu sehr auf den Menschen ausgerichtet, dass es in allen Religionen, im Buddhismus wie im Christentum, bei Navajos und Muslimen, einen gemeinsamen Boden gibt: Dass sich nämlich irgendwann rächt, was man der Natur angetan hat. Und diese Schuld, sagt Shyamalan, könne biblische Proportionen annehmen wie bei einem Tsunami.
Aber, fragt die westliche, die aufgeklärte Skepsis, gibt es da nicht einen feinen Unterschied? Ob man von einem Phänomen, das gerade nicht erklärbar ist, auf übersinnliche Ursachen schließt, oder ob man nüchtern annimmt, man wisse noch nicht genug, um es zu erklären? Natürlich, sagt Shyamalan temperamentvoll, das sei der große Unterschied. Deshalb gibt es das Einstein-Zitat im Film. Der größte Wissenschaftler der Welt sucht Gottes Muster in allen Dingen. Hinter allem steckt etwas, was man nicht erklären kann, wenn man genau hinsieht. Ja, das mag schon so sein, doch wenn man sich einen Film zu erklären versucht, der bestechend einfach gemacht und sehr simpel gedacht ist, dann kommt man ganz gut auch ohne Gottes Muster aus.
Kalkül statt Karma
Und dann, gegen Ende, nimmt das Gespräch noch eine kleine Wendung. Wir sprechen über die Szene, in der ein Vater (John Leguizamo) seine achtjährige Tochter bei seinen Freunden lässt, um nach seiner Ehefrau zu suchen. Das glaubt Ihnen doch keiner, der selber Kinder hat. Haben Sie nicht auch zwei? - Ja, sagt der Regisseur, der auch der Drehbuchautor ist und der Produzent, aber schauen Sie, es gibt eine fünfprozentige Chance, dass die Frau lebt, und er vertraut das Mädchen seinem besten Freund an. Er schützt sie, weil sie dort sicher ist! - Und woher weiß er das in dieser Situation der allgemeinen Ungewissheit? - Es ist ein Gefühl, es kommt aus dem Bauch heraus. Ich bin auch so, ich würde auch nach der fünfprozentigen Chance greifen.
Und das klingt dann doch eher nach Risikomanagement als nach Karma, weniger nach dem sechstem Sinn als nach Kalkül. Vielleicht muss man sich den freundlichen M. Night Shyamalan als einen nüchternen Mystiker vorstellen, der mit dem Unerklärlichen spekuliert, weil das Publikum daran mitunter Gefallen findet, und der sich bei seinen letzten Filmen einfach ein bisschen verrechnet hat.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Fox